Was dann weiter geschah

Sie glauben weiter daran

Was ist aus dem bürgerlichen Schulterschluss geworden?

Nein, sie wollten einfach nicht hören, die bürgerlichen Parteien. (Zugegeben, es hätte uns auch überrascht, wenn wir ihr Gehör gefunden hätten. Aber die Hoffnung ...) Es ist Mitte März, als die ZEIT (Nr. 11/15) in einem Essay zu erklären versucht, warum ein bürgerlicher Schulterschluss eine Schnapsidee sei. Seit gut einem Monat reden die Parteipräsidenten von SVP, FDP, CVP und BDP damals davon, wieder enger zusammenzurücken und ihre Kräfte zu bündeln. Auf einer Hebebühne, die sie vors Bundeshaus gekarrt haben, weibeln sie für ihr Vorhaben.

Obacht, warnte dieses Blatt: Das wird nicht funktionieren. Man empfahl den Herren, ein paar Jahre zurückzuschauen. Denn bereits in der Legislatur 2003 bis 2007 sahen bürgerliche Parteien und Wirtschaftschefs ihre Chance gekommen, das Land grundlegend zu reformieren. Sie scheiterten kläglich.

Aber eben, die Rechte wollte nicht hören. Erst recht, nachdem FDP und SVP am Wahlabend des 18. Oktober am lautesten jubeln durften. Kommentatoren frohlockten über das Comeback der bürgerlichen Schweiz, die Rückkehr zur Normalität: endlich fertig mit Wischiwaschi! Endlich herrscht wieder Klarheit!

Hat der Schulterschluss also funktioniert? Mitnichten. Nur zwei Monate nach den Wahlen, nach nur einer Parlamentssession zeigt sich: In Kernfragen sind sich die bürgerlichen Parteien uneinig.

Angefangen bei den Bundesratswahlen. Da drückte die SVP mit lautem Ausschluss-Drohungs-Tamtam einen ihrer offiziellen Kandidaten durch. Bis am Tag der Wahl murrten ihre Verbündeten über dieses Gebaren. Konsequenzen? Keine. Das Parlament winkte den Waadtländer SVPler Guy Parmelin durch. Was wurde aus dem angekündigten Comeback der kühlen, bürgerlichen Sparpolitik? Es war bereits in der Budgetdebatte wieder vergessen. 100 Millionen Franken schüttete die rechte Mehrheit zusätzlich (!) über den Schweizer Bauern aus. Und fürs Militär gibt es nun fünf Milliarden Franken pro Jahr. Für was man das Geld braucht? So genau weiß das niemand.

All das war aber nur ein millionenteures Vorgeplänkel. Zum großen Streit kommt es nach dem Jahreswechsel. Ende Februar, wenn über die Durchsetzungsinitiative abgestimmt wird. Oder im März, wenn der Bundesrat öffentlich erklären wird, was er genau unter einer Schutzklausel versteht, welche die Einwanderung in die Schweiz drosseln soll. Spätestens dann heißt es wieder: die SVP gegen den Rest. Und vielleicht wird sich der eine oder andere Bürgerliche doch noch hintersinnen, an welche Schultern er sich lehnen will.

Was wurde aus Herrn Müller und seinem Anliegen an die Kesb?

"Eine Woche ging es gut"

Hals-über-Kopf aus der Haft zur Kesb: Was wurde aus Herrn Müller*?

Es ist ein heißer Sommertag im August. Herr Müller sitzt in sich gekehrt im Sitzungszimmer der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Stadt Bern. Der 53-Jährige sagt nicht viel mehr als "ja" und "gut", als man ihm vorschlägt, einen Beistand zu suchen, der sich um sein Leben kümmert. Um Arzt, Wohnung, Arbeit. Die ZEIT (Nr. 38/15) ist damals mit am Tisch.

Müller lebt seit den 1990er Jahren in Zuchthäusern und Maßnahmenzentren. Nachdem er, schwer drogenabhängig und manisch-depressiv, sein kleines Kind getötet hatte. Eine Woche vor dem Besuch der Reporterin ist sein Dossier bei der Kesb gelandet. Müller wurde Hals über Kopf und ohne Bewährungshilfe in die Freiheit entlassen. Die verordnete Maßnahme hatte ihre Höchstdauer erreicht und konnte nicht mehr verlängert werden. Das war juristisch korrekt. Doch Müllers Probleme sind nach wie vor ungelöst – und seine Aussichten ungewiss.

