Sigmar Gabriels Schatten ist groß und schlank, trägt eine Brille und sagt einen Satz, den nur Schatten sagen: "Dienen, ohne Knecht zu sein – darum geht es." Auch andere Schatten kennen solche Sätze, etwa der von Ursula von der Leyen: "Wir wussten, dass wir uns verändern, wir wussten aber nicht, wohin." Der Satz von Frank-Walter Steinmeiers Schatten lautet: "Wir müssen nicht mehr viel reden, um zu wissen, was der andere denkt." Der Schatten von Angela Merkel redet gar nicht, er schweigt. Schweigen liegt in der Natur der Schatten.

Sich unterordnen, aber frei bleiben, dem anderen folgen, egal, wohin, ihn kennen, wie nur er selbst sich kennt – und nach außen die Klappe halten: Dieses Muster kennzeichnet eine besondere Arbeitsbeziehung, die im politischen Geschäft funktionieren muss, wenn Aufstieg und Macht angestrebt werden. Es ist die Beziehung zwischen dem Spitzenpolitiker und seinem Vertrauten, zwischen der Rampenlichtgestalt und ihrem Schattenmann – oder ihrer Schattenfrau.

Politische Alphatiere treffen auf ihrem Weg nach oben viele Mitarbeiter – doch nur einen werden sie ganz nah an sich ranlassen. Er oder sie wird mit dem Chef auf andere Posten wechseln, auf der Karriereleiter mit nach oben klettern. Und im Laufe der Zeit symbiotisch mit dem Vorgesetzten verwachsen.

Ob Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Helmut Kohl, jeder von ihnen hatte ein politisches Alter Ego. Die Öffentlichkeit kennt diese stillen Begleiter nicht, und doch ist ihr Einfluss immens: Sie sind Organisatoren und Ideengeber, Sparringspartner und Kritiker, sie leisten Trost und Beistand. Gabriels Schattenmann heißt Rainer Sontowski, Ursula von der Leyens Gerd Hoofe, Steinmeiers Stephan Steinlein, und die Schattenfrau von Angela Merkel heißt Beate Baumann.

Als Gerd Hoofe an einem eisig kalten Februartag des Jahres 2003 Ursula von der Leyen zum ersten Mal sieht – bei seinem Vorstellungsgespräch –, ist er überrascht. Er weiß zwar, wie sie aussieht, hat am Tag zuvor ein Bild von ihr gegoogelt. Doch als sie nun vor ihn tritt, ist er irritiert: die Hochsteckfrisur, der zu lange Mantel, die zierliche Person. Hoofe hat sich die künftige niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit, die Tochter von Ernst Albrecht, doch etwas anders vorgestellt. Ministerinnenhafter. Folgte Hoofe von der Leyens Leitspruch, wonach der erste Eindruck positiv sein müsse, sonst komme man nie zusammen – er würde wieder gehen.

Knapp 13 Jahre später sind Hoofe und von der Leyen, der Sohn eines Gärtners und die Tochter eines Ministerpräsidenten, der Verwaltungsjurist und die Inszenierungspolitikerin, unzertrennlich. Auf dem mittlerweile vierten Posten dient der Staatssekretär Hoofe der Ministerin von der Leyen: im Ressort Soziales in Niedersachsen, in den Ressorts Familie, Arbeit, Verteidigung im Bund. Sein Radar, so erzählen Mitarbeiter, ist stets auf eine Frage hin ausgerichtet: Kann das der Ministerin gefährlich werden?

Hoofe, 60 Jahre alt, gertenschlank, würdevoll ergraut, modisches Brillenmodell, ist derjenige, der von der Leyens Ideen umsetzt. Er hat realisiert, was seine Chefin berühmt gemacht hat: Elterngeld, Krippenausbau, Bildungspaket, Neuregelung der Hartz-IV-Sätze, Fachkräftekonzept, Attraktivitätsoffensive der Bundeswehr. Umsetzen heißt: genau planen, präzise arbeiten; es heißt: sich um jene Details kümmern, für die Chefs keine Zeit haben. Hoofe hat dafür einen typischen Schattenmann-Satz parat: "Umsetzen ist die Königsdisziplin in der Politik."

Es gibt zwei gängige Schattenmann-Modelle: der "Wiedergänger" ähnelt dem Chef, der "Gegenentwurf" ergänzt ihn. Hoofe entspricht Letzterem: Von der Leyen ist eine Dauerproduzentin spektakulärer Bilder, sie prescht vor, provoziert und schafft somit Anlässe, über sie zu berichten. Hoofe ist zurückhaltend, leise, verkörpert den Idealtyp des verantwortungsbewussten Beamten, der sich morgens seine Butterbrote schmiert, weil er mittags keine Zeit in der Kantine verplempern will. Der Mann, so denkt man, ist eigentlich der ideale Uschi-Bremser. Falsch gedacht. Dynamik betrachtet Hoofe nicht nur als eine persönliche Stärke von der Leyens, sondern auch als prinzipielle politische Kraft. "Dynamik zu bremsen ist falsch", sagt er. Man müsse sie aufnehmen, sich auf Vorwärtsdrang und Geschwindigkeit einlassen – und dann versuchen, sie zu steuern. Durch Gespräche, durch Argumente, durch Wissen. Chefs, dieser Maxime folgen viele Schattenmänner, dürfe man nicht einhegen, sonst verlören sie das, was sie nach oben gebracht habe. Man müsse sie vielmehr lesen und lenken können. Schattenmänner sind auch Steuermänner.