Wollen Sie wissen, warum ich das deutsche Internet hasse? Nun, lassen Sie es mich so formulieren: Es gibt kein Internet in Deutschland. Internet, das tagsüber nur teilweise funktioniert, am Wochenende so gut wie nie und im Zug schon mal gar nicht, ist kein Internet. Ich stamme aus Israel, auch bekannt als das Land, wo Milch, Honig und Internet fließen. Egal, wo Sie sich aufhalten, Sie können überall surfen – E-Mails, Tweets, Status-Updates auf Facebook ..., alles ist jederzeit abrufbar. WLAN-Hotspots finden Sie überall, und in Tel Aviv sorgt die Stadt dafür, dass die großen öffentlichen Boulevards mit kostenlosem WLAN versorgt sind. Und wir Israelis machen reichlich davon Gebrauch. Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal eine SMS geschickt habe, denn wir nutzen praktisch nur WhatsApp. Und wenn ich tatsächlich mal jemanden anrufen muss, etwa Freunde im Ausland, mache ich das kostenlos mit Skype.

Ich verneige mich vor den deutschen Autobahnen, und der öffentliche Nahverkehr ist für ein Mädchen aus Tel Aviv ein Traum (das gilt ganz besonders für das Wochenende, denn da fahren wegen des Sabbats keine Busse). Aber wenn es um den Transport von Informationen geht, ist die Lage schlimm. Als ich nach Deutschland kam, musste ich eine SIM-Karte für mein Handy kaufen. In Israel zahlen wir 20 bis 25 Euro für ein Paket: unbegrenzt telefonieren, SMS verschicken, für 5 Gigabyte surfen – mehr braucht niemand! Natürlich könnten wir auch ein wenig mehr bezahlen und bekommen noch mehr Internet. Ich hatte eigentlich erwartet, dass es bei den deutschen Anbietern ähnlich sein würde, aber zu meiner Überraschung musste ich feststellen: In Deutschland sind 5 GB für eine Prepaid-Karte sehr viel. Was einem hier als Grundangebot offeriert wird, ist geradezu winzig. Wie sollen 600 MB oder 1 GB irgendjemandem reichen?! Zumal es hier kaum Hotspots gibt und die meist auch noch lausig sind. Mein Datenvolumen ist nach einer Woche erschöpft. Ich musste 10 Euro für ein weiteres GB bezahlen, 5 GB mehr hätten noch einmal 20 Euro gekostet!

Verraten Sie mir: Wie twittern Sie? Wie livebloggen Sie? Wie posten Sie etwas auf Instagram? Gibt es da ein großes Geheimnis, das mir noch keiner erzählt hat, oder leiden Sie genauso wie ich? Vor Kurzem habe ich mich dabei erwischt, wie ich offline Tweets schrieb, in der Hoffnung, sie beim nächsten guten WLAN-Hotspot absetzen zu können (was so gut wie nie vorkommt). Während der Terroranschläge von Paris saß ich im Fernbus von Hamburg nach Berlin. Die erste Push-Benachrichtigung bekam ich von Ha’aretz, meiner Heimatzeitung in Israel, und sofort versuchte ich, auf Twitter zu verfolgen, was in Paris los war. Sollte eigentlich kein Problem sein, schließlich hatte der Fernbus WLAN ... angeblich. Zwei lange Stunden verbrachte ich damit, an einem sehr dünnen WLAN-Faden hängend, alle paar Minuten meinen Newsfeed zu aktualisieren, meistens vergeblich. Und von den Nachrichten-Websites konnte ich natürlich überhaupt keine öffnen.

Leute, wir sprechen hier von WLAN, nicht vom Geheimzugang zum Pentagon!

Seit ich nach Deutschland gekommen bin, springen mir auf Twitter die Follower ab. Sie sind es gewohnt, meine Gedanken in Echtzeit verfolgen zu können. Ist das nicht Sinn und Zweck des Ganzen? In Israel benutzen nicht so viele Menschen Twitter, aber um sich dort einen Namen zu machen und auf einige Tausend Follower oder noch mehr zu kommen, muss man zeitnah auf die aktuellen Entwicklungen reagieren oder selber frische Informationen bieten. Das ist extrem schwer, seit ich in Deutschland bin. Ganz oft sehe ich draußen etwas Lustiges und will ein Bild davon hochladen, aber wissen Sie, was dann passiert? Nichts. Ein Bild reicht meistens aus, um die lausige Verbindung zu überfordern. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es hier sein muss, Netflix zu nutzen ...

Auf der Jagd nach WLAN versuche ich mein Glück in Cafés. Vergangene Woche habe ich es hier in Hamburg probiert, in einem Café in der Innenstadt. Ich hatte vor einem Termin noch etwas Zeit, also wollte ich mich auf den aktuellen Stand der Nachrichten bringen und durch meinen Newsfeed bei Facebook scrollen. Der Ober kam, ich bestellte einen Tee und fragte nach dem Passwort fürs WLAN. Zunächst sah mich der Ober verblüfft an, dann wich sein Gesichtsausdruck diesem ernsten deutschen Blick, der besagt: "Wir wissen ganz genau, was du willst – du bist doch nur wegen unseres WLANs hier!" Ich raffte alles an Selbstbewusstsein zusammen, was ich aufbieten konnte, und wiederholte meine Frage. Da nahm sich der Ober eine Serviette und schrieb den längsten, kompliziertesten Zugangscode auf, den ich je gesehen habe. Also wirklich. Leute, wir sprechen hier vom WLAN in einem Café, nicht von einem Geheimzugang zum Pentagon! Und überhaupt: Warum muss ich mich schuldig fühlen? WLAN sollte ein Menschenrecht sein. In einigen Läden hat man mich sogar gewarnt, es gehöre sich nicht, nur wegen des WLANs zu kommen. In anderen kostete der Zugang Geld, oder es gab erst gar keinen. In einem Fünf-Sterne-Hotel in Berlin hat man mir für 24 Stunden WLAN sogar 15 Euro berechnet!

Das Ganze hat aber auch seine positiven Seiten, muss ich sagen. In meinem Leben als Reporterin in Israel habe ich bei mindestens fünf Nachrichten-Apps Push-Mitteilungen abonniert. Deshalb bekomme ich jeden Tag Dutzende davon. Ich muss gestehen: Mit der Zeit kann das auf die Nerven gehen. In Deutschland dagegen bekomme ich nun praktisch überhaupt keine. Vielleicht fallen in meinem Telefon die ganzen Nachrichten ein, sobald ich wieder nach Israel zurückkehre, vielleicht sind sie auch für immer verloren. Schade, denn manchmal fehlen mir die blöden Breaking News über einen tollwütigen Hund oder über ein beliebtes Model, das beim Baden von Paparazzi im Meer erwischt wurde, doch etwas.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn es ein dringendes Problem gibt, das Deutschlands Ingenieure ziemlich schnell lösen können sollten, dann ist es das fehlende Gratis-Internet. Für ein Land mit dem besten öffentlichen Nahverkehr der Welt sollte das doch keine große Herausforderung darstellen, oder?

Übersetzung aus dem Englischen: Matthias Schulz

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