Die Sitzung verläuft problemlos. Müller ist kooperativ, ja dankbar. Nach einer Stunde verabschiedet man sich. Hoffnungsvoll. Er reist zurück ins Berner Oberland auf den Campingplatz, wo er vorübergehend bei seiner Schwester in einem Wohnwagen untergekommen ist.

Was ist aus ihm geworden?

"Eine Woche ging es gut", sagt Müller vier Monate später am Telefon, "ich habe die Freiheit genossen. In der zweiten Woche wurde alles zu viel, und ich wollte mir das Leben nehmen." Er habe sich verloren gefühlt in dieser Welt. So viel Unbekanntes, so viel Neues nach all den Jahren, das habe ihn überfordert. "Ich konnte nicht einmal ein Ticket lösen am Automaten", erzählt er.

Es ist ein typischer Fall für die Kesb, die umstrittenste Behörde der Schweiz. Oder, wie die Mitarbeiterin sagt, die Müller betreut: "Wenn niemand mehr weiterweiß, kommt man zu uns: Hier, nehmt den Fall! Macht etwas!"

Zwei Wochen nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis tritt Herr Müller freiwillig in die Psychiatrie ein. Seither lebt er in der Waldau. "Jetzt geht es mir wieder gut, ich kann zufrieden sein." Tagsüber arbeitet er in einer geschützten Werkstätte in Bern, abends kommt er zurück in die Klinik. Eigentlich ist er in der Akutpsychiatrie fehl am Platz. Bald kann er, wenn alles gut läuft, im Entlebuch in ein Wohnheim einziehen. Was er darüber gehört habe, klinge gut, sagt er. "Ich hoffe, dass ich da heimisch werde."

Doch vorher kommt Weihnachten. Und das ist nicht Herrn Müllers Ding. "Ich bin froh, wenn der Cheib vorbei ist."

*Der geschilderte Fall wurde so geändert und anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf die betroffenen Personen möglich sind

Was Prominente 2015 in der ZEIT-Schweiz sagten

"Nichts hier ist sauber. Jeder, der irgendetwas von Sauberkeit erzählt, der lügt. Die Schweiz ist dreckig!"
Michael Fehr, Schriftsteller

"Es wäre tatsächlich ein historischer Wendepunkt, wenn die Schweiz den Weg in den wirtschaftlichen Niedergang nehmen würde." 
Jakob Tanner, Historiker

"Ein wichtiger Grund, weshalb wir keine Tagesschulen haben und weshalb der Kindergarten zu spät beginnt und zu wenig fördert, ist: Die Frauen wollen sich nicht wehren, sie versuchen sich durchzumauscheln. Das erschüttert mich immer wieder."
Monika Bütler, Ökonomin

"In unserem System kann man aber gleichzeitig in der Regierung und in der Opposition sein. Man muss keine Verantwortung übernehmen. Das wird sich nicht ändern, auch wenn die SVP zwei Bundesratssitze bekommen sollte. Sie wird auch dann nicht entzaubert."
Michael Hermann, Politgeograf

"In meiner jetzigen Klasse spricht jeder Zweite vier oder fünf Sprachen. Bloß noch kein Deutsch. Viele sind in Familienkulturen aufgewachsen und nicht in einer Arbeitskultur, wie wir sie kennen. Wenn man sieht, wie sorgsam und lieb sie mit alten Menschen umgehen, kann man sich nur wünschen, dereinst von ihnen gepflegt zu werden."
Christian Zingg, Lehrer an der Integrationsschule in Riehen 

"Das geht die Eltern nichts an."
Christoph Eymann, Basler Bildungsdirektor

"Meine Erfahrung ist: Wenn man vor den Wahlen sagt, was man denkt, verliert man ein paar Prozentstellen hinter dem Komma."
Franz Steinegger, ehem. FDP-Präsident

