Seit je stehen Leben und Werk von Martin Heidegger (1889 bis 1976) in Streit. Den einen gilt der Denker als der größte deutsche Philosoph des 20. Jahrhunderts, den anderen ist er ein raunender Mystiker, der sich durch die Übernahme des Rektorats an der Universität Freiburg und seinen NSDAP-Beitritt 1933 völlig desavouierte. Seit Ende der neunziger Jahre wird das Thema Heidegger und der Nationalsozialismus heftig diskutiert. Hatte sich der Philosoph bloß in den Nationalsozialismus verstrickt, schlimm zwar, aber nicht weiter bedeutsam, oder aber ist Heideggers Denken selbst faschistisch gewesen?

Die 2014/2015 erfolgte Veröffentlichung von Heideggers Schwarzen Heften, die zwischen 1931 und 1948 entstanden sind, hat die Debatte neu entfacht. Binnen Monaten sind Hunderte Veröffentlichungen zu den sogenannten Denktagebüchern erschienen. Die Lektüre der bisher vorliegenden vier Bände, jeweils herausgegeben von Peter Trawny, die noch von Heidegger selbst als der krönende Abschluss der Gesamtausgabe seiner Werke vorgesehen wurden, geben nun Antworten und identifizieren Heidegger als faschistischen Denker – und machen diese Veröffentlichung zu einem Fall für die österreichische Justiz.

Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) © AFP/Getty Images

Heidegger stimmte der Errichtung des faschistischen Herrschaftssystems vorbehaltlos zu. Hitlers Machtantritt bewertete er als "Unvergleichlichkeit der Weltstunde". Die Gunst dieser Stunde erlaube es, konkrete Handlungen zu setzen. Es gelte nun, "um desto härter und schärfer und weitsichtiger gegen das wurzel- und rang-lose Gezappel der neuen Geistigkeit sturmzulaufen". Heidegger verlangte Maßnahmen: "Situationseifrige Betulichkeit" reiche nicht hin, die Philosophie müsse "hart am Wind ihres Sturmes sich halten". Es bedürfe des "Führers", dieser allein könne die "Allein-heit des Daseins zum Schweigen bringen". Es sei entscheidend, Partei zu nehmen für die NSDAP als der "echt ›Existentiellen‹". Die Philosophie müsse werken und damit erwirken – Heidegger war voll der Ungeduld: "Wann spielen wir endlich und spielen auf zum Kampf?"

Bisher konnte nur gemutmaßt werden, was Heidegger zur Übernahme des Rektorenamtes an der Universität Freiburg bewegte. Jetzt weiß man es: Es war der taumelnde Vollzug eines nationalsozialistischen Erweckungserlebnisses, es war "die große Erfahrung und Beglückung, daß der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stoßkraft gibt". Heidegger wollte aus ganzer Überzeugung und mit vollem Einsatz nationalsozialistischer Rektor sein und seine Sache gut machen, das heißt, dem "Führer" dienen und selbst Führer sein.

Die rasche Zurücklegung des Rektorats 1934 – für alle Heidegger-Verteidiger stets ein Beweis dafür, dass Heideggers Nazi-Engagement so ernsthaft nicht gewesen sei – hatte nichts mit einer weltanschaulichen Distanznahme gegenüber der NSDAP im Speziellen oder gegenüber dem Nationalsozialismus im Allgemeinen zu tun: "Mein Rektorat stand unter dem großen Irrtum, daß ich den ›Kollegen‹ Fragen zu Gemüt und in den Blick bringen wollte, von denen sie am besten zu ihrem Gedeihen – und Verderben ausgeschlossen bleiben."

Rücksichtslos erklärte Heidegger das nationalsozialistische Terrorsystem für "notwendig" und unabdingbar. Es sei deswegen auch völlig unangebracht, daran Kritik zu üben oder dagegen "kurzfristige ›Opposition‹" zu üben. Das "Haftenbleiben an Mißständen", also das Aufzeigen von Terror und Vernichtung, würde nur den Blick trüben.

Insbesondere das "Führertum" war Heidegger wichtig, es wird hoch gelobt, weil nur im "Führer" die Masse zu sich selbst komme. In den Schwarzen Heften findet sich in vielen Wortwendungen eine denkerische Anbindung Heideggers an den Führerkult. Das Deutschtum rechtfertigte bei Heidegger alles, wobei das "Hinrichten" nichts sei, über das man sich "romantisch entrüsten dürfte" – immerhin gehe es um den "äußersten Existenzkampf".