Dies ist die Geschichte von einem, der sich von der Angst nicht besiegen lassen will. Aurélien Dums-Roussel, 22 Jahre alt, ist ein ruhiger Typ in schwarzer Lederjacke. Er hat an einem Freitagabend Mitte Dezember seine Freundin Samira und zwei enge Freunde ins Café Bonne Bière im 11. Pariser Arrondissement eingeladen. Ein typischer Abend unter Studenten, könnte man meinen. Doch das Bonne Bière ist kein normaler Ort.

Auf den Tag und die Stunde genau ist es vier Wochen her, dass die Attentäter des 13. November mit ihren Kalaschnikows wahllos auf die Besucher dieses Cafés schossen. Fünf Gäste starben im Kugelhagel, viele weitere wurden verletzt. Eine halbe Stunde vor dem Attentat hatte Aurélien noch schräg gegenüber in einem anderen Café gesessen. Fast hätte er das Blutbad miterlebt. Jetzt will er an den Tatort zurückkehren.

"Wir sind am 13. November der Wirklichkeit begegnet", sagt Aurélien, der an einer Pariser Fachhochschule studiert. Er will seinen Schmerz nicht verdrängen. Er will ihn bewältigen.

Also feiert er mit seinen Freunden. Demonstriert, dass er sich von den Terroristen nicht einschüchtern lassen will. Dass er sein bisheriges Leben fortführt, trotz des 13. November, der nun auch zu seiner Biografie gehört. So wie ihm geht es vielen Parisern.

Aurélien hat einen Terrassentisch ausgesucht. Auf dem Bürgersteig häufen sich weiße und rote Rosen. Kerzen werfen ihren Schein auf Briefe und Zeichnungen. Überall prangt das Peace-Zeichen mit Eiffelturm, auch auf einem großen Transparent über dem Café. Der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon besuchte das Café Bonne Bière gleich nach seiner Wiedereröffnung Anfang Dezember. Der Ort ist zu einem Mahnmal geworden. "Es ist unsere verdammte republikanische Bürgerpflicht, die Opfer der Attentate nicht zu vergessen", sagt Aurélien.

Seiner Freundin Samira, die drei Jahre älter ist und dieselbe Fachhochschule wie er besucht, ist nicht ganz geheuer, an einen Schauplatz der Attentate zurückzukehren. Jeden Tag kommt sie auf dem Weg von der Metro zur Fachhochschule am Café Bonne Bière vorbei. Heute traut sie sich zum ersten Mal hinein. "Ich sehe an diesen Wänden immer noch die Einschussstellen", sagt sie. "Ich sehe das Salz, das man über dem Blut der Opfer auf der Straße ausgestreut hatte."

Samira hat einen tunesischen Vater und eine französische Mutter, zu Hause wird viel über die Attentate gesprochen und über den richtigen Umgang mit dem Islam. Wie kann man sich vor gewaltbereiten Fanatikern schützen? Etwa dadurch, dass man bestimmte Orte meidet – oder erfüllt man damit genau das, was die Terroristen erreichen wollen? "Zu Hause bleiben bringt ja auch nichts", sagt sie und zuckt die Schultern. "Es kann jedem überall passieren." Seit dem 13. November ist die Angst vor einem Anschlag ein ständiger Begleiter.

Samiras Freundin Daphne, eine 21-jährige Osteopathin, findet die Atmosphäre an diesem Abend "morbid, fast unheimlich". Sie zeigt auf die vom Regen verwaschenen Fotos der Opfer neben den Rosen auf dem Bürgersteig. Sie schüttelt sich, dann fängt sie sich wieder. "Samira hat recht, es kann jedem passieren. Pariserin zu sein ist aber nichts Besonderes. Denkt nur an die Libanesen!", fügt sie hinzu.

Aurélien bestellt Wein, Martini und Bier. Sie rauchen, nicht nur Zigaretten. "Vielleicht", sagt er, "rauchen wir seit den Attentaten etwas mehr." Kiffen gegen den Terror.

Vierter im Bunde ist an diesem Abend der 22-jährige Tischler Théo, dessen Werkstatt um die Ecke liegt. Einer seiner Lieblingsorte, sagt er, sei das Grab von Jim Morrison auf dem Friedhof Père Lachaise, gar nicht weit von hier. Das stets mit Blumen und Kerzen überhäufte Grab des Doors-Sängers, Vietnamkriegsgegners und 68er-Rockstars ist eine Kultstätte geblieben – auch dort haben die Pariser jene Trauerkultur gelernt, die sich heute vor dem Café Bonne Bière zeigt: Es finden sich die gleichen Liebes- und Friedenserklärungen, Hauptsprache ist Englisch. Für Aurélien ist das die Kultur seiner Eltern, engagierter Sozialisten, die seit seiner Kindheit in einer Pariser Vorstadt mit benachteiligten Jugendlichen arbeiten.

Die Freunde diskutieren angeregt, vor allem über den französischen Militäreinsatz in Syrien. Präsident François Hollande führt ihn als Vergeltung für den 13. November, doch Aurélien und seine Freunde bezweifeln, dass das die richtige Antwort ist. "Wie willst du einen Krieg stoppen, indem du mit einem anderen fortfährst?", fragt Théo. "Man muss nicht die Typen töten, sondern ihre Ideen!" – "Unseren Politikern ist das doch alles egal", meint Daphne. "Sie wissen alle, dass das Geld für den IS über Saudi-Arabien und Katar von den Amerikanern und uns kommt!" – "Die Syrien-Entscheidung war voreilig", meint Aurélien. "Wir hätten erst mehr Abstand gewinnen müssen!"

Der Anschlag hat Frankreich verändert, doch wie, ist nicht ganz klar. Er hat Ängste geweckt und die Sehnsucht nach schnellen, einfachen Lösungen. Aurélien und seine Freunde haben Sorge, dass die Lebensfreude von der allgegenwärtigen Überwachung erdrückt wird. Dass sich das Land der Kultur in eines der Engherzigkeit verwandelt.

"Der Polizeistaat samt Aufstieg des Front National, das macht mir richtig Angst", sagt Théo.

"Die Terroristen machen mir immer noch mehr Angst", entgegnet Aurélien.

Es ist schon spät, als die Freunde zum letzten Mal anstoßen und Aurélien sagt: "Ein Attentat wie bei uns geschieht in anderen Ländern alle Tage." Die anderen nicken und nippen an ihren Drinks. Das Leben muss weitergehen. Das Ausgehen auch. Als sie das Bonne Bière gegen Mitternacht verlassen, werden sie draußen von einer ausgelassenen Menschenmenge aufgesogen. Fast so, als sei es ein ganz normaler Freitagabend.