"Die Schweiz lebt heute in einem psychopathologischen Zustand. Als starre die EU auf die Schweiz und wolle sie irgendwie vereinnahmen. Wenn die Schweiz nur einmal merken würde, dass sie der EU ziemlich wurscht ist."
Peter von Matt, Autor

"Die Schweizer Bauern verschandeln die Land schaft. Ästhetisch und ökologisch. Sie wirt- schaften in viel zu großen Einheiten, und sie bauen nur eine Pflanzenart pro Feld an."
Günther Vogt, Landschaftsarchitekt

"Ob der Dummheit der Leute könnte man schon manchmal verzweifeln."
Polo Hofer, Musiker

"Ja, ich will die Revolution! Weil ich der Meinung bin, dass unser jetziges Lebens- und Wirtschaftsmodell zur Selbstzerstörung führt." Werner Bätzing, Alpenfoscher 

Damian Müller hatte kaum Zeit, sich vom Wahlkampf zu erholen

Es hat sich tatsächlich gelohnt

Doch die Arbeit fängt für Ständerat Damian Müller erst an

Es ist Wahlkampf. Ein Samstag im August, in aller Herrgottsfrüh. Auf dem Chäsi-Platz in Triengen schenkt Martina Stöckli den FDP-Parteifreunden Kaffee aus. Ständeratskandidat Damian Müller, 31, lächelt sich die Müdigkeit aus dem Gesicht und plaudert mit Gipfeli im Mund über die Zukunft der Schweiz. Die ZEIT (Nr. 32/15) steht daneben und hört zu. Ins Luzernische ist sie aber nicht wegen Müller gefahren, sondern wegen seiner Wahlhelferin Stöckli. Von ihr will sie wissen: Wieso arbeitet man freiwillig für den politischen Erfolg eines anderen? Wieso kümmert sie sich nicht nur um den Kaffee, sondern auch um das Wahlkampfbudget? Es beträgt 80.000 Franken.

Vielleicht, weil es sich lohnt. Damian Müller wird am 15. November im zweiten Wahlgang tatsächlich in den Ständerat gewählt. Nun kann er "anpacken und umsetzen". Einen Moment der Erleichterung habe er am Tag seiner Wahl verspürt, sagt Müller rückblickend. In seiner Gemeinde, in Hitzkirch, organisiert die Ortspartei einen Empfang. Es spielt die Harmoniemusik. Freunde und Verwandte kommen, um dem Neugewählten zu gratulieren. Viel Zeit, um zu feiern und sich vom Wahlkampf zu erholen, habe er aber nicht gehabt, erzählt Müller. "Ich musste meinen Rückzug aus der Firma organisieren, meine erste Session vorbereiten." Die Arbeit in Bern mache ihm Freude. Endlich sitzt er im Ständeratssaal auf seinem Platz, für den er zwei Jahre lang gekämpft habe.

Und seine Helfer? Martina Stöckli? Sie sei für ihn natürlich sehr wichtig gewesen, sagt Müller. Eine gute Freundin, die immer ehrlich ihre Meinung gesagt habe. Am Wahltag habe er mit dem ganzen Team in Luzern im Hotel Schweizerhof Zmittag gegessen. "Ich war natürlich angespannt und deshalb froh, meine engsten Begleiter bei mir zu haben." Über das Ergebnis hätten sich seine Helfer fast noch mehr gefreut als er selbst.

Während Müller sich nun also in Bern durch Papierberge kämpft, die FDP in vier verschiedenen Kommissionen vertritt, ist Martina Stöckli in den Ferien. Im August sagte sie: "Ende Oktober ist Schluss." Fertig mit dem politischen Engagement. Der Plan ging fast auf. "Die Nachbereitung des Wahlkampfs ist noch nicht ganz abgeschlossen", sagt Müller. Stöckli schweigt. Sie hat ihr Handy in den Ferien ausgeschaltet.

Kunsthistoriker Martino Stierli machte einen Karrieresprung

Ein echter Amerikaner


Was treibt Martino Stierli als Chefkurator am MoMA?

Nein, er ist nicht zu erreichen. Heute nicht. Morgen, vielleicht, Martino Stierli sei dann allerdings in einen Sitzungsmarathon eingespannt, wischt sein Assistent jede Hoffnung auf ein telefonisches Date vom Tisch. Das Museum of Modern Art, MoMA, der Vatikan der Kunstmoderne, hat den Schweizer Kurator-Frischling in New York fest im Griff. Die ZEIT berichtete im März über seinen Karrieresprung.

