Nein, keineswegs, diese Empfehlung erfolgt nicht automatisch, sogar Meyerhoff empfiehlt sich nicht von selbst. Sein jüngstes Buch, der nun dritte Band seines autobiografischen Künstlerromans Alle Toten fliegen hoch, hätte natürlich missglücken können, selbst wenn Teil I und II so magisch gut waren, dass der Kritik nichts zu beanstanden einfiel. Das Irrenhaus als Kindheitsort und der ziemlich irre Vater als dessen Direktor trugen viel dazu bei, dass Joachim Meyerhoff mit den ersten Bänden seines erzählten Ichs den Lesenden nicht auf die Nerven ging, sondern sie befreiend entsetzte. Aber nun schreibt der Schauspieler als Enkel. Als "Lieberling" der großbürgerlichen Großmutter. Als Schauspielschüler, der für die Bühne den expressiven Ich-Zerfall üben soll und unterdessen in einem stabilen Großelternhaus lebt, bis zum Tode der Alten. Die Erzählung hätte leicht in familiärem Vergänglichkeitskitsch stranden können oder im Weltschmerz der Kreativszene. Doch sie strandet nicht. Im Gegenteil. Sie trägt einen fort, hoch in die freie Luft, in das Licht der genauen Beobachtung. Meyerhoff sieht im Sterben anderes als nur Elend, in den Nöten des Ichs mehr als andauernde Nabelschau und im Treppenlift ein skurriles Vehikel der Würde: Winkend, einander den Vortritt lassend, vom guten Whiskey benebelt, entschwinden die Großeltern mit dem Treppenlift ihres Hauses hoch in die Nacht. Nun also erzählt Meyerhoff, den der Tod von Bruder und Vater erschüttert hatte, was Lebendigkeit ist, bühnenreif, grauenvoll, komisch, wir raten zu.

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015; 348 S., 21,99 €, als E-Book 18,99 €