Vier große Schwarz-Weiß-Fotos hängen an einer Wand im Kölner Atelier von Gerhard Richter. Sie zeigen Menschen auf dem Weg in die Gaskammern und einen Berg aus Leichen, die verbrannt werden. Andere Häftlinge hatten die Aufnahmen im August 1944 dem polnischen Widerstand übergeben. Seit fast 50 Jahren finden sie sich im "Atlas", der Sammlung von Richters Bildvorlagen, der gerade neu erschienen ist (im Verlag der Buchhandlung Walther König). Aber erst jetzt hat er die Fotos als Vorlagen für große Gemälde verwendet. Details daraus wurden zu Titelbildern einer Buchkassette mit 15 Berichten von Holocaust-Überlebenden, die im Januar 2016 erscheint ("Mit meiner Vergangenheit lebe ich", herausgegeben von Ivan Lefkovits, Suhrkamp Verlag). Gegenüber hängen neue Editionen: Schwarz-Rot-Gold hinter Glas und ein Foto von Ulrike Meinhof. "Gute Aufnahme, oder?", sagt Gerhard Richter, streichelt seinen Hund und setzt sich an den großen Schreibtisch aus Holz.

DIE ZEIT: In diesem Jahr haben Sie in Dresden erstmals Ihre Birkenau-Bilder gezeigt: vier große Gemälde, die nach vier Fotos entstanden sind, die Häftlinge aus dem Vernichtungslager Auschwitz herausgeschmuggelt hatten, um der Welt zu zeigen, was dort geschah. Jetzt reisen diese Gemälde in verschiedene Museen, im Februar nach Baden-Baden. Sollen sie einmal einen festen Ort haben?

Gerhard Richter: Das sollten diese Bilder auf jeden Fall haben, das sind ja keine Objekte für den Markt. Aber wo das sein könnte, ist noch völlig offen, und das hat auch noch viel Zeit.

ZEIT: Hat es Sie Überwindung gekostet, sich mit einem solchen Thema an die Öffentlichkeit zu wagen?

Richter: Ja, schon. Der Bildtitel Birkenau erregt ja erst mal Aufsehen. Deshalb habe ich ihn bei der ersten Ausstellung, im Dresdner Albertinum, nicht benutzt. Dort stand da nur "Abstraktes Bild" plus Werknummer. Andererseits habe ich den Titel auch nie verschwiegen, er ist ja Bestandteil dieser Bilder. Und inzwischen ist er auch keine Neuheit mehr.

ZEIT: Adorno hat gesagt, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden dürften. Es mag Menschen geben, die sagen, dass dasselbe für Bilder gilt, weil man den Holocaust nicht abbilden kann.

Richter: Und das stimmt eben nicht. Gedichte werden weiter geschrieben, so wie Bilder weiterhin gemalt werden. Bei den Bildern hat sich nur etwas geändert, seitdem es die Fotografie gibt: Die liefert in vielen Bereichen Bilder, die ungleich besser sind als gemalte Bilder. Fotos, die den Holocaust dokumentieren, übermitteln einen Grad von Wahrheit, der uns so berührt, dass jede gemalte Schilderung dagegen unbefriedigend, hilflos erscheint.

ZEIT: Auf den anderen Bildern, auf denen Sie sich mit historischen Themen auseinandersetzen, ist immer noch erkennbar, worum es geht. Das Geschehen ist zwar auf Ihre Weise verfremdet, aber man identifiziert den Gegenstand noch. Auf den Birkenau-Bildern sieht man nur Farbschlieren, man erkennt den Bezug beim Anblick gar nicht mehr.

Richter: Nein, hier ist er weg. Ich hatte zwar gegenständlich angefangen, aber gewusst, dass das nicht gehen würde.

ZEIT: War Ihnen denn in dem Augenblick, als Sie die Fotos aus dem KZ gesehen haben, klar, dass Sie die umsetzen wollten?

Richter: Nein, das hat lange gedauert, und sie haben mich immer fasziniert. Es gab mal einen Moment, in dem ich ähnliche Fotos hatte, etwas weniger sensationell. Frauenchöre im KZ und so etwas. Die hatte ich für den Reichstag vorgesehen, aber dann aufgegeben.

ZEIT: Warum ist es heute für einen Maler so schwierig, Geschichte eins zu eins abzubilden? Woran scheitern Künstler da?

Richter: Früher haben wir das gekonnt, heute können wir das nicht mehr. Es gibt ja wunderbare Bilder, die richtig Geschichten erzählen, Dramen und Morde. Die Kultur ist weg. Wir können Fotos abmalen, das ist schon dürftig genug. Das wird gar nicht mehr gelehrt, und das fing zu meiner Zeit schon an. Ich habe ja noch eine akademische Ausbildung mit Handzeichnen und Aktmalen und so. Aber trotzdem komme ich nie ran an all diese alten Meister.

ZEIT: Zeichnungen und andere Arbeiten von Ihnen aus dieser Zeit, die Sie bei Ihrer Flucht 1961 in der DDR zurückgelassen haben, tauchen seit Jahren immer wieder auf dem Kunstmarkt auf. Was für eine Geschichte steckt dahinter?

