Wenn sich dieser Tage überall in Deutschland die Schüler von den Schulen in die Ferien verabschieden, dann freuen sich die meisten auf die bevorstehenden Weihnachtstage, auf Reisen mit der Familie, Spieleabende unterm Tannenbaum. Doch nicht alle haben das Glück, dass sich ihre Eltern um sie kümmern, manche überlassen die Betreuung dem Fernseher und YouTube. Viele dieser Schüler stammen aus benachteiligten Elternhäusern. Sie bekommen in den Ferientagen wenig geistige und soziale Anregungen. Und Ferien gibt es häufig, in einem Schuljahr ganze 75 Werktage, das ist ein Viertel des Schuljahres.

Einen so großen Teil der Zeit, in der eine allseitige Entwicklung der Schüler gefördert werden könnte, sollte man nicht vernachlässigen, wenn man Bildungsrepublik werden will. Diese Vision hatte Bundeskanzlerin Merkel bereits in ihrer ersten Amtszeit vorgegeben und hierfür mit den Ministerpräsidenten der Länder Vorgaben vereinbart, die bis zum Jahr 2015 erfüllt sein sollten. Als nun vor einigen Wochen Bilanz gezogen wurde, wiesen jedoch renommierte Bildungsforscher darauf hin, dass eines der Kernprobleme des deutschen Bildungssystem weiterhin bestehe: die soziale Spaltung.

Um diese zu bekämpfen, muss man stärker innerhalb des Bildungssystems ansetzen, zugleich aber auch außerhalb davon – in den Ferien. Ob diese schön und anregend sind, darf nicht der sozialen Herkunft überlassen bleiben. Vor allem, da es schon Projekte gibt, die dies miteinander verbinden, etwa die Sommerakademie für Hauptschüler, die an der Leuphana Universität Lüneburg entwickelt und nun an verschiedenen Orten in Deutschland durchgeführt wurde. Sie bietet Schülern, die vor ihrem letzten Jahr stehen, ein dreiwöchiges Programm mit Sport, Ausflügen und Freizeit – aber eben noch viel mehr. Dazu gehören beispielsweise Bewerbungstraining, Nachhilfe sowie das Aufführen eines Musicals. Am Ende des Sommers sind viele der anfangs eher verstockt wirkenden Jugendlichen regelrecht aufgeblüht. Zusätzlich werden sie nach dem Programm noch das ganze Schuljahr hinweg durch pädagogische Fachkräfte und Studierende weiter betreut. Am Ende steht bei vielen von ihnen eine deutliche Steigerung der schulischen Leistungen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Diese Maßnahmen sind für die Jugendlichen zwar gebührenfrei, kosten aber pro Teilnehmer mindestens 4.000 Euro. Um dies allen Schülern zu ermöglichen, die nach dem letzten Bildungsbericht der Bundesregierung aus einem zugleich bildungsfernen, erwerbslosen und armutsgefährdeten Elternhaus kommen, brauchte man deutlich mehr als eine Milliarde Euro. Dies ist sehr viel Geld, aber auch eine kluge Investition. Denn wenn es grundsätzlich gelänge, die Zahl leistungsschwacher Schüler wirksam zu reduzieren, könnten bis zum Jahr 2020 volkswirtschaftliche Erträge von sieben Milliarden, bis zum Jahr 2030 sogar von fast siebzig Milliarden erzielt werden, haben die Bildungsökonomen Ludger Wößmann und Marc Piopiunik ausgerechnet. Solche Angebote wären daher ein Stützpfeiler für die Bildungsrepublik, deren Bau die Politik im neuen Jahr beherzt vorantreiben sollte.

In unserer Reihe "Zwischenfrage" beantworten Experten aus Politik und Wissenschaft Fragen zu Schule und Hochschule.