Lieber Sohn,

Du wirst diesen Brief erst in einigen Jahren lesen können, falls man dann überhaupt noch Zeit hat für solcherlei Dinge. Denn momentan ist die Welt im Wandel. Wenn ich mir überlege, was sich alles in den letzten zehn Jahren zugetragen hat, vermag ich kaum eine Vermutung anzustellen, wie es nach der gleichen Zeitspanne in der Zukunft aussehen wird.

Du kringelst dich gerade auf einem weichen Teppich, wobei Deine Wirbelsäule sich in schier unglaublichem Maß durchbiegt und Du die Kontur eines menschlichen Croissants annimmst. Deine Anforderungen an die Welt sind gering: Alles, was Du brauchst für Deine glucksende Zufriedenheit, sind Wärme, etwas zu essen und manchmal der wiegende Rhythmus eines Dich tragenden Menschen. Mehr können wir, die Erwachsenen, Dir gar nicht geben. Du hingegen hast mir bereits so viel gegeben, einem großstädtischen Mittdreißiger, der eigentlich schon viel gesehen und erlebt hat in seiner Zeit hier, auf diesem Planeten, den wir gerade nach besten Kräften zugrunde richten, sodass der Blick in die Zukunft sehr unangenehm sein kann.

Wenn ich Dich aber sehe, wie Du voller Begeisterung einen knisternden blauen Stern aus Stoff mit Deinem noch zahnlosen Mund bearbeitest, dann sehe ich genau hier, in diesem Zimmer, eine neue Zukunft, in die ein Blick sich lohnt. Ich sehe Deine Augen, in denen mein Blau und das warme Braun Deiner Mutter zu einem schönen Olivgrün verschmolzen sind, Augen, die noch Begeisterung für alles ausstrahlen. Für Dich ist die Welt, auch wenn Du davon bisher so gut wie nichts gesehen hast, voller Wunder. Wie eine 200-Watt-Birne heller Freude erleuchtest Du den Raum und überträgst Dein Glück auf alle Anwesenden, auf eine archaische, unheimlich simple und effektive Weise. Aus Deinem Mund kommen Geräusche, die noch keine Sprache sind, nicht einmal einzelne Silben sind auszumachen, aber die Bedeutung Deiner begeisterten Rede ist klar verständlich die Mitteilung Deiner Lebensfreude.

Wahrscheinlich können wir nicht mehr die Welt retten, so als großes Ganzes. Aber Deine kleine Welt, die kann ich so gut machen, wie es nur irgendwie geht. Das wollen wahrscheinlich alle Eltern. Das ist eben die Liebe.

Prinz Pi, 36, heißt bürgerlich Friedrich Kautz und ist ein Rapper aus Berlin