Deutschland ist es in diesem Jahr so ergangen wie vielen Frauen um die vierzig: In dem Moment, in dem man nicht mehr ständig über das Kinderkriegen grübelt, klappt es plötzlich doch noch mit dem Nachwuchs. Für das Jahr 2015 habe man eine Geburtenrate von 1,47 Kindern pro Frau errechnet, meldete das Statistische Bundesamt vergangene Woche.

Das ist zwar im internationalen Vergleich kein überragender Wert – in Frankreich liegt die Rate bei 1,9. Er ändert auch nichts daran, dass in Deutschland die Zahl der Todesfälle (868.000) höher ist als die Zahl der Geburten (715.000). Trotzdem feiern Demografen die Quote, denn in keinem Jahr seit dem Mauerfall wurde ein so hoher Anteil der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren zu Müttern. Einige Familienpolitiker finden nun, der Kindersegen sei auch ihnen zu verdanken. Dabei schien es lange so, als hätte sich die Politik vom Ziel verabschiedet, die Deutschen mit Geld und Kitaplätzen zur Familiengründung zu ermutigen. Für Elterngeld, Vätermonate und eine steigende Zahl von Kitaplätzen wurde zwar von Jahr zu Jahr mehr ausgegeben, aber diese Politik wurde kaum noch mit der schrumpfenden Bevölkerung begründet. Stattdessen hieß es nur, all das sei gut für die Kinder, für die berufstätigen Eltern, für die Wirtschaft.

Nun scheint es, als hätten die Deutschen ausgerechnet in dem Moment ihre Einstellung zur Familiengründung geändert, in dem die Appelle zum Kinderkriegen leiser wurden. Experten sagen, schon seit einigen Jahren sei die Lust auf Familie in Deutschland gewachsen. Man habe das nur nicht in den Statistiken ablesen können, weil immer mehr Frauen ihre Kinder später im Leben bekommen. Die in den siebziger Jahren geborenen Frauen und ihre Partner hatten offenbar schon seit Längerem eine größere Neigung, Kinder in die Welt zu setzen, als die Älteren. Sie haben sich aber Zeit damit gelassen, diese Kinderwünsche auch zu verwirklichen. Bevölkerungsexperten orientieren sich daher meistens nicht an den Geburtenraten, sondern beobachten, wie viele Kinder Frauen eines bestimmten Jahrgangs bekommen. Das Ergebnis sei eindeutig, sagen sie: Für Frauen vom Geburtsjahrgang 1986 an steigt die Kinderzahl pro Frau unter 49 schon seit einiger Zeit. Vor allem Akademikerinnen werden viel häufiger Mutter als zuvor.

Experten glauben, dass dies vor allem am Kitaausbau und an den anderen familienpolitischen Reformen der vergangenen zehn Jahre liege. Doch vermutlich waren die gute wirtschaftliche Entwicklung und die optimistische Stimmung im Land mindestens genauso wichtig. In Frankreich hingegen, dem Land der Liebe und der flächendeckenden Kinderbetreuung, geht die Geburtenrate zurück, seit die Wirtschaft lahmt und der Pessimismus grassiert. Und in Südeuropa sank die Neigung zur Familiengründung von 2008 an geradezu extrem.

Der Test darauf, wie viel Optimismus die Deutschen für die Fortpflanzung brauchen, fände nach dieser Logik im kommenden Jahr statt. Die Stimmung verdüstert sich gerade, das zeigen mehrere Umfragen. Allerdings ist es jetzt noch zu früh für Auswirkungen in den Kreißsälen, die Geburten von heute sind schließlich eine Art Echo auf die gelöste Stimmung vor vielen Monaten.

Was ist wichtiger fürs Kinderkriegen, die Familienpolitik oder die Kriegsbilder und Konjunkturprognosen in der Tagesschau? Womöglich ist es am besten, wenig darüber zu grübeln. Denn Fortpflanzung hat idealerweise mit Loslassen, Spaß und Sinnlichkeit zu tun.