Richter: Ich kann nicht mehr nachvollziehen, wo die Leute, die diese Arbeiten jetzt anbieten, sie herhaben. Ich dachte immer, es sei alles vernichtet worden. Zum Teil mag aber auch der staatliche Kunsthandel der DDR dahinterstecken: Wenn man abhaut, wird das gesamte zurückgebliebene Eigentum beschlagnahmt und verkauft. Aber eigentlich glaube ich, dass die gar nicht mitbekommen haben, dass da auf dem Dachboden des Hauses in Dresden, in dem ich gewohnt hatte, noch Stapel an Bildern und Mappen mit Zeichnungen lagen. Das müssen sich die Bewohner einfach angeeignet haben: Ach, hat er vergessen ... Ein befreundeter Sammler war allerdings so nett und sagte mir, dass er ein Bild aus dem Frühwerk gekauft hatte. Ich habe es mir angesehen und gefragt: Können wir das kaputt machen? Das taugt nix. Und er war einverstanden: Ja, komm, mach’s kaputt. Also habe ich es zerstört, damit es nicht auf den Markt kommt und nicht ausgestellt wird.

ZEIT: Was ist so schlimm an diesen Werken?

Richter: Gar nichts ist daran schlimm. Es sind nur keine selbstständigen Kunstwerke, sie ergeben nur Sinn im Zusammenhang, und so gesehen, fände ich es auch gut, wenn dieses sogenannte Frühwerk wissenschaftlich betreut würde, als sehr zeittypische studentische Arbeiten. Aber sie sind keine Marktware. Der viel spätere Atlas ist ein vergleichbares Beispiel, all die einzelnen Fotos und Skizzen machen doch nur im Zusammenhang Sinn, einzeln sind sie wertlos. Und damals in Dresden war mir das schon bewusst, deshalb habe ich all die Sachen so sorglos zurückgelassen. Hier im Westen habe ich dann auch noch viel probiert und verworfen und zerstört. Bis ich mir irgendwann sagte, ab jetzt geht es los, und so begann ich mit dem Werkverzeichnis, das aufnimmt oder ablehnt.

"Der Kunstmarkt hat sich irrsinnig entwickelt"

ZEIT: Darin gibt es das berühmte erste Gemälde, den Tisch, mit dem seither alles anfängt.

Richter: (lacht) Ja, weil es das erste Bild war, bei dem ich dachte: Das bist du jetzt, dazu stehst du.

ZEIT: Gibt es auch Bilder nach dieser Nummer eins, die Sie gern zerstören würden?

Richter: Die gibt es auch, ja. Damit muss man leben, ich kann ja keine Rückrufaktion machen.

ZEIT: Glauben Sie, dass der Unterschied außerhalb Ihres Ateliers jemanden stören, dass ihn auch nur jemand bemerken würde? Im Moment lässt sich doch alles zu Höchstpreisen verkaufen, was ihre Signatur trägt.

Richter: Eine erschreckende Entwicklung, beängstigend. Aber noch immer gibt es Leute, die gute von schlechter Qualität unterscheiden können und wollen. Das ist doch tröstlich.

ZEIT: Jetzt wollen Sie Ihr Eigentumsrecht und auch die Wahrnehmung des Urheberrechts an diesem Frühwerk an das Gerhard Richter Archiv in Dresden übertragen. Warum ist dieses Archiv vor zehn Jahren eigentlich in Sachsen und nicht im Rheinland gegründet worden, wo Sie seit Jahrzehnten leben?

Richter: Heimatgefühle. Dresden war doch mal sehr prägend für mich. Aber den entscheidenden Anlass zu dieser schönen Bindung gab Martin Roth, der vormalige Direktor der Dresdner Sammlungen. Er initiierte die Auktion zur Bewältigung der Flutschäden, wo ich ein großes Bild spendete, das dann auch was brachte. Und er hat das Gerhard Richter Archiv ins Leben gerufen und die erste Ausstellung meiner Bilder gemacht, im Albertinum, wo ich bis heute zwei Räume bestücken darf. Also das ist eine wunderbare und gut funktionierende Einrichtung, für die ich sehr dankbar bin.

ZEIT: Und warum regeln Sie nun aufwendig die Rechtefrage neu, wenn Sie diese frühen Konvolute doch gar nicht als Teil Ihres Werks akzeptieren?

Richter: Ich akzeptiere sie doch ganz und gar als Teil des Werkes, ich will nur nicht, dass man ihnen einen Kunst- und Marktwert andichtet, den sie gar nicht haben. Eigentlich hätte ich schon vor rund 30 Jahren etwas unternehmen sollen, als mir ein Teil dieser Sachen für 25.000 D-Mark angeboten wurde. Aber ich nahm das nicht so ernst und lehnte das ab, mit der Begründung, dass ich doch nicht meine Sachen kaufe, die sich jemand widerrechtlich angeeignet hat.

ZEIT: Sie produzieren nicht nur Kunst für den hochpreisigen Markt, sondern legen auch immer wieder günstigere Editionen auf. Ein Bild von Ulrike Meinhof, das Sie dieses Jahr für die Zeitschrift Texte zur Kunst in einer Auflage von 120 Stück zum Preis von jeweils 5.800 Euro produzieren ließen, war unmittelbar nach der Ankündigung vergriffen. Bei anderen Arbeiten bitten Sie darum, die Werke mindestens vier Jahre lang nicht weiterzuverkaufen, damit sie nicht zu Spekulationsobjekten werden. Trotzdem kostete eine neue Schwarz-Rot-Gold-Arbeit, die Anfang Oktober von Amnesty International in einer Auflage von 100 Exemplaren für 4.000 Euro angeboten worden war, eine Stunde nach Verkaufsbeginn schon das Doppelte, und auf der Kunstmesse in Köln wurde sie wenige Wochen später für 26.000 Euro angeboten. Postkarten mit Ihrem Autogramm kosten im Internet mehrere Hundert Euro.

Richter: 26.000 Euro? Da kann man sehen, wie irrsinnig sich der Kunstmarkt entwickelt hat. Genauso unverständlich ist der Handel mit signierten Postkarten. Ich habe mal durch Zufall ein von Thomas Bernhard signiertes Buch bekommen. Darüber habe ich mich gefreut. Aber ich würde doch keine 100 Euro dafür ausgeben. Das hat doch mit dem Werk nichts zu tun, das ist doch reiner Personenkult.

ZEIT: 11. September, Schwarz-Rot-Gold, Birkenau, Ulrike Meinhof – Interessieren Sie sich in letzter Zeit vermehrt für politische Themen?

Richter: Sich nicht dafür zu interessieren geht ja gar nicht, und je älter ich werde, desto mehr trifft es mich: Wenn man jung ist, kann man besser ignorieren und auch besser hoffen. Andererseits ist ja tatsächlich vieles viel bedrohlicher geworden.

ZEIT: Und jetzt werden diese Themen auch zu Bildern, weil Sie auf etwas aufmerksam machen wollen?

Richter: Das nun gerade nicht. Das habe ich ja immer vermeiden wollen, ein politischer Künstler zu sein liegt mir ganz fern. Und wenn manche meiner Bilder Personen zeigen, die mit Verbrechen zu tun haben, dann haben sie harmlose Titel, so wie Onkel Rudi, Frau Marlow, Tante Marianne, Frau mit Schirm und so weiter.

ZEIT: Für ein Projekt in Japan, bei dem man mit Kunst eine Reihe von Inseln in der Mitte des Landes wiederbeleben will, haben Sie auf der Insel Toyoshima gerade eine permanente Glasarbeit installiert, für die Sie selbst eine Architektur, einen Pavillon, entworfen haben. Hätten Sie auch einfach nur Bilder aufhängen können?

Richter: 2011 kam von dort die Idee zu einem Richter-Museum auf dieser einsamen Insel. Das war schon ziemlich unrealistisch, aber so nach und nach kam es zu dem jetzt fertigen Haus für 14 Glasscheiben (der Vergeblichkeit gewidmet). Und im Frühjahr wird es eröffnet.

ZEIT: Hätte Ihnen denn grundsätzlich die Idee eines Richter-Museums gefallen?

Richter: So was zu entwerfen hat mich schon sehr gereizt, selbst dann, wenn ich schon weiß, dass daraus nie etwas wird. Und grundsätzlich finde ich es auch viel besser, in wichtigen Museen mit anderen vertreten zu sein als ein eigenes Museum zu haben. Abgeschreckt hat mich das schon vor über 40 Jahren, als ich auf Capri ein Ein-Mann-Museum sah. Das hatte nur Bilder von dem deutschen Maler Diefenbach – das war schon ziemlich deprimierend.

ZEIT: Es gibt derzeit einen heftigen Streit um das geplante Kulturgutschutzgesetz und die Frage, ob bestimmte Werke, wenn sie zu nationalem Kulturgut erklärt werden, vor Ausfuhr geschützt werden dürfen. Ihr Kollege Georg Baselitz hat demonstrativ seine Leihgaben aus Dresden abgezogen. Haben Sie Angst um Ihre Werke?

Richter: Nein. Ich war allerdings auch erschrocken über das Gesetz. Der Gedanke, dass man etwas erhalten will, ist ja nett, aber andererseits völlig unzeitgemäß. Die Welt wird immer multikultureller und antinationaler, und wir sind da ganz progressiv, aber gleichzeitig machen wir ein Gesetz zum Schutz deutscher Kultur. Und die Vorstellung, dass dann Kommissionen kommen, die entscheiden, was gut und weniger gut ist, das ist Horror, bürokratischer Unsinn. Es ist doch völlig egal, ob die Mona Lisa in Paris oder Rom hängt, Hauptsache, wir können sie sehen und es wird alles Mögliche getan, sie zu erhalten.

In der Londoner Galerie Dominique Lévy ist noch bis zum 16. Januar 2016 die Richter-Ausstellung "Colour Charts" zu sehen