Man kann nur hoffen, dass die Frauenärzte es jetzt besser machen. Dass sie nicht, wie damals, einfach so tun, als sei nichts geschehen. Damals, als bestimmte Hormone als Wundermittel für Frauen in den Wechseljahren galten: Sie linderten die typischen Beschwerden und sollten auch noch gut sein für die Haut, ja sogar eine Art Jungbrunnen sein. Millionen Frauen vertrauten den Versprechen der Pharmaindustrie und nahmen die Präparate ein. Doch die Euphorie fiel in sich zusammen, als sich vor mehr als zehn Jahren herausstellte, dass es schwere Nebenwirkungen geben konnte, dass die Gesundheitsrisiken für die Frauen höher waren als der Nutzen der Präparate. Viele Frauenärzte in Deutschland wollten das damals nicht glauben – sie verschrieben die Hormone weiterhin ohne große Bedenken, auch an Frauen, die sie nicht unbedingt brauchten.

Jetzt geht es wieder um Hormone, die ebenfalls als Lifestyleprodukte gelten – und die ebenfalls schwere Nebenwirkungen haben können. Es geht um die Antibabypille. Um bestimmte Präparate, mit denen die Frauen nicht nur verhüten können, sondern die auch Haut und Haare schöner machen sollen. Das versprechen die Pharmahersteller zwar nicht explizit, sie tun aber einiges dafür, dass junge Frauen das glauben.

Eine 31-Jährige klagt gerade gegen die Pharmafirma Bayer. Die Frau hat vor sechs Jahren eine Lungenembolie erlitten, musste wiederbelebt werden. Noch heute, sagt sie, machen ihr die Auswirkungen der Embolie zu schaffen. Verursacht haben soll all das ein Präparat von Bayer namens Yasminelle, in dem unter anderem der Wirkstoff Drospirenon enthalten ist. Yasminelle ist eine Pille der neuesten, vierten Generation.

Ob das Präparat tatsächlich verantwortlich ist für das Leiden der Frau, wird man wohl nie endgültig beweisen können, auch wenn aus Sicht der Betroffenen vieles dafürspricht. Sicher ist aber, dass jede Pille das Risiko für eine Embolie erhöht, der Wirkstoff Drospirenon jedoch in besonderem Maße. Kommt es unter einer Pille der älteren, zweiten Generation bei 5 bis 7 Frauen von 10.000 zu einer Embolie, sind es bei einer Pille mit Drospirenon 9 bis 12. Konkret bedeutet das: Bei geschätzt etwa 6,8 Millionen Anwenderinnen würden mit der Pille der zweiten Generation 3.400 bis 4.760 von ihnen eine Lungenembolie erleiden, bei einem Präparat mit Drospirenon 6.120 bis 8.160. Das hat die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft errechnet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Die Pille ist eben kein harmloses Kosmetikprodukt. Sie ist ein Medikament, das wie jedes andere potenziell Nebenwirkungen hat – mitunter sogar tödliche. Mögliche Effekte auf die Schönheit dürfen deswegen auch keine Rolle spielen, wenn die Frauenärzte zusammen mit ihren Patientinnen eine Pille wählen. Diesmal muss es anders laufen als vor zehn Jahren, diesmal darf der Rat der Ärzte nur der Gesundheit der Frauen gelten.