Manchmal wird dem kleinen Prinzen alles ein bisschen zu viel. So jung ist er nun auch wieder nicht. Genau genommen, altert der kleine Prinz natürlich nicht. Er ist eine literarische Figur, die von Antoine de Saint-Exupéry im Jahr 1943 erschaffen wurde. Aber auch literarische Figuren ächzen bisweilen unter der Last ihres Weltruhmes, und im Fall des kleinen Prinzen wiegt sie tonnenschwer: Neuveröffentlichungen, Kinopremieren, Termine über Termine. Ohne seine Privatsekretärin Marie wäre der kleine Prinz verloren. Irgendwann Ende 2014 rief Marie ihn an:

"Monsieur, ich gehe gerade den Kalender für 2015 durch, und, ehrlich gesagt, es wird heftig." Der kleine Prinz seufzte. "Es ist nämlich so", fuhr Marie mit besänftigender Stimme fort, "dass Sie in Deutschland neu übersetzt werden ..." Der kleine Prinz fiel ihr ins Wort. "Aber in Deutschland haben sie mich doch gerade neu übersetzt!", rief er ins Telefon, "diese Frau Edl hat das doch prima gemacht!" Marie holte Luft. "Monsieur, wir haben ja schon darüber geredet. Die Urheberrechte sind abgelaufen. Damit hat es wohl zu tun, in Deutschland kommen fünf neue Übersetzungen heraus ..."

"FÜNF!", jaulte der kleine Prinz, "sind die verrückt geworden?" Maries Stimme wurde noch besänftigender. "Sie haben ja recht, aber es sind bekannte Schriftsteller dabei. Einer heißt Stamm, dann noch Enzensberger, Sloterdijk und Gottschalk". – "Kenne ich alle nicht", stöhnte der kleine Prinz, "soll das etwa heißen, dass ich da jedes Mal hin muss?" – "Na ja", sagte Marie, "ein paar Sachen kann ich absagen. Zu Sloterdijk und Gottschalk müssen wir aber, ein Riesentamtam in einem Berliner Theater."

So kam es, dass der kleine Prinz einige Wochen vor Weihnachten seinen Stern verließ, um im Berliner Ensemble in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Dass gleich zwei deutsche Übersetzer lesen sollten, kam ihm seltsam vor. Noch seltsamer fand er, wie stark sie sich ähnelten. Sie waren alt, hatten beide lange, weiße, fusselige Haare und erinnerten den kleinen Prinzen an Weihnachtsmänner. Er hatte sich an amerikanische Tassen und japanische T-Shirts gewöhnt, auf denen er abgebildet war. Aber die Idee, ihn von Weihnachtsmännern übersetzen zu lassen, schoss den Vogel ab.

"Wer sind die?", flüsterte er Marie zu. "Der linke ist Sloterdijk, der rechte Gottschalk", flüsterte Marie zurück. Sie schlug das Programmheft auf. "Monsieur, ich habe mich getäuscht. Nur der linke hat übersetzt, der andere ist zum Plaudern da." Der kleine Prinz hörte gar nicht mehr richtig hin. Offensichtlich galt er in Deutschland mittlerweile als Figur aus der Weihnachtsstory. Wie so oft wurde ihm alles ein wenig zu viel. Sein Kopf sank herab, seine Augendeckel klappten zu.