Ein Dezembermorgen in Deutschland, Essen-Nord, eine schmale Straße nahe dem Hauptbahnhof. Hier, zwischen Backsteinbauten, Fußpflegesalons und einer Kita, liegt das Waffengeschäft Isenberg. In den Schaufenstern glitzert die Silvester-Deko: lange Messer und Pistolen zwischen einer Flasche Sekt und Discokugeln. An der Wand lehnen Jagdgewehre, hinter dem Verkaufstresen steht Christoph Küttner, 31 Jahre alt, Karo-Hemd und braunes Haar. Die Tür geht auf. Ein Ehepaar aus Gladbeck kommt herein. Er, 50 Jahre, Jeans und rotes Polohemd, ist Angestellter in einem internationalen Konzern. Sie, 47, ist Krankenpflegerin. Ziemlich normale Leute – die eine Waffe wollen. Christoph Küttner holt drei Schreckschusspistolen aus dem Schrank und legt sie auf die Theke.

"Halt du mal eine", sagt der Mann, "du bist diejenige, die am Nachttisch danach greift."

"Na töfte", sagt sie, umklammert skeptisch eine der Pistolen und hält sie von sich weg. "Zu groß."

Christoph Küttner rät zu einem kleineren Modell, er verweist auf das Waffengesetz ("Erlaubnis zum Führen von Schreckschuss ist ein Kleiner Waffenschein") und gibt Pflegetipps ("Öl ist immer gut"). Am Ende entscheidet sich das Paar für eine Walther P22Q für 149,90 Euro.

Die beiden haben jetzt eine Schreckschusspistole. Aber wovor haben sie eigentlich Angst? "Nennen wir das Kind beim Namen", sagt der Mann und guckt zu seiner Frau. "Wir fühlen uns nicht mehr sicher wegen der vielen Flüchtlinge." Umzingelt seien sie, die Unterkünfte würden nur so aus dem Boden gestampft. Sie selbst hätten zwar noch keine schlechten Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht. "Aber die Gerüchteküche in der Nachbarschaft brodelt."

Winterzeit ist Waffenzeit, das war schon immer so. Wenn es dunkel wird, steigen mehr Einbrecher in Häuser ein. Sicherheitsfirmen verkaufen mehr Alarmanlagen, Waffenhändler mehr Waffen. Doch dieses Jahr ist anders. Dieses Jahr hat Christoph Küttner viel mehr Kunden als sonst. In seinem Laden ist das beliebteste Pfefferspray fast aus, der Großhändler hat einen Lieferengpass. An manchen Tagen kommen so viele Kunden, dass keine Zeit für eine Zigarette bleibt. Das ist nicht nur in Küttners Laden so, sondern überall in Deutschland. "Bei den legalen Abwehrmitteln liegen die Absätze mehr als doppelt so hoch wie im letzten Winter", sagt Ingo Meinhard, Geschäftsführer des VDB, des Verbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler.

Der Waffenhändler Christoph Küttner hat keine abschließende Erklärung dafür, aber eine Vermutung: Es scheint, als habe die steigende Nachfrage nach Waffen auch etwas zu tun mit der steigenden Zahl an Flüchtlingen, so traurig das auch sei. Typische Kunden seien "Angstkunden", sagt Küttner. Menschen, in deren Nachbarschaft eingebrochen wurde. Oder Väter, die sich unwohl fühlen, weil ihre Töchter abends in die Disco gehen. "Aber dann gibt es noch die Leute, bei denen würde ich am liebsten über den Tresen springen. Die hier reinkommen und sagen: Bei mir gegenüber ziehen Asylanten ein. Was haben Sie für mich?"

An Stammtischen und in Sozialen Netzwerken wird schon seit Jahren aufgerüstet, in Kommentaren unter den Artikeln der Nachrichtenportale oder auf den Facebook-Seiten von Bürgerinitiativen:

"Ich greife zur Waffe und schalte jeden aus, von denen, die meinen, sie müssen uns islamisieren", schreibt der Facebook-Nutzer Ralf, zwölf Leuten gefällt das.

"Handgranaten rein. Türen zu. Bumm. Problem gelöst", twittert Mike und verlinkt einen Artikel über eine Flüchtlingsunterkunft.

Und nicht nur verbal wird aufgerüstet. Fast jede Woche werden in Deutschland Flüchtlinge angegriffen. Und fast jeden Tag kommt in Christoph Küttners Laden jemand vorbei, der nach einer Waffe fragt, um sich gegen Flüchtlinge zu verteidigen.