Der Aufstieg der Eule zum beliebtesten Weihnachtsartikel des Jahres 2015 ist unübersehbar, aber gleichwohl nicht leicht zu erklären. Heißt es etwa in der Weihnachtsgeschichte: Sie fanden eine Eule in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend? Nein, heißt es nicht. Es heißt auch nicht, dass neben Ochs’ und Esel noch eine Eule im Gebälk dem Heiland zublinzelte. Es ist überhaupt im ganzen Lukas-Evangelium, um es brutal zu formulieren, von nächtlich jagenden Greifvögeln nicht die Rede. Das Einzige, was sich dort in den Lüften zeigt, sind die berühmten himmlischen Heerscharen.

Indes ist Weihnachten heutzutage nun einmal nicht nur ein christliches, sondern auch ein kommerzielles Heilsgeschehen, und da kann es nicht ausbleiben, dass nach sogenannten Novitäten Ausschau gehalten wird. Wer schon alles hat, vom glitzernden Baumschmuck bis hin zu den elektrisch illuminierten Rentieren auf dem Dach, wird womöglich doch noch die eine oder andere Eule unterbringen können, silbern, golden, bemalt oder gläsern oder sonst wie neckisch aufbereitet. Eulen sind, vor allem wenn man es mit ihrer rundlichen Körperform und den Glotzäugelchen übertreibt, sehr herzig anzuschauen. Sie haben etwas Kindliches, und geht es nicht bei Weihnachten irgendwie und vor allem um das Kind und die Kinder?

Theologisch ist diese Herleitung natürlich wenig belastbar, aber in den Tiefen des Internets, in denen sich alles findet, hat sich auch eine heilsgeschichtliche Begründung der Weihnachtseulen gefunden, und die geht so: Drei Eulen haben von der Geburt Jesu gehört und machen sich auf den Weg nach Bethlehem. Ganz augenscheinlich sind sie an die Stelle der drei Weisen aus dem Morgenland getreten, und das ist noch nicht einmal ganz willkürlich, denn die Eule gilt seit der Antike als Tier der Weisheit.

Aber diese Eulen, wie klug auch immer, sind charakterlich nicht auf der Höhe der orientalischen Gelehrten, die zwei stärkeren lassen die dritte, kränkelnde Eule auf dem Weg zurück. Erst angesichts der Krippe erkennen sie ihr Verbrechen, kehren um – da ist sie, die berühmte christliche Umkehr –, nehmen den kranken Gefährten wieder zu sich und genießen zusammen die Gnade des menschgewordenen Gottes.

Schön. Aber wo mag die Geschichte herkommen? Findet sich in den Apokryphen des Neuen Testaments ein Hinweis? Oder hat sie ein frömmelnder Fabeldichter erfunden?

In Zeiten sentimental eskalierender Naturliebe ist es attraktiv, Tiere von der stummen Zeugenschaft zu aktiver Beteiligung zu befördern. Es kann auch sein, dass einfach mal etwas Neues hermusste, es wird ja sonst zu öde mit immer demselben Personal. Auf keinen Fall gibt es Zweifel daran, dass unter unseren Lesern jemand sein wird, der auch um die christologische Bedeutung der Eule weiß. Diesbezügliche Zuschriften sind hochwillkommen.

Nicht auszuschließen ist allerdings, dass die Eule, gerade mangels biblischen Bezugs, als Vehikel zur Entchristianisierung des Weihnachtsfestes dienen soll. In der Französischen Revolution wurde bekanntlich der Christengott breitflächig entsorgt und durch die göttliche Weisheit ersetzt. Die Eule wiederum, siehe oben, symbolisiert die Weisheit, was in Frankreich damals zwar nicht zur massenhaften Anbringung von Uhu- oder Käuzchenskulpturen an öffentlichen Gebäuden führte, aber heute vielleicht das ideologische Fernziel der Weihnachtseulenverkäufer ist. Stecken die Freimaurer dahinter, der Säkularistenverband, die Förderer der multireligiösen Integration oder die Bundesvereinigung der ungläubigen Einzelhandelskaufleute e. V.?

Wir wissen es nicht. Aber ist es doch keine Eulenverschwörung mit weltanschaulichen Absichten, sondern nur eine spät begriffene oder spät sich entfaltende Konsequenz des Weihnachtsbaums – wenn man sich schon ein Stück Wald ins Wohnzimmer stellt, dann ist es nur folgerichtig, die Tiere des Waldes dazuzuholen. Die Eule wird nur der Anfang gewesen sein. Nächstes Weihnachten kommt das Eichhörnchen.