Wenn es frühmorgens noch dunkel ist, dann erklingt im Wald leise der Hufschlag eines Pferdes, allmählich schneller und lauter. Doch es ist kein Pferd, was da galoppiert, sondern zu hören ist das sogenannte Knappen, das Schnabelgeräusch des Auerhuhns. Selten ist dieser scheue Vogel in Mitteleuropa geworden, außerhalb der Alpen ist er kaum anzutreffen, im Schwarzwald-Nationalpark lebt er im Verborgenen, für den normalsterblichen Naturfreund existieren Volieren im Bayerischen Wald. Davon erzählt Peter Berthold, der ehemalige Direktor der Vogelwarte Radolfzell und einer der weltweit bedeutendsten Vogelkenner, in einem faszinierenden Hörbuch des kleinen Labels supposé – und imitiert die Töne des Auerhuhns. Vielleicht leitet sich der gälische Name dieses Vogels von ebenjenem galoppierenden Geräusch ab: "Pferd des Waldes".

Der Siegeszug der Natur gehört ja hierzulande zu den erstaunlichsten Phänomenen in der Buchwelt der vergangenen Jahre. Bücher über verschiedene Tiere, Bäume und Wälder, vor allem aber über menschliche Erlebnisse mit der Natur boomen – und zwar nicht bloß als Stoff für Abenteurer, Wissenschaftler oder Ökofreaks. Sondern die Natur verwandelt sich in eine ästhetische Erfahrung, literarisch brillant umgesetzt auch für die Träume des sehnsüchtigen Großstädters. Im angelsächsischen Raum gibt es diese Tradition des nature writing schon lange; in Deutschland wird sie momentan vor allem in der von Judith Schalansky herausgegebenen Naturkunden-Reihe des Verlags Matthes & Seitz popularisiert.

Bei supposé allerdings kann man schon lange die Natur hören. Klaus Sander hat dort wunderschön gestaltete Hörbücher herausgebracht, in denen Experten für Laienohren von ihren wissenschaftlichen Leidenschaften erzählen – oft von der Natur: über die Evolution, Bienen, Buntbarsche, über Mikroben, das Gehirn und vieles mehr. Das Sandersche Prinzip der mündlichen Erzählung, so wenig wie möglich im Studio geschnitten, funktioniert hier hervorragend: Denn er hat Kenner am Mikrofon, deren Neugier und Begeisterung für scheinbar Abseitiges sich akustisch überträgt. Verblüffenderweise wird dabei niemals trivial popularisiert, sondern der ahnungslose Hörer versteht auch komplexe Zusammenhänge, weil diese Forscher so leidenschaftliche Erklärer sind und weil sie ausreichend Zeit zum Erzählen bekommen.

Nature talking kann Peter Berthold perfekt. 700 Auerhühner sind es in Deutschland, 600 davon im Schwarzwald. Nicht nur über das Balzverhalten erfahren wir etwas, sondern auch über die Veränderungen der europäischen Wälder im Laufe der Jahrhunderte, die fast verschwundenen wilden "Märchenwälder" und Hochmoore. Am Ende hören wir die Auerhühner selbst: das Kreischen der fliegenden Henne, die konzentriert kämpfenden Hähne, das Grunzen und Klopfen eines wütenden, balztollen Hahnes – die Natur hat Töne.

Peter Berthold erzählt: Das Auerhuhn. supposé, Berlin 2015; 2 CDs, 115 Min., 24,80 €