Vor dem Morgengrauen sind die Kehlen der Hitparadenstürmer noch kratzig. Nicht alle Noten klingen so rein, wie sie sollten. Leichter Weihrauchgeruch liegt in der Luft. Das hohe romanische Kirchenschiff der Abteikirche von Stift Heiligenkreuz ist erfüllt vom einstimmigen liturgischen Gesang der Mönche in lateinischer Sprache – wie jeden Tag um 5.15 Uhr seit fast 900 Jahren.

Während viele Diözesen mit fehlendem Priesternachwuchs kämpfen, Klöster verwaisen und in manchen Häusern nur noch drei alte Kapuziner leben, ist Stift Heiligenkreuz vital wie nie – oder anders: so prall gefüllt mit Mönchen wie seit dem 13. Jahrhundert nicht mehr. 92 Zisterzienser beten und arbeiten hier, allein zehn kamen in diesem Jahr neu dazu. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 48 Jahren.

An der angeschlossenen Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. studieren 295 Studenten – 158 davon sind Priesterkandidaten oder Ordensleute. Die Hochschule ist damit die größte Ausbildungsstätte für Priester im deutschsprachigen Raum.

Hier im Wienerwald macht man sich um den katholischen Nachwuchs wenig Sorgen. Und auch um die mediale Aufmerksamkeit ist es gut bestellt: Die Mönche von Stift Heiligenkreuz, das im Jahr 1133 von dem Babenberger Leopold III. gestiftet wurde und seitdem ununterbrochen bewohnt ist, sind Stars. Ihr Album Chant erreichte 2008 siebenfaches Platin in Österreich, stand auf Nummer eins der Klassikcharts in den USA, und auch die neue CD Chant for Peace hat bereits Gold eingeheimst.

Dazu kam der Besuch von Papst Benedikt im September 2007 und die Geschichte des Filmregisseurs Florian Henckel von Donnersmarck, eines Neffen des damaligen Abts Gregor, der das Drehbuch für seinen mit dem Oscar preisgekrönten Film Das Leben der Anderen im Stift verfasst hatte.

Dabei hat das Stift keinen progressiven Ruf, es gilt als Hort des katholischen Konservativismus, wo an althergebrachter Liturgie ebenso festgehalten wird wie an Mystik und benediktinischem Mönchtum. Aufrufe zur Ungehorsamkeit findet man hier nicht. Und trotzdem ist das Stift bei Jungen populär – vielleicht auch gerade deshalb.

Im Laufe des Vormittags trudeln immer mehr Tagestouristen ein. Der Parkplatz füllt sich mit Reisebussen. Im Innenhof knirscht der Kies unter den Füßen der Besuchergruppen, die an der Dreifaltigkeitssäule und dem Josefsbrunnen vorbeischlendern. Viele sind hier, weil sie die Mönche von den CDs oder aus dem Fernsehen kennen. Läuft einer von ihnen mit weißem Habit, schwarzem Skapulier – eine Art Schürze – und schwarzer Kapuze vorbei, wird er oft um ein Autogramm gebeten. Neben dem Klosterladen, in dem Reiseführer, DVDs, CDs, Bücher und allerlei Tand feilgeboten werden, steht ein Cola-Automat, und wer die Toilette besuchen möchte, kommt für 70 Cent durch ein Drehkreuz dorthin.