Es war ein warmer Dezembertag in Jerusalem. Ich setzte mich am Fuße des Ölbergs auf eine Mauer und blickte auf den kleinen Vorplatz der griechisch-orthodoxen Kirche, an der Maria begraben liegen soll. Er war menschenleer, nur das ferne Rauschen des Verkehrs war vernehmbar. Dann hörte ich hinter mir Schritte. Im Augenwinkel sah ich einen Mann, vielleicht 50 Jahre alt. Er wühlte in seinen Manteltaschen. Was suchte er dort? Ich stand auf, zog mein Handy aus der Innentasche des Jacketts, ging an ihm vorbei und tat so, nunmehr einige Meter hinter ihm stehend, als müsste ich eine Nachricht beantworten. Jetzt drehte er sich zu mir um, trat einen Schritt vor und sagte auf Englisch, ob ich glaubte, von ihm, dem Araber, erdolcht zu werden? Er habe kein Messer dabei. Die Erleichterung war stärker als meine Scham, einer rassistischen Logik gefolgt zu sein.

Wir sprachen über "the situation". Jeder spricht hier, ob Palästinenser oder Jude, eigentümlich neutral über "the situation". Mit "the situation" (auf Hebräisch "hamatzav") sind derzeit vor allem die Messerattacken gemeint, mit denen man seit ziemlich genau zwei Monaten nicht nur, wie sonst üblich, im Westjordanland, sondern auch in der Innenstadt Jerusalems rechnen muss, und, wenn auch seltener, in anderen Städten Israels.

Er mache dies und das, Dienstleistungen für Touristen, meistens sei er Chauffeur, sagte der Mann. Hier, er zeigte auf die Hauptstraße, die sich am Berg vorbeischlängelt, sei es vorgestern geschehen. Ein Mädchen, das für eine Terroristin gehalten worden sei, hätte man erschossen, ein unmenschlicher Akt. In der Nacht würde eine Trauerprozession stattfinden. Was genau geschehen sei, wisse er nicht. Noch vor einigen Wochen seien Juden in die arabischen Viertel der Stadt gegangen, um einen Kaffee zu trinken. Nicht viele, aber immerhin. Das sei vorbei, "because of the situation, my friend".

Man erfährt von den Attacken ausführlich aus israelischen Zeitungen, aus amerikanischen und französischen, seltsamerweise kaum aus deutschen. Es gibt derzeit selten einen Tag ohne Anschlag und Tote in dieser nicht allzu großen Stadt. Ein palästinensischer Jura-Student griff vor sechs Wochen eine jüdische Familie am Löwentor der Altstadt mit einem Messer an. Die Touristen sahen, wie der Vater verblutete und die Mutter mit ihrem Kind verletzt davonrannte. Wie der Angreifer eine Waffe bei seinem Opfer fand und in eine Touristengruppe schoss. Wie schließlich ein Polizist den Attentäter mit unzähligen Schüssen niederstreckte. Am nächsten Abend zogen jüdische Jugendliche mit dem Slogan "Tod den Arabern" durch die Straßen, drangsalierten arabische Küchenkräfte der Restaurants und versuchten, in die Altstadt vorzudringen. In der Nacht wurde ein 15-jähriger Israeli erstochen, der Täter erschossen. Für zwei Tage hatte man die Altstadt für männliche Palästinenser gesperrt, Einwohner und Touristen wurden durchgelassen.

Die Tore wurden wieder geöffnet, die Gewalt blieb in der Stadt. Zwei orthodoxe Juden im Alter von 62 und 65 Jahren traten aus einer Synagoge und wurden von einem 16-jährigen Palästinenser mit einem Messer angegriffen. Er wurde, wie es offiziell heißt, "neutralisiert", also getötet. Zwei Juden verprügelten kurz darauf einen Juden. Sie hielten ihn für einen Araber.

An einem der Tore der Altstadt forderten Polizisten einen Palästinenser auf, die Hände aus seinen Jackentaschen zu holen. Er zog aus einer ein Messer hervor und wurde daraufhin erschossen. In Ostjerusalem betraten zwei palästinensische Jugendliche einen Linienbus. Der eine schoss um sich, der andere stach auf die Passagiere ein. Zwei Menschen starben, sechzehn wurden verletzt. Das Haus in Ostjerusalem, in dem die Familie eines der Angreifer eine Wohnung hatte, wurde kurz darauf abgerissen, da es ohne Genehmigung gebaut worden sei, wie die Behörden mitteilten.

Ich war in Jerusalem mit einem israelischen Freund, der mir sein Land zeigen wollte. Einige Tage vor dem Abflug rief das Jerusalemer Hotel an, das Gästehaus der schottischen Gemeinde St. Andrews am südwestlichen Rand der Altstadt: Ob ich tatsächlich käme, es hätten fast alle anderen Gäste abgesagt ("because of the situation"). Das Hotel war dann tatsächlich sehr leer. Vermutlich war ich dort allein. Die Angestellten, christliche Araber, wie sie betonten, gingen in der kleinen, erst ungefähr 100 Jahre alten, aber mit ihrem mächtigen Gemäuer einer Festung ähnelnden Herberge undurchsichtigen Arbeiten nach. Die älteren Herren durchstreiften mal die Bibliothek, das Foyer oder den Frühstückssaal, vielleicht nur um etwas Geschäftigkeit anzuzeigen.

Wenige Tage zuvor hatte sich unweit des Hotels ein Attentat ereignet: Ein Palästinenser war mit seinem Wagen in eine Gruppe von Israelis gerast, die an einer Haltestelle auf einen Bus warteten. Ein 60-Jähriger wurde getötet, ein anderer verletzt. Am selben Tag stach in einem Supermarkt ein Jude mit einem Messer mehrmals in den Rücken eines Mannes, den er irrtümlich für einen Araber hielt. Einen Tag später wurde eine Israelin mit einem Messer bedroht, als sie in einen Bus steigen wollte. Der Angreifer wurde von einem Polizisten "neutralisiert". Ein Elfjähriger wurde in der Tram von einem Polizisten lebensgefährlich angeschossen, da er diesen mit einem Messer bedroht hatte. Ein 37-jähriger Palästinenser zückte ein Messer vor der Altstadt. Bevor er jemanden verletzen konnte, trafen ihn sechs Kugeln der Polizei tödlich.