Bis die Deutschen kamen, war Irlands Pornolandschaft eher unterentwickelt. Das schlüpfrigste Blatt meiner Kindheit war eine FKK-Zeitschrift namens Health & Efficiency. Dieses kuriose Erzeugnis genoss Berühmtheit unter Schuljungs und führte auf dem obersten Regal der Zeitungskioske eine verschämte, in Plastik verhüllte Existenz.

Nun ist alles anders. Kaum hat die katholische Kirche wegen der vielen Skandale ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt, blüht schon die Pornografie in Irland auf. Der Verleger des schamlosesten, saftigsten und sündhaftesten Hochglanzhefts der Insel heißt: Aldi.

Spießig verhält sich der Lebensmitteldiscounter offenbar nur in seinem Herkunftsland. Während Aldi Deutschland seit gefühlten 180 Jahren die müde Angebotszeitschrift Aldi Aktuell ("Haselnusskerne: Dauerhaft reduziert!") herausgibt, bietet Aldi Irland seinen Kunden den reinsten Food-Porn an. So nennt man eine Spezialität der Britischen Inseln, wo Essen nicht in erster Linie gekocht, sondern als Fetischobjekt verehrt wird. Anführer der Szene waren bisher Fernsehköche wie Jamie Oliver oder Nigella Lawson. Und nun, siehe da: Aldi Irland.

My Favourite Things heißt Aldi Irlands Gourmet-Pornoheft zu Weihnachten. Fotografen haben Lieblingsdinge so in Szene gesetzt, wie man sie noch nie gesehen hat. Wenn Sie’s frisch und saftig mögen, lassen Sie sich von Carlingford-Austern aus Nordirland für 6,99 Euro verführen. Dazu Hummer "dekadent" für nur 8,99 Euro.

Ein paar Seiten weiter: volle Brüste, wohlgeformte Beine, mit Butter bepinselt, nackt oder im Speckmantel. Frischer Truthahn in fünf verschiedenen Sorten. Der Kunde erfährt auch gleich den Namen des Truthahnzüchters: Declan McKenna aus der Grafschaft Monaghan nahe der Grenze zu Nordirland. Seine Familie betreibt seit 1951 Truthahnzucht, erfahren wir. Beruhigend.

Die Familie Hickey aus Cork hingegen bevorzugt laut Aldi-Hochglanz wilde Schönheiten, die sich "frei bewegen ... an der schönen, rauen Küste und im Salzwasser der Roaring-Water-Bucht". Sodann: Freilandgänse, die Sie "zum perfekten Gastgeber machen", für 49,99 Euro pro Exemplar.

Aldi Irland liefert nicht nur zu Weihnachten Food-Porn. Die Kette ist bei uns zu Hause ein Alljahresfeinkostvertrieb. Woche für Woche werden irische Kunden mit erlesenen frischen Produkten der Grünen Insel verwöhnt, während Aldi in Deutschland noch anonyme Erbsensuppe in der Dose oder herkunftslose Milchprodukte zum Ramschpreis anbietet.

Die Frage hinter diesen bestürzend unterschiedlichen Aldi-Kulturen lautet: Was kam zuerst? Die geringen Ansprüche der deutschen Aldi-Kunden an ihre Lebensmittel? Oder die Neigung des deutschen Aldi-Imperiums zum schnellen Profit, die eine ganze Industrie geprägt hat? Es ist eine klassische Henne-Ei-Frage. Aber glauben Sie mir, als Antwort bevorzuge ich eindeutig die Hennen und die Eier von Aldi Irland.

Liebes deutsches Aldi, Nord wie Süd, ich halte es nicht mehr aus. Glauben Sie wirklich, jemand, der die Hallen von Aldi Irland gesehen hat, betritt danach noch freiwillig die Futterbunker des deutschen Mutterkonzerns? Da helfen auch die Tiefkühltorten von Aldi Nord nichts. Ihre sogenannten "Bauernglück"-Fleischprodukte machen womöglich wirklich ein paar Bauern glücklich, vielleicht sogar ein paar perverse Deutsche, aber mir reicht’s.

Warum bloß trauen Sie den Deutschen so viel weniger Schamlosigkeit zu als uns Iren?

Derek Scally ist Deutschland-Korrespondent der "Irish Times"