Petra Köpping, 57, SPD-Ministerin für Gleichstellung und Integration in Sachsen

Am stärksten ist mir in Erinnerung geblieben, wie müde die beiden waren: Die ersten Tage nach ihrer Ankunft haben sie im Grunde komplett verschlafen. Die beiden Männer, 19 und 25 Jahre alt, stammen aus Syrien und sind homosexuell. In der Zeltstadt in Dresden hatten sie sich aus Angst vor Übergriffen nicht getraut, auch nur eine Nacht zu schlafen.

Mein Mann und ich haben die beiden im September in größter Not bei uns aufgenommen. Der schwul-lesbische Verein CSD e. V. hatte im Sommer homosexuelle Flüchtlinge aus den Gruppenunterkünften geholt und sich mit einem Hilferuf an mein Ministerium gewandt, weil sich nicht genügend Privatleute und Institutionen fanden, bei denen diese Menschen wohnen konnten.

Bei der Anfrage des CSD ging es eigentlich um Geld. Aber Sie wissen ja, wie das ist. Ein Ministerium kann nicht einfach Geld überweisen. Also haben mein Mann und ich gesagt: Dann nehmen wir die beiden, um die es geht, selbst auf. Wir konnten das, weil wir auf unserem Hof eine Gästewohnung haben, die gerade leer stand.

Ich musste allerlei Papierkram erledigen, etwa eine Freistellungserklärung gegenüber dem Freistaat ausfüllen, in der ich akzeptierte, keine Kosten erstattet zu bekommen. Einen Tag später waren die beiden da. Zur Begrüßung haben wir ihnen zaghaft ein Glas Sekt angeboten, das sie tatsächlich mit uns tranken. Gekocht hatte ich sicherheitshalber vegetarisch. Die beiden waren total verblüfft, dass wir kein Problem damit hatten, dass sie homosexuell sind. Dass wir das einfach so akzeptiert haben.

Beide hatten unglaublichen Redebedarf. Oft kamen sie abends regelrecht angestürmt, wenn ich auf den Hof fuhr. Viele Gespräche drehten sich um ihre Erlebnisse auf der Flucht und davor. Der Jüngere hat im syrischen Bürgerkrieg kämpfen müssen, wo er auch verwundet wurde. Sie haben uns furchtbare Fotos gezeigt, die sie mit ihren Smartphones gemacht haben. So habe ich verstanden, wie wichtig die Smartphones für sie sind: Darauf sind alle Fotos, alle Daten, und die Geräte sind ihr einziges Mittel, mit der Heimat Kontakt aufzunehmen.

Gerade in den ersten Wochen gab es auch einiges zu besprechen. Mülltrennung zum Beispiel oder wie man bei uns die Wäsche macht. Trotz aller Wissbegierde musste ich sie manchmal auch daran erinnern, zum Deutschkurs zu gehen. Ich habe ihnen morgens eine SMS geschrieben: "Aufstehen nicht vergessen!" Abends musste ich sie mitunter ermahnen, ihre Wohnung aufzuräumen. Das war wie mit den eigenen Kindern früher. Darum habe ich sie mit der Zeit auch "meine Jungs aus Syrien" genannt. Und sie mich "unsere zweite Mutter". Nichts war den beiden so wichtig wie ihr Asylantrag. Einmal haben sie darauf bestanden, dass ich sie nach Chemnitz fahre, wo sie einen Behördentermin hatten. Das Amt hatte allerdings mitgeteilt, dass sich der Termin verschiebe. Aber das haben sie nicht geglaubt. Sie hatten solche Angst, dass sie den Termin vielleicht verpassen könnten.

Das war einer der Momente, in denen ich begriff, dass die Zeit, in der wir die Flüchtlinge in Ungewissheit über ihre Zukunft lassen, so kurz wie möglich bleiben muss. Je länger das dauert, desto größer werden die Probleme. Wir brauchen eine klare Strategie. Das ist im Übrigen ja auch das, was viele Bürger aktuell vermissen. Das müssen wir Politiker jetzt hinbekommen.

Ende November sind die beiden wieder ausgezogen. Der eine geht in Leipzig zur Schule, der andere macht eine Weiterbildung. Wir halten per WhatsApp Kontakt.