Suchen Sie noch ein Weihnachtsgeschenk? Wir hätten da was für Sie. Es soll geistesheilende Kräfte haben, ist aber günstiger als eine professionelle Therapie. Es verleiht der gerade so grau und grausam erscheinenden Welt neue Farbe und gibt Ihnen ein Stück Kindheit zurück. Die Rede ist von: Malbüchern. Für Erwachsene.

Wie sehr die im Trend liegen, beweist zum Beispiel Brigitte. Das Frauenmagazin hat gerade ein Sonderheft herausgebracht, es heißt Malen & Entspannen. In Frankreich und Großbritannien gehören Ausmalbücher bereits seit einiger Zeit zu den Bestsellern auf Amazon. Im Jahr 2014 registrierte der britische Buchhändler Waterstone einen Anstieg der Verkaufszahlen um 300 Prozent.

Grund für den Boom der bunten Bücher ist, dass Verlage sie als Anti-Stress-Mittel verkaufen. Die Marketingchefin eines Londoner Verlags hat das gegenüber der Tageszeitung Guardian zugegeben. Sie sagt, die Stressbekämpfung rechtfertige eine Tätigkeit, die viele als kindisch wahrnehmen. Noch. Die schottische Künstlerin Johanna Basford, deren Bücher mit verwunschenen Gärten und Wäldern gerade besonders begehrt sind, sieht dieses Vorurteil bereits revidiert. "Ausmalen", sagt Basford, "ist jetzt sozial akzeptiert."

Auch in Deutschland ist die Anti-Stress-Malerei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ausmalbücher zieren Schaufensterregale von Buchhandlungen. Wer auf Amazon "Malbücher für Erwachsene" sucht, findet 686 Produkte: florale Muster für 4,99 Euro, fantastische Kreaturen oder Wälder oder verworrene Mustergebilde für 7,99 Euro. Sie alle eint das gemeinsame Ziel des Loslassens, sie versprechen: "Komm zur Ruhe", "Alle Sorgen gehen lassen" oder, ganz direkt, "Farbe rein, Stress raus".

Dass Kunst eine therapeutische Wirkung hat, ist eine Binsenweisheit. Menschen verarbeiten seit je ihre Konflikte in kreativen Tätigkeiten. Das Unterbewusstsein bahnt sich dadurch seinen Weg in die Realität. Als Kunsttherapie wurde dieser Prozess Mitte des 20. Jahrhunderts zur therapeutischen Disziplin. Patienten sollen dabei Erfahrungen und Gefühle verarbeiten. Ausmalbücher haben einen simpleren Anspruch: Sie sollen ihre Nutzer vor allem entspannen.

Laut dem Psychologen Alfred Gebert von der Fachhochschule des Bundes in Münster funktioniert das, weil man im Grunde nichts dafür können muss: "Die Form ist vorgegeben. Man muss ihr nur folgen. Die Verbindungen zwischen den Gehirnzellen können dabei weitestgehend ruhen." Dass die Kreation ohne große kreative Anstrengung entsteht, hat einen zweiten Vorteil: Auch wer nicht sonderlich gut malt, kann ein perfektes Ergebnis erzielen. "Dabei", sagt Gebert, "setzt der Körper Glückshormone frei. Wir sind stolz auf unser Werk."

Das schlichte Kolorieren aber genügt manchen Anti-Stress-Malern nicht mehr. Fortgeschrittene betreiben "Doodling" oder "Zentangling". Mit Doodling ist die Kritzelei gemeint, die man zum Beispiel während eines Telefonats anfertigt. Zentangling ist eine Melange aus der buddhistischen Strömung Zen und dem englischen Wort tangle, das so viel bedeutet wie Wirrwarr. Es bezeichnet das meditative Aneinanderreihen von Mustern, eine Art strukturiertes Doodling.

Wer es allerdings so weit treibt, muss fürchten, auch beim Malen unter Druck zu geraten. "Es wird Linien geben, mit denen du dich nicht wohlfühlen wirst", warnt zum Beispiel der amerikanische Illustrator und Doodling-Vordenker Peter Deligdisch in einem YouTube-Video, während seine Hand vor sich hin doodelt. Klingt bedrohlich? Dann lassen Sie doch die Doodler Doodler sein und bleiben Sie beim Ausmalen. Das ist auch gleich viel bunter.