"Ich bin eben ein Narziss"

Seit Jahren hält Roger Waters, der bei New York lebt, in London am liebsten in einem Luxushotel gegenüber von Harrods Hof. Der ehemalige Pink-Floyd-Strippenzieher gilt als reizbar. Davon können auch seine ehemaligen Pink-Floyd-Kollegen ein Lied singen, mit denen er lange nur noch über Anwälte kommunizierte. Zuletzt sorgte Waters für Trubel, weil er einige Popstars aufforderte, nicht in Israel aufzutreten. Vor unserem Gespräch wird darum gebeten, dass man sich auf seine Neubearbeitung von "The Wall" konzentrieren möge .

DIE ZEIT: Mr. Waters, auf dem Weg zu Ihnen beschimpfte mich ein Taxifahrer, als er erfuhr, dass ich aus Deutschland komme. Er warf den Deutschen vor, zu viele Flüchtlinge nach Europa zu locken. Liegt die ungebrochene Popularität des von Ihnen einst verantworteten Pink-Floyd-Albums The Wall auch darin begründet, dass die Thematik immer wieder aktuell ist?

Roger Waters: Die Idee einer Mauer ist eine zeitlose Metapher, die sich auf vieles anwenden lässt: Schule, Beziehungen, Privates und Politisches. Für das, was dieser Tage in Europa vor sich geht, passt sie ideal. Bei meinen The Wall-Solokonzerten stehen auch Kinder auf der Bühne, die "Fear Builds Walls"-T-Shirts tragen. Was die Sache ganz gut auf den Punkt bringt. Ihr Taxifahrer hatte ganz einfach Angst. Warum? Weil unsere Regierungen angesichts der anstehenden Herausforderungen Panik schüren. Es wird das Bild vermittelt, dass hinter den sicheren Mauern Europas Fremde lauern, die unsere Harmonie stören könnten. Es ist eben auch eine ideologische Mauer, die verhindert, dass wir uns den wirklichen Problemen stellen. Aber irgendwann fällt jede Mauer. Zurzeit sieht es in weniger privilegierten Regionen der Welt so schlimm aus, dass sich die Menschen, die dort leben, eine neue Heimat suchen müssen. Mauern werden sie nicht aufhalten. Dass der Taxifahrer Sie beschimpft hat, finde ich dennoch überraschend.

ZEIT: Warum?

Waters: Weil Deutschland mir dieser Tage eher besonders beliebt erscheint. In den USA hörte ich neulich im Radio eine BBC-Sendung, in der Syrer befragt wurden, die es bis nach Deutschland geschafft hatten. Die Deutschen wurden von diesen Flüchtlingen als hilfsbereite Engel beschrieben. Das hat mich tief bewegt. Denn machen wir uns nichts vor, viele Menschen meiner Generation verbanden mit Deutschland lange negative Erinnerungen: der Krieg, blablabla. Früher wünschte man sich eine Mauer, um sicher vor den Deutschen zu sein und sie auf Abstand zu halten. Gut, der Respekt war schon lange da: die florierende Industrie, die Grünen und so weiter. Aber menschlich? Durch ihre Hilfsbereitschaft ändert sich das Bild der Deutschen drastisch. Alle Vorurteile wurden weggewischt. Die paar irren Skinheads in Dresden stören diese Harmonie nicht weiter, weil es solche Gestalten in jedem Land gibt.

ZEIT: Sie hätten gute Gründe, Deutschland nicht zu mögen. Ihr Vater fiel im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen die Deutschen. Bis heute verarbeiten Sie diesen Verlust in Ihrer Arbeit. So wie in dem neuen Konzertfilm The Wall, in dem Sie die Musikaufnahmen mit einer Reise zu den Gräbern Ihres Vaters und Ihres Großvaters kombinieren.

Waters: Natürlich ist mein Verhältnis zu Deutschland kompliziert. Und ja, der Tod meines Vaters beschäftigt mich bis heute, das stimmt. Auch deswegen bin ich in den kleinen süditalienischen Ort gereist, wo ein Gedenkstein für ihn und die anderen Weltkriegstoten errichtet wurde.

