"Die Bibel ist ein Märchenbuch!" Den aufs Pflaster gemalten Satz können Hamburger auf ihrem Weg zur Kirche immer wieder lesen, und sein polemischer Sinn ist klar: Was in der Bibel steht, kann so, wie es da erzählt wird, unmöglich passiert sein. Es sind Erfindungen, Märchen.

In der Tat hat die Weihnachtsgeschichte, die jetzt in den Kirchen gelesen oder in den Oratorien von Schütz und Bach gesungen wird, märchenhafte Züge: Da kommen die Weisen aus dem Morgenland, bringen Geschenke und verneigen sich vor dem Kind in der Krippe, da versammelt sich der Chor der Engel am Himmel und singt: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!"

Angenommen, wir wollten den Text wie ein Märchen lesen, so wäre damit noch nichts gegen seine Triftigkeit gesagt. In den Märchen steht das Alltägliche unmittelbar neben dem Wunderbaren, und beides zusammen mündet in eine höhere Erkenntnis. Schneewittchen erzählt vom Fluch der Eitelkeit, Hans im Glück vom Triumph der schönen Einfalt, Rotkäppchen vom Sieg über das Böse. Zauberei und Hokuspokus sind die dramaturgischen Mittel einer manchmal schlichten, manchmal subtilen Botschaft.

Die Wahrheit der Literatur hängt nicht davon ab, ob das Erzählte genau so passiert ist, sondern davon, ob es hätte passieren können oder sollen. Jeder weiß, dass Parzival keine historische Figur ist. Dass der Ritter im entscheidenden Moment kein Mitleid bezeugt, sondern in höfischen Konventionen stecken bleibt und so den Gral verfehlt, um ihn nach langer Irrfahrt doch noch zu erringen – das macht ihn zu einem exemplarischen Menschen über alles Historische hinaus.

Faust und Anna Karenina und Emma Bovary: Sie verdanken ihr Leben nicht dem Zufall der Geburt, sondern dem Einfall ihrer Schöpfer, und die Wahrheit, die uns in ihren Geschichten begegnet, entsteht nicht aus der Reproduktion des Realen, sondern aus seiner Überhöhung.

Die Verheißung, dass Geschichten auf bestürzende Weise unser Verständnis der Welt (und damit auch die Welt) verändern können, ist nicht auf die Bibel beschränkt. Sie ist eine fortwährende Quelle der Literatur. Das Projekt der "Romantisierung" bedeutete für Novalis, dem "Gemeinen einen hohen Sinn und dem Bekannten die Würde des Unbekannten" zu geben. Auch Rilke glaubte, die künstlerische Bewältigung selbst des Schrecklichen lasse einen "großen, positiven Überschuss" zurück: "als ein Dasein-Aussagendes, Sein-Wollendes: als einen Engel".

Da ist er wieder: der Bote aus einer anderen Welt. Niemand wird beweisen können, dass es Engel gibt; aber auch nicht, dass es sie nicht gibt. Als ihm der Geist erscheint, sagt Hamlet zu Horatio: "Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt."

Auch davon erzählt die Weihnachtsgeschichte. Sie gewinnt ihre Wahrheit nicht aus den äußeren Umständen, sondern aus dem unerhörten Ereignis: Gott ist Mensch geworden. Insofern ist die Bibel eben doch kein Märchenbuch. Im Kern berichtet sie von einer Weltrevolution, und dass sie von einem Kind ausgeht, ausgerechnet in einem Stall passiert, das ist die Pointe.

Wir kennen die Geschichte von Matthäus und Lukas. Sie waren nicht dabei, sie folgten dem Drang, das, was ihnen von allen Seiten berichtet wurde, ein für alle Mal aufzuschreiben. Und es war ihnen wichtig, Zeit und Ort des Geschehens genau anzugeben. Alle Details des Wunders waren in den prophetischen Schriften vorhergesagt worden, sie kamen nicht aus dem Nichts.

Dass es ein Wunder war, ein von Gott bewirktes, stand für die Evangelisten außer Frage. Ein Wunder bleibt es für jeden Hörer bis heute, allerdings nur dann, wenn er sich nicht an die Wahrscheinlichkeit klammert, sondern die Wahrheit zu verstehen sucht. Das setzt voraus, dass er ihr entgegengeht – so wie jeder literarische Text das Entgegenkommen des Lesers benötigt.

Die Weihnachtsgeschichte bildet den Ursprung eines unvergänglichen Kosmos des Geistes und der Künste. Sie stammt aus dem Morgenland und bildet die Basis dessen, was man Abendland genannt hat. Einst gehörte die mittlerweile zweitausend Jahre alte Erzählung zu den bekanntesten und wirkungsmächtigsten überhaupt. Es mag sein, dass ihre Bedeutung bei vielen Menschen in Vergessenheit geraten ist. Das ändert nichts an ihrer Wahrheit.

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