* 18. 7. 1927 - † 19. 12. 2015

Der Tod ist dem von Krankheit und Alter schwer Geschlagenen seit Jahren auf den Fersen gewesen. Wer ihn in letzter Zeit erlebt hat, ist geneigt, von Erlösung zu sprechen. Er selbst freilich, der unverwandt vorausschauende Projektemacher, von einer wunderbaren Frau behütet, hätte das nicht zugegeben.

Mehr als viele seiner Kollegen gehört Kurt Masur, dank des mutigen Engagements im Herbst 1989 und eines tiefernsten Verständnisses von Kunst als humanem, gesellschaftlichem Auftrag, auch der Zeitgeschichte. Als Musiker war er, was man bei Politikern einen Generalisten nennt – unter höchsten Ansprüchen: Stets haben seine Verantwortungen über die des Dirigierenden hinausgereicht, schon in den Schweriner Jahren und auch, während er gleichzeitig mehreren Orchestern vorstand. Das betrifft die Sorge für junge Dirigenten – lange Zeit war Masur der wichtigste Mentor des Dirigentenforums, die Zahl der Kurse in aller Welt ist Legion –, das Engagement für das Mendelssohn-Haus in Leipzig, das Beethoven-Haus in Bonn und vieles mehr, ganz und gar fürs Neue Gewandhaus; ohne seinen Einsatz wäre es gar nicht oder viel später gebaut worden. Nach 1989 war Kurt Masur als möglicher Bundespräsident im Gespräch, nicht zuletzt dank seiner integrierenden Begabung. Überdies hat er, obwohl immer den Praktiker betonend, Neuausgaben klassischer Werke befördert, in Leipzig musikwissenschaftliche Symposien veranstaltet und in New York unter anderem ein öffentliches Gespräch über Editionsfragen bei Beethoven geführt.

1927 im schlesischen Brieg geboren, dort und in Breslau zunächst im Klavierspiel unterrichtet, musste Masur pianistischen Ehrgeiz wegen Sehnenverkürzungen in einer Hand aufgeben und hat nach dem Krieg in Leipzig Dirigieren zu kurz studiert, um sich für einen solide ausgebildeten Kapellmeister halten zu dürfen. Nach rasch wechselnden Engagements auf zweiten Positionen in Halle, Erfurt, Leipzig und bei der Dresdner Philharmonie hatte Masur von 1958 an für zwei Jahre eine erste Chefstelle in Schwerin inne, damals das Sprungbrett für größere Karrieren. Von dort holte ihn Walter Felsenstein an die Komische Oper, wo er für vier Jahre als Generalmusikdirektor amtierte und endgültig in die erste Reihe aufrückte, unter anderem mit einem hinreißend dirigierten Othello. Nach drei freiberuflichen Jahren übernahm er bis 1972 als Chef die Dresdner Philharmonie, von 1972 an das Gewandhausorchester – bis 1997. Seit 1991 teilten die Leipziger sich ihn mit dem New York Philharmonic Orchestra; nach dem Abschied von dort (2000) übernahm er für sieben Jahre die Leitung des London Philharmonic Orchestra, von 2002 an für sechs Jahre das Orchestre National de France.

Am häufigsten, besonders im Ausland, ist Masur als Repräsentant deutscher Musiziertraditionen gesehen worden – nur halb zu Recht: Dank seines Spürsinns für die Eigenheiten der Orchester musizierte er in New York, London oder Paris anders als in Leipzig. Sein amerikanischer Beethoven klingt schlanker, heller, transparenter als der oft dunkel-pathetisch beglaubigte aus Leipzig; andererseits hat er in New York nicht nur bei Brahms und Bruckner den Leipziger Klang durchzusetzen versucht. Anhand zahlreicher Einspielungen – seine Diskografie wird im Umfang nur von Karajan übertroffen – lässt sich das leicht nachhören.

Jene Charakteristik trifft dennoch Wesentliches, insofern Masurs Musizierweise durch eine Sicherheit geprägt war, die ohne die Verbindung von Tradition, kollektiven Musiziererfahrungen und persönlicher Autorisation nicht vorstellbar erscheint – eine Furtwängler-Büste steht im Vestibül seines Hauses –, nicht zu vergessen die abgehobene Position des Maestros, die im Osten länger bewahrt blieb. Das brachte ihm in Amerika Vorwürfe eines "somewhat dictatorial approach" ein, wohlfeil bei einem altgedienten DDR-Bürger und ungerecht, weil derlei bei westlichen Kollegen auch nicht selten war. Masur hat sich nicht beirren lassen, am wenigsten durch die medial ausgeschlachtete Mitteilung, er sei in New York nicht erste Wahl gewesen – da befand er sich in guter Gesellschaft. Nach einem schwierigen Einstieg hat man rasch erkannt, was man an ihm hatte: einen Impulsgeber mit neuen Ideen, neuen Konzertformen, der dem Orchester nach einer Schwächephase mächtig aufhalf.