Ein echter Amerikaner


Was treibt Martino Stierli als Chefkurator am MoMA?

Nein, er ist nicht zu erreichen. Heute nicht. Morgen, vielleicht, Martino Stierli sei dann allerdings in einen Sitzungsmarathon eingespannt, wischt sein Assistent jede Hoffnung auf ein telefonisches Date vom Tisch. Das Museum of Modern Art, MoMA, der Vatikan der Kunstmoderne, hat den Schweizer Kurator-Frischling in New York fest im Griff. Die ZEIT berichtete im März über seinen Karrieresprung.

Es ist längst Mitternacht in seiner alten Heimat, als er dann am Telefon nichts von Anstrengung wissen will. Spannend, interessant, aufregend, sagt er, das sei sein Job. Dass seine Zwischenbilanz nichts Schwärmerisches hat, war zu erwarten. Stierli, 41, war für einen Schwärmer schon immer zu diplomatisch. Oder zu strategisch. Doch er klingt plausibel, wenn er sich begeistert darüber äußert, dass der Moment ideal sei, um eben jetzt mit an Bord des einflussreichsten Museums der westlichen Welt zu sein. Der Erweiterungsbau ist in der Mache, und Stierli als neuer Chef der Abteilung Architektur und Design spielt durch sein Profil eine Sonderrolle: Er kann auf die Gestaltung und die Architektur Einfluss nehmen.

Vieles soll neu und anders werden im Haus. Das MoMA hat die Interdisziplinarität entdeckt. Stierli, Chef eines 16-köpfige Teams, ist mitten drin in diesem Aufbruchsprozess, eilt von Sitzung zu Sitzung, von einem Arbeitsessen zum nächsten, das beflügelt.

Ein Scoop steht schon fest: Nächsten März wird in der Ausstellung über die sechziger Jahre nicht nur Malerei und Grafik, sondern auch der legendäre Jaguar-Sportwagen von 1961 gezeigt. Das MoMA will seine Sammlungspräsentationen neu denken, die Departements durchlässiger handhaben, die Spartengrenzen aufweichen, darüber informierte vergangene Woche die New York Times . Der Jaguar war abgebildet, und auch Stierli kam zu Wort. Seit er diesen Frühling seinen Büro-Winzling am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich verließ, weil er nach New York berufen wurde, ist er eine öffentliche Person.

Obwohl, der Sprung sei riesig gewesen und das Wasser, in dem er landete, kalt, gesteht er ein. Eine Überforderung schien ihm seine Position zunächst, aber eine heilsame. Er stand auf einmal auf einem Tanker und hatte zu lernen, wie das Ding zu manövrieren ist. Das lernt er noch immer, und zurecht findet er sich noch lange nicht. Doch langsam kapiert er seine Verantwortung. In New York soll er Zukunft bauen. Die Zukunft von Kunst und ihrer Wahrnehmung. Doch er weiß, dass er nicht allein baut, er baut im Plural, im Team. In puncto Wir-Gefühl ist Stierli ein echter Amerikaner geworden.