Bernard-Henri Lévy, der die lockere Berufsbezeichnung "Philosoph" trägt, hatte pünktlich zu Weihnachten eine gute Idee, die er dem Vatikan abgeguckt hat. Auf einer jüdisch-katholischen Tagung im UN-Hauptquartier wünschte er sich ein Nostra Aetate vom Islam.

In unserer Zeit, verabschiedet vom Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren, markiert die Abkehr vom exklusiven wie antijüdischen Absolutheitsanspruch. Und mehr. Bevor sich die Erklärung den Juden zuwendet, bezeugt sie "Hochachtung" auch gegenüber den Muslimen, die "den alleinigen Gott anbeten" und sich ihm wie einst Abraham unterworfen haben. Das war wohl die erste positive Lehramts-Aussage zum muslimischen Glauben.

Mit dem Judentum, der Mutter des Monotheismus, hat sich die Una Sancta bekanntlich schwerer getan. Nicht nur hätten sich die Juden dem Heiland verweigert, sondern ihn auch umgebracht. Nostra Aetate beendete die Tradition des christlichen Antisemitismus. Es betont das "geistliche Band" zum "Stamme Abrahams", aus dem auch "Christus dem Fleische nach stammt". Kein "Gottesmord" mehr: Den Tod Jesu könne man "weder allen damals lebenden Juden noch den heutigen zur Last legen".

In der spanischen Zeitung La Vanguardia hat Franziskus die Botschaft bekräftigt: "Man kann kein richtiger Christ sein, ohne seine jüdischen Wurzeln anzuerkennen." Zurück zu Lévy, der sich zum 50. Jahrestag der Erklärung ein "Nostra Aetate von der islamischen Welt" gewünscht hat. Er appellierte an "Geistliche, Gelehrte, Männer und Frauen guten Willens, im Angesicht des Dschihad, zu sagen: Dies ist nicht unser Islam, unser Islam ist so und so ..." Das "würde die Welt verändern. Also bitte, ein muslimisches Nostra Aetate!".

Der Koran lässt sich wie die Bibel so oder so auslegen. Er nennt zwar die Juden "Affen und Schweine", aber auch "Volk des Buches", das Allah "unter den Völkern hervorgehoben hat". Die Juden seien zwar "verflucht", aber sie hätten auch "das Buch, die Weisheit und die Prophezeiung empfangen". Breit ist der Raum der Auslegung.

Würde ein Nostra Aetate auf Arabisch die Welt verändern? In einem Sinne vielleicht. Wer die arabischen Medien liest, weiß, dass im sogenannten Nahostkonflikt das Anti-Jüdische das Anti-Israelische immer weiter verdrängt. Der Feind ist der jahud als Gestalt des kosmischen Bösen. Den Glauben abzukoppeln würde die handfesten Konflikte keineswegs lösen, aber ihnen womöglich den Hass entziehen. "Du oder ich" könnte sich in "So viel für dich und so viel für mich" verwandeln.

Mit einer Nostra Aetate-Erklärung wäre es freilich nicht getan, hat doch der Philosoph eine fürchterliche "Kleinigkeit" übersehen: den Glaubenskrieg zwischen Sunniten und Schiiten, der tausend Mal mehr Tote gefordert hat als der zwischen Israelis und Arabern. Der ganz große Nahostkonflikt hat den kleinen längst überwältigt. Er erinnert an die blutrünstigen Religionskriege im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts.

Weihnachten ist eine gute Zeit, auch daran zu erinnern, dass der Krieg bekanntlich in den Köpfen beginnt, dass Gott, Allah und Adonai bloß drei Namen für den "Einzigen" sind. Nostra Aetate ist jedenfalls das Modell. "Eine Herausforderung, ein heißes Eisen", sagt Franziskus, "aber als Brüder können wir es schaffen."