Wenn ein Bundespräsident stürzt, ist das ein spektakulärer Vorgang. Im Fall Wulff wurde daraus ein echtes Drama: Rücktritt 2012, Anklage 2013. Und dann lief ihm auch noch, wie es so unschön heißt, die Frau weg. In dem Fall war das nicht nur seine Frau, sondern tatsächlich die Frau. Die Frau, um die sich so viele Gerüchte rankten, die Frau, der viele eine Mitschuld am Abheben des einst so braven Präsidenten gaben. Die Frau, die sich beim Rücktritt ihres Mannes mit Absicht ein paar Schritte von ihm entfernt hinstellte und das dann auch noch neben vielen anderen wenig schmeichelhaften Berichten in einem Buch kundtat (Jenseits des Protokolls).

Die Frau, die nach seinem tiefen Fall zusammen mit den Kindern alles war, was Christian Wulff noch geblieben war.

Dass die Frau im Hintergrund schuld sei, wenn mit dem Mann im Vordergrund etwas schiefläuft, diese Vermutung ist an sich nichts Neues. "Da steckt doch garantiert sie dahinter!", heißt es dann gern. Denn sie, ist ja klar, will in der Regel Geld, Ruhm, Fernsehauftritte und Urlaube mit Carsten Maschmeyer und Veronica Ferres. Im Fall Wulff allerdings gingen auch diese Vermutungen weit über das übliche Maß hinaus, vermischten sich Vordergrund und Hintergrund, Gerüchte und Wahrheiten auf einmalige und zuweilen groteske Weise.

Absolut folgerichtig war demnach die Annahme: Wenn der das Amt los ist, ist er sie auch los. So kam es, und die wenigen Freunde, die Christian Wulff geblieben waren, fragten sich damals, ob ein Mensch solch einen jähen Sturz überstehen kann.

Wer allerdings das Buch von Bettina Wulff gelesen hat und Christian Wulff schon etwas länger kennt, konnte ahnen: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Die Männer war das Kapitel zwei in Bettina Wulffs Buch überschrieben. Sie berichtete darin von früheren Beziehungen, unter anderem der zum Vater ihres ersten Sohnes, dessen übermäßige, an Pflichtvergessenheit grenzende Entspanntheit (plus finanzielle Schwierigkeiten) sie schwer erträglich fand. "Es machte mich rasend, wie Torsten abends ins Bett gehen konnte, ohne zu wissen, wie der nächste Tag aussieht." Bald habe sie sich als allein Verantwortliche für das gemeinsame Leben gefühlt. Zweierlei konnte man dem Buch entnehmen: dass Frau Wulff einen besseren Lektor gebraucht hätte. Und dass sie vor allem eines schätzt: Normalität und Sicherheit.

Davon hatte Christian Wulff zu allen Zeiten reichlich zu bieten. Außerdem ist er es fast schon gewohnt, dass seine Erfolge sich etwas später einstellen, man könnte sogar sagen: Der mehrfache Anlauf ist sein Markenzeichen. Drei Anläufe brauchte er, um Ministerpräsident von Niedersachsen zu werden, drei Wahlgänge brauchte es, bis die Bundesversammlung ihn zum Bundespräsidenten wählte. Da hätte eigentlich klar sein müssen: Ein Wulff gibt so schnell nicht auf. Und: Nach nur einer Trauung konnte die Sache mit der Ehefrau eigentlich noch nicht gelaufen sein.

Und tatsächlich: Immer öfter sah man die beiden im Lauf des Jahres 2014 zusammen. Sahen sie nicht ziemlich entspannt aus, geradezu fröhlich?

In diesem Oktober dann die Nachricht: Die Wulffs haben wieder geheiratet. Diesmal kirchlich. Evangelisch in einer katholischen Kirche. Damit, so sieht es Wulff, habe man die von Papst Franziskus verordnete neue Großzügigkeit der katholischen Kirche gegenüber Geschiedenen maximal ausgeschöpft. Das war ihm wichtig.

Irgendwie haben sie es also geschafft: das Amt hinter sich zu lassen, das beide so strahlend begonnen und so zerrüttet verlassen haben. Und die Tatsache, dass das Schlimmste und Verletzendste über Christian Wulff gar nicht von Journalisten geschrieben worden war, sondern von seiner Frau: Christian Wulff sei jemand, der keinen Zugang zu seinen eigenen Gefühlen und Wünschen habe, ein zutiefst von sich selbst entfremdeter Mensch also.

Seine Frau habe sich wieder gefunden, hat Wulff einmal im kleinen Kreis gesagt. Mehr wolle er zu dem Buch nicht sagen. Für ihn gilt das wohl auch: Wulff hat etwas von sich wiedergefunden, das er vielleicht nicht durch die Politik, aber in der Politik verloren hatte. Und beide haben von Neuem zueinander gefunden.

Nun sieht man sie wieder gemeinsam als Paar, beim Festakt zur deutschen Einheit, beim Brötchenkaufen in Großburgwedel, zuletzt beim Staatsakt für Helmut Schmidt im Hamburger Michel.

Die beiden Söhne freuen sich, dass wieder alle zusammen frühstücken. Der Islam gehört inzwischen recht unzweifelhaft zu Deutschland, ob einem das nun passt oder nicht. Christian Wulff reist wieder durch die Welt, als Präsident des Euro-Mediterran-Arabischen Ländervereins EMA oder im Auftrag von Bundeskanzlerin Merkel. Zuletzt vertrat er sie und Außenminister Steinmeier bei der Amtseinführung des neuen argentinischen Präsidenten. Es ist ein stilles Comeback, so wie auch die Hochzeit diesmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hat.

Wir Zuschauer und Politikbewerter sagen dazu mal nix. Außer: Das Happy End gönnen wir den beiden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio