Seit Mitte September 2015 wird das ehemalige Nato-Camp Oerbke im niedersächsischen Bezirk Osterheide als Notunterkunft für Flüchtlinge genutzt. Vor wenigen Tagen ist es mit dem östlichen Teil einer ehemaligen britischen Kaserne zum "Camp Fallingbostel Ost" zusammengelegt worden. Hier leben derzeit mehr als 2.000 Menschen, darunter etwa 100 Kinder unter 15 Jahren. Damit ist es das größte Flüchtlingslager in Norddeutschland. Dennis Protz, 35 Jahre alt, ist seit fast 20 Jahren beim Deutschen Roten Kreuz. Er ist der Kreisbereitschaftsleiter und gehört seit Herbst zum Leitungsteam des Flüchtlingcamps.

Frage: Haben Sie zusammen mit den Flüchtlingen schon den Tannenbaum aufgestellt?

Dennis Protz: Nein, einen Tannenbaum werden wir nicht aufstellen.

Frage: Und Geschenke?

Protz: Geschenke sind für unsere Gäste kein Thema. Die Taschengeldsätze sind so gering, dass man sich davon keinen großen Luxus leisten kann. Nein, an Geschenke denken diese Menschen nicht.

Frage: Was wird es denn für die Flüchtlinge im Camp an Weihnachten zu essen geben?

Protz: Das müsste ich den Caterer fragen (lacht) . Ich glaube aber, an einem Tag gibt es Hirschrouladen. Ein großes Festessen werden wir für unsere Gäste jedoch nicht veranstalten. Für sie werden die Feiertage nichts Besonderes sein.

Frage: Kein Gänsebraten?

Protz: Nicht, dass ich wüsste.

Frage: Das heißt, Sie feiern Weihnachten mit den Flüchtlingen überhaupt nicht?

Protz: Nein.

Frage: Warum nicht?

Protz: Die meisten unserer Gäste haben keine besondere Beziehung zu Weihnachten. Wir sagen übrigens Gäste und nicht mehr Flüchtlinge, weil diese Menschen nicht mehr auf der Flucht sind. Also der Islam kennt Jesus Christus, aber für die Muslime ist das nur ein Prophet von vielen. In manchen Religionen und Kulturkreisen ist Heiligabend eben bedeutungslos.

Frage: Hier in Deutschland aber nicht.

Protz: Da haben Sie recht. Das spüren unsere Gäste auch, dass Weihnachten hier ein christliches Hochfest ist. Wir haben zum Beispiel mit den Kindern in der Adventszeit die typischen Sachen gemacht: Plätzchen backen, Fensterbilder malen, basteln. Um ihnen zu zeigen, wie in Deutschland kulturell die Vorweihnachtszeit gefeiert wird.

Frage: Wie haben die Kinder darauf reagiert?

Protz: Sehr gut, sie haben sich darüber gefreut. Wobei die Kinder es immer sehr genießen, wenn sie mit anderen zusammen spielen können. In vielen Kulturen ist es so, dass Kinder im Vorschulalter von den Familien betreut werden und nicht in einer Einrichtung. Für die Jüngeren ist es hier daher etwas Besonderes, wenn sie unter Anleitung mit Gleichaltrigen spielen können und sie die Zeit nicht nur mit Mama und den Geschwistern verbringen.

Frage: Durften alle Kinder bei den Adventsvorbereitungen mitmachen oder wurde zwischen muslimischen und christlichen separiert?

Protz: Einer unserer Grundsätze ist Neutralität. Das heißt, wir separieren nicht. Das machen wir nur anfangs bei der Gebäudebelegung. Also fünf muslimische Jungs und einen Christen packen wir nicht aufs Zimmer. Ansonsten halten wir das Thema Religion im Alltag möglichst raus.

Frage: Wie feiert die christliche Minderheit das Weihnachtsfest?

Protz: Die Christen hier im Camp feiern natürlich Weihnachten. Sie kümmern sich aber selbst darum.

Frage: Wird es für sie die Möglichkeit geben, einen Gottesdienst zu besuchen?

Protz: Wir werden hier keinen organisieren. Das lehnen wir ab. Wir wollen jegliche Form von missionarischer oder religiöser Arbeit nicht unterbinden, aber auch nicht fördern. Das heißt, wir werden keinen Rahmen zur Verfügung stellen. Wenn die örtlichen Gemeinden einen Gottesdienst in der Kirche für unsere Gäste veranstalten wollen, dann können sie gerne dafür werben, aber dass bei uns vor Ort im Camp etwas organisiert wird, das möchten wir nicht.