Die niederländische Stiftung Mars One hat einen Plan: Sie wählt aus 200.000 Bewerbern bis zu 40 Kandidaten aus, um sie in den Weltraum zu schießen: one-way, Rückflug ausgeschlossen. Vom Jahr 2027 an sollen die Auserwählten den Mars bewohnen, in Siedlungen leben und sich aus Treibhäusern ernähren. Die Erdbewohner dürfen ihnen dabei zuschauen: Die Marsmission wird als Realityshow vermarktet.

Was künftig noch alles möglich sein wird, das hat sich der Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl in seinem Science-Fiction-Roman Nichts von euch auf Erden (Hanser Verlag) ausgemalt. Im 25. Jahrhundert, so stellt er sich vor, haben die Menschen den Mars schon besiedelt und wollen nun ihre Lebensbedingungen erdähnlich gestalten. Mithilfe einer groß angelegten Sprengung soll die Achse des Mars entsprechend verschoben werden. Dafür kehren die Marsianer auf die Erde zurück, wo es mittlerweile ruhig geworden ist. Kriege gehören der Vergangenheit an, die Menschen haben es sich in ihrem hoch technisierten Wohlstand gemütlich gemacht. Alles ist steril, empathielos, langweilig.

Der Regisseur Felix Rothenhäusler hat Jirgls Dystopie für die Bühne inszeniert und in der Kammer 2 der Münchner Kammerspiele uraufgeführt. Wie sedierte Greise, langsam und mechanisch, bewegen sich Christian Löber, Maja Beckmann und Marie Rosa Tietjen als dreigespaltene Hauptfigur Bo in einem großen, flachen Wasserbecken. Apathisch sprechen sie vor sich hin. "Die Sorge ums eigene Selbst ist zugleich die beste Sorge für alle", erfährt das Publikum, das von der Tribüne auf die Erdbewohner hinabblickt.

Eine ganze Weile passiert sonst nichts. Handlungen werden nur erzählt, nicht vollzogen, alles bleibt passiv und träge. Damit kommt Rothenhäusler Jirgls lethargischer Welt ziemlich nahe. Die Theaterfassung, die der Autor selbst geschrieben hat, bleibt dicht am Original. Beim Zuhören muss das Publikum, ähnlich wie der Romanleser, Konzentration und Ausdauer beweisen, um sich an die sperrige Sprache und die ausschweifende Narration zu gewöhnen. Auf der Strecke bleibt Jirgls hoch artifizieller Stil, der seinen eigenen orthografischen und grammatischen Gesetzen folgt. Wie ließen sich Konstrukte wie "Wirrtschafft- & Pro=ducktionsverhältnisse" in die Lautsprache überführen? Jirgl gab in einem Interview einmal selbst die Antwort: Diese Ziffern- und Zeichenebene könne man nicht laut aussprechen, ohne irgendeinen Blödsinn zu veranstalten.

Auf der Bühne fließt das Wasser langsam ab, Bühnenarbeiter rollen das Becken ein. Die Marsianer haben nun die Herrschaft auf der Erde übernommen, und mit einem Gen reaktivieren sie die Menschen, um sie für sich nutzbar zu machen. So wird der zweite Teil der Inszenierung belebt, Musik und Lichteffekte liefern die Atmosphäre auf dem Weg in die Apokalypse.

"Keine Karikaturen, keine Comedy-Effekte, kein Einfühl-Theater!", fordert Jirgl im Programmheft (das man sich besser vor der Vorstellung ansehen sollte). Tatsächlich hält Rothenhäusler den Zuschauer auf Abstand, das heißt auch: Er berührt ihn nicht. Allein der Auftritt der Marsianer durchbricht die teils bizarren Monologe. Dafür braucht es dann doch einen Comedy-Effekt: Samouil Stoyanov und Wiebke Puls schreiten in überdimensionierten Kleidern und mit Scheinwerfern über den Köpfen auf die Bühne (Kostüme: Elke von Sivers). "Wir schaffen die Welt neu", sagt Stoyanov im sanft-säuselnden Tonfall eines Papstes. Lächerlich wirkt diese Figur, die gottgleich eine zweite Erde auf dem Mars erschaffen will und dabei fast verschwindet unter dem puppenhaften Gewand. Ihr Hochmut wird der Menschheit zum Verhängnis. Wie sie sich selbst zerstört, erzählt eine Stimme aus dem Off. Die Bühne ist leer.