Es ist längst Mitternacht in seiner alten Heimat, als er dann am Telefon nichts von Anstrengung wissen will. Spannend, interessant, aufregend, sagt er, das sei sein Job. Dass seine Zwischenbilanz nichts Schwärmerisches hat, war zu erwarten. Stierli, 41, war für einen Schwärmer schon immer zu diplomatisch. Oder zu strategisch. Doch er klingt plausibel, wenn er sich begeistert darüber äußert, dass der Moment ideal sei, um eben jetzt mit an Bord des einflussreichsten Museums der westlichen Welt zu sein. Der Erweiterungsbau ist in der Mache, und Stierli als neuer Chef der Abteilung Architektur und Design spielt durch sein Profil eine Sonderrolle: Er kann auf die Gestaltung und die Architektur Einfluss nehmen.

Vieles soll neu und anders werden im Haus. Das MoMA hat die Interdisziplinarität entdeckt. Stierli, Chef eines 16-köpfige Teams, ist mitten drin in diesem Aufbruchsprozess, eilt von Sitzung zu Sitzung, von einem Arbeitsessen zum nächsten, das beflügelt.

Ein Scoop steht schon fest: Nächsten März wird in der Ausstellung über die sechziger Jahre nicht nur Malerei und Grafik, sondern auch der legendäre Jaguar-Sportwagen von 1961 gezeigt. Das MoMA will seine Sammlungspräsentationen neu denken, die Departements durchlässiger handhaben, die Spartengrenzen aufweichen, darüber informierte vergangene Woche die New York Times . Der Jaguar war abgebildet, und auch Stierli kam zu Wort. Seit er diesen Frühling seinen Büro-Winzling am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich verließ, weil er nach New York berufen wurde, ist er eine öffentliche Person.

Obwohl, der Sprung sei riesig gewesen und das Wasser, in dem er landete, kalt, gesteht er ein. Eine Überforderung schien ihm seine Position zunächst, aber eine heilsame. Er stand auf einmal auf einem Tanker und hatte zu lernen, wie das Ding zu manövrieren ist. Das lernt er noch immer, und zurecht findet er sich noch lange nicht. Doch langsam kapiert er seine Verantwortung. In New York soll er Zukunft bauen. Die Zukunft von Kunst und ihrer Wahrnehmung. Doch er weiß, dass er nicht allein baut, er baut im Plural, im Team. In puncto Wir-Gefühl ist Stierli ein echter Amerikaner geworden.

Wie geht es den jungen Flüchtlingen in der Ostschweiz?

Es ist noch enger geworden im Thurhof

Die minderjährigen Asylbewerber tun sich schwer

Das Zentrum Thurhof ist voll, übervoll. Als die ZEIT im September ins sankt-gallische Oberbüren fährt, um zu erfahren, wie es den Unbegleiteten Minderjährigen Asylbewerbern (UMA) geht, leben 80 Jugendliche im Heim. Überall ist es eng: in den Zimmern, den Aufenthaltsräumen, den Duschen. Heute leben sogar 127 UMAs auf dem Thurhof. Die erwachsenen Asylbewerber mussten in die Turnhalle umziehen – oder in den Keller. "Es ist sehr eng bei uns, vor allem seit es kalt wurde", sagt Markus Laib, er leitet das Zentrum. Im September war es warm draußen, tagsüber spielten die Jugendlichen auf der Wiese oder trafen sich vor dem Haus. Nun hocken alle drinnen.

Wie also geht es Fanuel, 14, Sirak, 16, und Delina, 15? Den drei eritreischen Jugendlichen, die eigentlich anders heißen, mit denen die Reporterin im Herbst über ihre Träume sprach? Die damals sagten, sie hätten gern schönere Kleidung, mehr Taschengeld und mehr Salatsoße? Und darüber sprachen, wie sehr sie ihre Eltern vermissen?