ZEIT: Wie kam Ihr Vater zu diesem Gedenkstein?

Waters: Ich wurde vor einiger Zeit mal im italienischen Fernsehen interviewt, und ich erzählte, dass mein Vater in Italien gefallen sei, ich aber nie erfahren hätte, wo. Das sah ein alter Engländer namens Harry, der seit 1980 in der Nähe von Rom lebt. Der begab sich auf Spurensuche und landete in einem Dorf namens Aprilia. Die Anwohner waren von der Geschichte so beeindruckt, dass sie beschlossen, eine Art Monument für die Gefallenen zu errichten. Harry fragte mich dann, was auf der Gedenktafel stehen solle. Der Name meines Vaters, Eric Fletcher Waters? Gut! Wobei mir alle Toten dort nahegehen. Nicht nur die Briten und deren Verbündete, sondern auch die Deutschen. Nationalismus kann ich nicht ausstehen. Dass mein Vater nun in Aprilia seinen Frieden gefunden hat, berührt mich tief.

ZEIT: In dem neuen The Wall-Film gibt es eine Szene, in der Sie unter Tränen aus dem Brief vorlesen, in dem Ihrer Mutter damals der Tod Ihres Vaters mitgeteilt wurde. Warum machen Sie so etwas Intimes öffentlich?

Waters: Weil es mir wichtig war. Dieser Brief war ein Teil der Geschichte, die ich erzählen wollte, also gab ich den Brief dem Regisseur und bat ihn, mich zu filmen, während ich ihn lese. Ich bestand darauf, dass es keinen zweiten Take geben würde, egal, wie meine Reaktion ausfallen würde. Denn ich werde diesen Brief kein zweites Mal in meinem Leben lesen.

ZEIT: Bleibt die Frage, warum Sie so etwas Intimes öffentlich machen.

Waters: Vermutlich bin ich ein Narziss, wie viele andere Rockstars. Wenn ich mich schon in der Öffentlichkeit bewege, dann ohne Geheimnisse. Sehen Sie mich an: Ich bin 72 Jahre alt. Ein alter Knabe, der einen Brief liest. Ein betagter grauhaariger Rockstar, der nichts zu verstecken und zu verlieren hat.

ZEIT: Wie kamen Sie auf die Idee, diese Reise mit Ausschnitten aus The Wall zu kombinieren?

Waters: Ich habe nach einem Konzept gesucht, das der Musik einen Rahmen gibt. Der Regisseur schlug vor, dass ich mit dem Auto von meinem Landhaus zum Konzert in der Wembley Arena fahre und danach wieder zurück. Aber wirklich toll fand ich das nicht. Dann kam mir in den Sinn, dass ich schon immer einmal das Grab meines Großvaters besuchen wollte, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Ich erweiterte die Reise um einen Aufenthalt am Grab meines Vaters. Das war der Plot, der mir gefehlt hatte, und den kombinierten wir mit den Konzertaufnahmen von The Wall und einer Menge surrealer Ideen.

"Vermutlich reiße ich meine Klappe manchmal zu weit auf"

ZEIT: In einer Szene fahren Sie durch Italien, und man sieht durchs Autofenster, wie ein Nazi einen Priester erschießt.

Waters: Das ist ein Zitat. Die Szene habe ich aus dem Film Rom, offene Stadt von Roberto Rossellini. Da schießt ein Nazioffizier einem italienischen Priester in den Kopf. Das haben wir nachgestellt. Warum? Darum! Wir koppeln das mit Bildern, die zeigen, wie ein Apache-Helikopter in Bagdad unschuldige Menschen massakriert. Der Film ist eine bewusste Kombination von Gegensätzen. Die Musik. Die Reise im schicken Oldtimer. Das Grauen des Krieges.

ZEIT: Ihre drei Kinder sind auch zu sehen. Waren sie von dieser Reise begeistert?

Waters: Die mussten mit. Mir war es sehr wichtig, dass sie nachvollziehen konnten, was mich antreibt.

