Mit Popmusik für Kinder verhielt es sich lange Zeit wie mit Kindertellern im Restaurant. Erwachsene achten darauf, dass ihr Essen keine gleichförmige Industrieware ist, sondern abwechslungsreich, gesund und gekonnt zubereitet.

Und die Kinder? Kriegen nicht dasselbe in kleinen Portionen, sondern den Benjamin-Blümchen- oder Biene-Maja-Teller, also paniertes Schnitzel mit Pommes oder Chicken-Nuggets. So wie das schmeckt, klingt auch ein großer Teil der Kinder-CDs. Ob es nun Disney-Platten sind oder die No-Name-Produktionen, die im Drogeriemarkt zwischen Windeln und Ohropax zum Verkauf angeboten werden: In der Regel herrschen Dauer-Dur, die immergleichen Akkordfolgen und quäkende Stimmen, die ihre einfallslosen Textzeilen so oft wiederholen, dass garantiert ein Ohrwurm zurückbleibt.

Musik für Kinder und für Erwachsene stammt mit wenigen Ausnahmen aus getrennten Welten, mit unterschiedlichen Ansprüchen und jeweils eigenem Personal. Seit einiger Zeit bröckelt die Grenze. Im Oktober erschien der Sampler Unter meinem Bett, auf dem sich Kinderlieder von Singer-Songwritern finden, die bisher nur für Erwachsene gesungen haben. Darunter viele, die man von Hamburger Bühnen kennt: Bernd Begemann schmachtet den Sommer an, Gisbert zu Knyphausen steuert einen Protestsong für Kita-Verweigerer bei, und Olli Schulz hat mit Theme from Kommissar Ärmchen einen wunderbar schnoddrigen Titelsong für eine noch zu erfindende Kinderserie geschrieben.

Bereits einige Jahre zuvor kompilierte die Musikerin Bernadette La Hengst ein Album namens Tonangeberei – Songs für jedes Alter ab 3, mit Künstlern wie Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Knarf Rellöm. Der Anspruch, Musik für Kinder zu machen, die auch Eltern gefällt, geht dabei auf: Als die Schriftstellerin Kristine Bilkau neulich in einer Sendung des Deutschlandfunks ihre Lieblingslieder spielte, legte sie auch den Dada-Schlager Schmetterling aus Beton von Pastor Leumund auf, der auf Tonangeberei veröffentlicht worden ist.

Der besondere Dank all jener, die Kinderlieder zweimal, dreimal, zehnmal hintereinander hören müssen, gilt aber vermutlich der Band Deine Freunde. Das Trio um Lukas Nimscheck (Ex-Tigerenten-Club-Moderator), DJ exel. Pauly (scheibt sich wirklich so; Tour-DJ von Fettes Brot) und Florian Sump (Ex-Schlagzeuger der Teenieband Echt) macht Rap für Kinder. Und das geht erstaunlich gut auf, wie Kindsköpfe beweist, ihr drittes Album.

"Unsere Konzerte, die folgen einer Logik / wir legen großen Wert auf Bewegungspädagogik / springt hoch, hoch wie noch nie / lernt mit uns rappen, das ist Logopädie", texten Deine Freunde im ersten Song ihres Albums. Später reimen sie "Stubenarrest" auf "Budapest", rappen von Oboe und Fagott und von der "Not-to-do-List". Das wird vielen Sechs- bis Neunjährigen erst mal rätselhaft erscheinen, leuchtet aber ein: Wenn die ganze Welt voller neuer Entdeckungen ist, warum sollten dann ausgerechnet Songtexte leicht verständlich und langweilig sein?

Auffällig häufig rappen Deine Freunde diesmal über elterliche Autorität und Interessenkonflikte – über Eltern, die nicht zuhören wollen, Schatz, über Eltern, die ermahnen, Das macht man nicht, über Eltern, die ihre guten und ihre schlechten Seiten haben, Die besten gemeinsten Eltern der Welt.

Doch auch Kinder sind hier nicht fehlerlos, sondern drücken sich vor der Arbeit, Hausaufgaben, bekommen Wutanfälle, 180, und versuchen, sich aus der Verantwortung zu reden, Unschuldslamm. Das nennt man wohl "pädagogisch wertvoll": Deine Freunde bieten sich als Vermittler zwischen Eltern und Kindern an, bevor es zu spät ist.