Wer kurz vor Weihnachten Kinder staunen sieht, wer sich an ihren leuchtenden Augen und vor Verwunderung entrückten Gesichtern erfreut, wer dann wehmütig wird oder sie gar um ihre kindliche Fähigkeit zum Staunen beneidet – der strecke seine Hand aus. Eine Sekunde lang genügt.

Den Kindern sei ihre Begeisterung für den Weihnachtsmann, das Christkind, das Geheimnis der Bescherung gegönnt. Dass für viele Erwachsene das Staunen und Wundern ins Metaphysische verdrängt wurden, ist ein Jammer, ein schmerzhafter Verlust. Gegen den hilft die ausgestreckte Hand.

In jedem Moment rasen durch diese Hand unsichtbare Teilchen, die aus dem Herzen der Sonne stammen. Neutrinos heißen sie und sind nicht nur unsichtbar, sondern passieren praktisch ungehindert den Körper, ja die gesamte Erde. Unvorstellbar? Besser! Die Erkenntnis aus acht Jahrzehnten Teilchenphysik.

Die Neutrinos sind ein Beispiel dafür, wie viel Erstaunliches jeder vermeintlich profane Augenblick birgt – sobald wir ihn mit kindlichem Gemüt betrachten, mit Neugier statt mit routiniertem Desinteresse.

Wie kann das sein? Wie machen die das? "Geisterteilchen" werden die Neutrinos auch genannt. Die märchenhafte Bezeichnung zeugt von Unverständnis wie von Faszination. Sind sie etwa gänzlich masselos? So erklärte man sich lange ihren ungestörten Flug. Bis der Gegenbeweis gelang: Am Boden eines kilometertiefen Schachts, in einem riesigen Wassertank, zeugten seltene Blitze von Zusammenstößen zwischen Neutrinos und irdischen Atomen. Für diese Erkenntnis wurden Takaaki Kajita und Arthur McDonald kurz nach Nikolaus mit dem Nobelpreis belohnt.

Man könnte also sagen, hier hat die Physik dem Geisterteilchen das Betttuch vom Kopf gerissen. Bloß passt, seit die Physiker um dessen Masse wissen, das Neutrino nicht mehr in ihr "Standardmodell", also die vorherrschende Lesart dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und erst seit Kurzem wissen Forscher auch von anderen Neutrinos, die statt aus der Sonne aus der Tiefe des Kosmos stammen. Was verraten diese kosmischen Neutrinos über ferne Galaxien? Was über den Urknall? – Nur kurz stillt neues Wissen unsere Wissbegierde, dann sorgt es sofort für neue Fragen.

Das sieht man gut an ein paar Forschungsergebnissen aus dem zurückliegenden Jahr:

  • Aus einer engen Karsthöhle in Südafrika bargen kletterkundige Forscherinnen unzählige Knochen einer bis dato unbekannten Hominidenart. Familienzuwachs, wie schön – und wie seltsam! Denn Homo naledi macht die Geschichte der Menschwerdung deutlich unübersichtlicher.
  • "Spukhafte Fernwirkung" hatte Albert Einstein einst die Annahme genannt, ein nahes Partikel könne ein weit entferntes Partikel direkt beeinflussen. Im Experiment zeigte sich so ein Einfluss aber. Nun konnten Wissenschaftler andere Erklärungen für den Effekt ausschließen. Die Wirkung zwischen weit entfernten Teilchen existiert also, das ist wichtig für die künftige Verschlüsselung von Daten – und macht den Spuk real.
  • Der Pluto bekam im Juli erstmals Besuch von einer irdischen Raumsonde. Statt einer Krateroberfläche fotografierte sie sanfte Ebenen und Eisgebirge. Beides lässt sich nur mit Bewegung im Inneren des Himmelskörpers erklären. Welche Kräfte sind da am Werk?

Kühle Analyse lasse eine Welt bar jeden Zaubers zurück. Das hatte 1819 der Dichter John Keats dem Naturphilosophen Isaac Newton vorgeworfen. 1919 lieferte der Soziologe Max Weber scheinbar das passende Schlagwort zum weitverbreiteten Vorbehalt: "Entzauberung". Es ist noch ein Jahrhundert später lebendig in dem Ressentiment, dass Wissenschaft die Welt entzaubere.

Ja, es gibt für alle Detailfragen Spezialisten. Und sie zerlegen die Gesamtheit der Natur in handhabbare Untersuchungsgegenstände (das etwa hatte Weber gemeint). Aber trotzdem erscheint uns der Pluto, seit wir sein schönes Antlitz scharf und hochauflösend kennen, rätselhafter als vorher, da es von ihm nur matschige Bildchen gab. "Man wird nicht sagen dürfen, dass die Physik die Geheimnisse der Natur wegerkläre", schrieb der Philosophie-affine Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, "sondern dass sie sie auf tieferliegende Geheimnisse zurückführe." So gesehen ist das gesamte Diesseits ein unerschöpflicher Quell des Staunens. Es genügt schon, die Hand auszustrecken.

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