Es mag ja etwas Willkürliches haben, hier über zwei Filme zu schreiben, nur weil beide aus Japan kommen. Aber Unsere kleine Schwester von dem Regisseur Hirokazu Koreeda und Kirschblüten und rote Bohnen von der Regisseurin Naomi Kawase verbindet eine tiefe, innige Verwandtschaft. Beide Filme erzählen von Familie und Zugehörigkeit. Oder von dem, was sie auch sein können. Beide tun dies mit schöner Leichtigkeit. Und beide Filme nehmen uns mit in eine Kultur, die auf feinsinnige Weise eins ist mit dem Leben, dem Alltag und dem Empfinden der Figuren.

Unsere kleine Schwester handelt von drei jungen Frauen, drei Schwestern, die gemeinsam unter einem Dach wohnen und plötzlich erfahren, dass sie noch eine kleine verwaiste Stiefschwester haben. Sie holen sie zu sich ins Haus – und damit auch die Erinnerung an den verstorbenen Vater.

Kirschblüten und rote Bohnen wiederum schildert, wie die Begegnung eines Bäckers mit einer alten Dame zu einer Freundschaft und gegenseitigen Entdeckungsreise wird. Vielleicht auch zu der Mutter-Sohn-Beziehung, die beide nicht hatten. In beiden Filmen entsteht durch die Begegnungen ein Gefühl des Verbundenseins mit dem anderen, aber auch mit etwas, was darüber hinausweist. Man kann es Tradition oder eben Kultur nennen.

Sachi, Yoshino und Chika heißen die drei Schwestern, die in Koreedas Film im Küstenstädtchen Kamakura in einem traditionellen Haus zusammenleben, schon vor Jahren verlassen von der Mutter und auch vom Vater, der gerade gestorben ist. Sachi, die Älteste, ist Krankenschwester und übernahm schon früh Verantwortung für die Jüngeren. Yoshino, die Mittlere, stürzt sich Hals über Kopf in Affären oder in die Arbeit. Chika, die Jüngste, Träumerische, jobbt in einem Sportgeschäft. Bei der Beerdigung des Vaters treffen sie auf die neunjährige Suzu. Behutsam wird hier von der Entdeckung erzählt. Da sind die Blicke der älteren Schwestern auf ein ernstes, aber eben auch verlorenes Mädchen inmitten des Trauerzeremoniells. Oder der gemeinsame Spaziergang und die Aussicht von einem Hügel ins Tal, zu viert gesehen mit den Augen des verstorbenen Vaters. Die Schwestern werden zu einer Gemeinschaft, die nun in dem großen, zugigen Holzhaus mit Garten zusammenlebt. Im Rhythmus der Mahlzeiten lernt man sie kennen, erfährt von ihren Lieblingsspeisen und ihren Sehnsüchten genauso wie von ihren Konflikten.

Koreedas Film übernimmt die episodische Form der Vorlage des in Japan populären Mangas Unimachi Diary – Tagebuch aus einem Küstenstädtchen. Mit leichtfüßigen Sprüngen kann er so die verschiedensten Ebenen verbinden: Den Schul- und Berufsalltag, die Liebesgeschichten und Flirts von vier jungen Frauen im modernen Japan. Und ihre kleinen und großen Rituale. Es gibt den Ahnenaltar im Wohnzimmer, den von der Großmutter geerbten Kimono, die gemeinsame Zubereitung des Pflaumenweins, dessen Jahrgänge eine Art Familienchronik sind. Oder auch das kollektive, alle Geschichten durchdringende Ritual des Kirschblütenfests.

Immer wieder kann man nur staunen darüber, wie wenig es hier braucht, um alles zu erzählen. Etwa wenn in der Küche, beim Sprechen über ein Gericht und die damit verbundene Erinnerung, das so unterschiedliche Verhältnis der jüngsten und der ältesten Schwester zum Vater aufscheint: die Nähe der einen und die leise Trauer und Enttäuschung der anderen. In diskret gerahmten Einstellungen folgt Koreeda diesen feinfühligen Wesen, die auf eine völlig unpathetische Art auch zu unseren Schwestern im Geiste werden. Man fühlt sich fast ein bisschen verlassen, als der Film plötzlich vorbei ist.

Ebendiese Mischung aus erzählerischer Einfachheit oder auch: aufregender Sparsamkeit und einem selbstverständlichen Umgang mit der Tradition prägt auch Naomi Kawases Film Kirschblüten und rote Bohnen. Im japanischen Original heißt der Film einfach nur An, was ihm mehr entspricht. An ist die süße Paste aus roten Bohnen, eine Zutat der Dorayaki-Pfannküchlein. Tagein, tagaus backt und verkauft der introvertierte Herr Sentaro diese japanische Spezialität in seinem Büdchen irgendwo in Tokio im Schatten eines Baumes. Eines Tages steht eine alte Dame vor seinem Tresen. Frau Tokue sucht ein Gespräch. Vielleicht auch Gesellschaft. Und vielleicht auch einen Job. Sie kostet die Dorayakis und gibt Herrn Sentaro zu verstehen, dass seine in Großbehältern gelieferte Bohnenpaste eine Beleidigung der Bohnen ist, wenn nicht ein Angriff auf die Harmonie des Universums. Frau Tokue wird Herrn Sentaro lehren, diese Paste zu kochen. Und diese etwa fünfzehnminütige, im Morgengrauen in der Enge des Büdchens gefilmte Szene ist spannender als eine Actionjagd. Es geht um Geduld und Timing, um das Zupacken und Loslassen im richtigen Moment. Es geht darum, allen Wesen und Dingen und Bohnen Respekt zu erweisen, ihre Geschichte zu verstehen, ihnen und sich Zeit zu lassen. Wie nebenbei schafft der Film es noch, Einblick in zwei auf völlig unterschiedliche Weise schwere Schicksale zu geben – und in ein fast unbekanntes Tabu der japanischen Gesellschaft.

Sowohl bei Hirokazu Koreeda als auch bei Naomi Kawase zieht der japanische Sinn für Harmonie in die Bilder ein, gibt ihnen die Ruhe, um von der Unruhe des Lebens zu erzählen. Hier wie dort wahrt die Kamera eine zugewandte Distanz – sie lässt uns die Freiheit, uns unausweichlich in diese komplexen, seltsam zarten Figuren zu verlieben.