ZEIT: Der Film und die CD sind eine weitere Version von The Wall, dem Konzeptalbum, das Sie mal mit Pink Floyd eingespielt haben und das Sie auch als Solokünstler weltweit enorm erfolgreich spielen. Warum immer wieder dieses Werk?

Waters: Vermutlich, weil es eine verdammt gute Idee war, 1977 The Wall zu entwickeln. Es hat ja auch keiner Picasso gefragt, warum er Guernica gemalt hat. The Wall war schon immer etwas Besonderes für mich. Kriege. Grenzen. Mauern. Das wird nie veralten. Im Gegenteil: Es wird immer moderner, weil sich die Reichen der Welt zunehmend mit Mauern abschotten.

ZEIT: Eigentlich handelte die Platte von Ihrer Schulzeit, oder?

Waters: Richtig. Der Song Goodbye Blue Sky zum Beispiel dreht sich um die Erinnerungen eines Kindes an die Bombenangriffe der Deutschen auf London. Aus heutiger Perspektive würde ich sagen, dass es darin genauso darum geht, wie die Menschheit immer wieder übereinander herfällt.

ZEIT: Sind Sie trotzdem Optimist?

Waters: Absolut.

ZEIT: Das Bild, das Sie von der Menschheit zeichnen, ist aber immer düster gewesen ...

Waters: Ich thematisiere, was schiefläuft, bewahre mir dabei aber den Glauben daran, dass wir diese Hürden überwinden können. Am 15. Februar 2003 gingen weltweit 15 Millionen Menschen auf die Straße, um gegen die Invasion im Irak zu protestieren. Es hat nichts genutzt. Wir hatten trotzdem recht, und was sie taten, war falsch. Viele haben sich schuldig gemacht: die Russen, die Briten und insbesondere die Amerikaner, Dick Cheney und seine Kollegen. Was für ein Irrtum! An Libyen haben sie sich auch versündigt, was ich auf meinem Album Amused To Death verarbeitet habe. Wissen Sie, warum? Weil die alle ein großes Ölkartell gründen wollten ...

(Während Waters sich in Rage redet, betritt eine PR-Frau den Raum und signalisiert, dass die Gesprächszeit vorüber sei.)

ZEIT: Mr. Waters, Sie sind bekannt dafür, dass Sie sich gern über viele Dinge beschweren. Zuletzt schimpften Sie über Hillary Clinton und Donald Trump. Auch Musikerkollegen, die in Israel auftreten, kritisieren Sie immer wieder lautstark. Das brachte Ihnen den Vorwurf ein, antisemitisch zu sein. Was treibt Sie eigentlich?

Waters: Ja, vermutlich reiße ich meine Klappe manchmal zu weit auf. Aber ich sage nichts, was ich mir nicht vorher habe durch den Kopf gehen lassen. Ich wäre nicht der Sohn meines Vaters, wenn ich nicht Dinge aussprechen würde, die mich bewegen. Mein Vater und mein Großvater sind für ihre Überzeugungen gestorben. Wissen Sie was? Unter den entsprechenden Umständen wäre ich auch bereit, für meine Überzeugungen zu sterben. Ich bin zwar nur ein Rockstar, aber ich sage trotzdem Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass sie gesagt werden müssen. Irgendwann kommen auch die unangenehmen Wahrheiten ans Tageslicht, ich bin da guter Hoffnung. (Die PR-Frau bedeutet, dass endgültig Schluss sei. Der Künstler redet und redet.) Wer das meiste Geld hat, kauft sich eben die Wahrheit. Der ganze US-Kongress steht doch zum Verkauf. Und da sind einige Leute mit sehr, sehr viel Geld unterwegs, die sich einfach einige Kongressabgeordnete kaufen.

ZEIT: Sagten Sie nicht, Sie seien Optimist?

Waters: Ja, vielleicht ist das ein Irrtum. Aber umso mehr muss man sich einbringen. Da die meisten meiner Kollegen lieber die Klappe halten, bin ich eben ein einsamer Störenfried.