Von Hamburg-Hamm bis Hamburg-Bergedorf sind es 14 Kilometer. Mit dem Auto braucht man dafür gut 15 Minuten, zu Fuß drei Stunden. Dass ein Brief mit Weihnachtsgrüßen nach elf Tagen noch nicht dort sein würde, hätte selbst die Postangestellte nicht gedacht, die vor zwei Wochen, nach menschlicher Vorstellungskraft also rechtzeitig, den Brief entgegennahm. "Den könnten Sie fast selber hinbringen", sagte sie. Das wäre besser gewesen. Denn elf Tage später war der Brief immer noch nicht in Bergedorf. Warum nicht?

Post-Sprecher Martin Grundler verweist darauf, dass übers Jahr immerhin 95 Prozent aller innerdeutschen Briefe am Tag nach ihrer Einlieferung ankämen. Doch dieser Brief gehört ganz offensichtlich zu den anderen fünf Prozent. Früher hätte als Entschuldigung das Wetter herhalten können, der Schnee, die spiegelglatte mörderische Piste nach Bergedorf, der vereiste Briefkasten der Empfängerin.

Doch "das Winterwetter", räumt Post-Mann Grundler ein, "hält derzeit keine Hindernisse bereit".

Es wird ja nicht mal gestreikt. Und sicher, zwar verdoppelt sich im "Weihnachtsstarkverkehr" die Menge an Post in etwa. Aber dafür stelle man zusätzliche Kräfte ein, sagt Martin Grundler, miete extra Fahrzeuge, verlängere die Schichten.

Ein Postraub ist heute auch selten. Und bitte: Wer sollte einen Weihnachtsbrief verschwinden lassen?

Ein Menschenhasser? Ein Bergedorf-Feind? Oder jemand, der all diejenigen hasst, die das schaffen, was er selbst seit Jahren vergeblich versucht: nämlich anderen Leuten Weihnachtspost zu schreiben, und das so rechtzeitig, dass diese sogar noch vor Weihnachten ankommt? Jemand, der dann aus Verzweiflung über sein eigenes Versagen durchdreht, zur Schere greift, Weihnachtsbriefe aus Bergedorfer Briefkästen fischt und sie gotteslästerlich fluchend zu Konfetti zerschnippelt, bevor er schluchzend und schreiend zusammenbricht?

Dann aber gäbe es Indizien. Schnipsel. Der Brief nach Bergedorf jedoch ist spurlos verschwunden.

Fiele Weihnachtspost neuerdings unter die Vorratsdatenspeicherung, könnte man das verstehen. Es ist auch nicht restlos auszuschließen, dass übereifrige Sicherheitsorgane der Idee verfallen, ein geschlossener Brief sei per se schon verdächtig: Grund genug, ihn zu röntgen, ultrahochzuerhitzen, auf ihn zu schießen und ihn dann aus Sicherheitsgründen zu sprengen.

Das könnte zumindest erklären, warum der Brief bis zum Redaktionsschluss noch immer nicht auftauchte. Und es würde zur Vermutung von Martin Grundler passen: "Es ist leider auch nicht auszuschließen, dass der Brief auf dem Transport so schwer beschädigt wurde, dass weder Zustellung noch Rücksendung möglich ist." Die wahre Ursache zu ermitteln, das sei bei Hunderttausenden Briefen allein in Hamburg "nahezu aussichtslos".