Fanuel hat Mühe, im Thurhof Fuß zu fassen, sich an die Regeln zu halten. Sirak geht es besser. Er besucht noch immer die öffentliche Schule. Damit ist er eine absolute Ausnahme: Nur vier der 127 Jugendlichen können auswärts die Oberstufe besuchen. Alle anderen werden nach wie vor im Zentrum unterrichtet. Delina ging es schlecht in den vergangenen Wochen. Sie war kurze Zeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, weil sie von ihrer Flucht schwer traumatisiert ist. Mittlerweile hat sie mit einer Psychotherapie begonnen. Die Mädchen haben es sowieso schwer im Thurhof. Sie sind noch immer eine krasse Minderheit. Nur gut ein Dutzend junge Frauen lebt hier. Meist bewegen sie sich in Gruppen. Allein nach draußen gehen sie kaum.

Eine Betreuerin erzählt, viele reagierten frustriert auf die engen Verhältnisse. Und die vielen Neuankömmlinge wirkten sich eher negativ auf die Gruppendynamik aus. Wenn ein Neuer dazukomme, merke man: Die Hilfsbereitschaft sei gering. Alle sind mit sich selber beschäftigt. Doch im Kanton St. Gallen ist noch immer nicht geklärt, wer eigentlich für die jungen Asylbewerber zuständig ist. Der Kanton oder die Gemeinden? Markus Laib hofft, dass sich die Situation rasch klären wird. Nicht seinetwegen, sondern wegen seiner Schützlinge. Sie sollen eine Ausbildung machen können. Und möglichst bald auf eigenen Beinen stehen.

Martina Voss-Tecklenburg hat Geschichte geschrieben

Die Großen auch in Zukunft ärgern

Fußball-Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg will mehr

Wieder ist sie unterwegs, wieder im Auto. Als die ZEIT (Nr. 20/15) im Frühling mit Martina Voss-Tecklenburg mitfuhr, stehen die Fußballweltmeisterschaften in Kanada kurz bevor. Erstmals sind auch die Schweizerinnen dabei. Dank ihrer deutschen Trainerin, daran zweifelt niemand. Seit sie 2012 den Posten übernommen hat, treibt sie dem Frauenfußball den Amateurgeist aus, macht die jungen Kickerinnen zu Profis in Geist und Körper. Unter Voss-Tecklenburg wird nicht mehr dreimal pro Woche trainiert, sondern sechs- bis siebenmal. Man kämpft bis zuletzt, trainiert bis zum Umfallen, glaubt an sich. Ihre Spielerinnen sagen: "Früher haben wir alles getan, um nicht zu verlieren. Heute wollen wir gewinnen, und wir wissen, dass wir gewinnen können." Die Professionalität geht neben dem Spielfeld weiter. Man sucht die Medienaufmerksamkeit und findet sie, dies- und jenseits der Klischees. Das ist Voss-Tecklenburg egal. Hauptsache, man ist im Gespräch. Dass ihre Frauen professionell arbeiten, damit aber kaum Geld verdienen können – nicht einmal in der Bundesliga –, beklagt sie, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Daran verzweifeln mag sie aber nicht. Zu groß ist ihre Liebe zum Fußball. Sie will spielen.

Nun fährt sie heimwärts, nach Deutschland, in die Weihnachtsferien und blickt "mit Stolz" auf das vergangene Jahr zurück: "Es war ein sehr positives, ein historisches Jahr für den Schweizer Frauenfußball." Die Achtelfinals in Kanada hat man problemlos erreicht, die Viertelfinals nur knapp gegen die Gastgeberinnen aus Kanada verpasst. Und die Großen? Konnten die Schweizerinnen sie wirklich ärgern? Wie die Trainerin das angekündigt hat? Sie lacht schallend in die Freisprechanlage: "Das müssen Sie die Gegner fragen!"

Dann will sie in die Zukunft schauen. Über 2016 reden. Über die "neuen, großen Herausforderungen". Im März geht es um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Dann um die Qualifikation für die Europameisterschaften, die 2017 in den Niederlanden stattfinden. Und es sieht gut aus. Die Schweiz führt nach vier Spielen mit vier Siegen die Tabelle an. Denn für Voss-Tecklenburg, die Ehrgeizige, ist klar: Kanada war erst der Anfang.