ZEIT: Also haben wir nur die Wahl: entweder arbeitslose Flüchtlinge oder mehr Billigjobber?

Sinn: Ja – jedenfalls bis wir sie besser ausgebildet haben. Das müssen wir auch. Wir brauchen Ganztagsschulen und mehr Ausbildungsplätze, auch Angehörige müssen Deutschkurse machen. Aber das ist eine Herkulesaufgabe. Womöglich haben wir erst in der nächsten Generation damit Erfolg. Bis dahin müssen wir die gering qualifizierten Flüchtlinge in die Arbeitswelt integrieren, und das geht nur bei fallenden Lohnkosten.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Sinn: Es gibt drei Möglichkeiten: Man nimmt nur die Flüchtlinge vom Mindestlohn aus. Man zahlt den Unternehmen Lohnzuschüsse. Oder man senkt den Mindestlohn flächendeckend. Ich würde die letzte Variante wählen und einen persönlichen Lohnzuschuss zahlen, wie wir es im ifo Institut in Form einer aktivierenden Sozialhilfe schon lange gefordert haben und wie es beim Arbeitslosengeld II auch schon teilweise realisiert ist.

ZEIT: Damit die Firmen bei den Löhnen sparen und die Allgemeinheit für die Flüchtlinge zahlt?

Sinn: Sie zahlt ohnehin. Die Frage ist doch, ob wir Menschen in der Arbeit bezuschussen oder ohne Arbeit vollständig alimentieren. Mindestlöhne bedeuten Letzteres, und deshalb sind sie für den Staat teuer und für die Betroffenen inhuman.

ZEIT: Die Regierung will am Mindestlohn festhalten, weil andernfalls die Stimmung kippt.

Sinn: Das ist ein Fehler. Wenn die Zuwandernden keine Stellen kriegen, werden sie nicht integriert, und dann werden wir erhebliche Spannungen in der Gesellschaft bekommen. Dann kippt die Stimmung erst recht.

ZEIT: Kann es sein, dass Sie einfach die Gelegenheit nutzen, um Ihre Kritik am Mindestlohn aufzuwärmen? Sie wollten ihn doch noch nie!

Sinn: Warum unterstellen Sie mir unlautere Motive? Mir ging es immer darum, die Ausgrenzung der Arbeitslosen und ihrer Kinder aus der Gesellschaft zu verhindern. Wir sollten den Flüchtlingsstrom zum Anlass für eine neue Agenda 2010 nehmen. Jeder, der arbeiten will, muss arbeiten können und dann genug zum Leben haben. Das ist nicht über den Mindestlohn zu erreichen, dafür braucht man Lohnzuschüsse.

ZEIT: Die kosten aber Geld.

Sinn: Aber weniger als die Finanzierung der Arbeitslosigkeit. So oder so kosten die Flüchtlinge Geld, und dieses Geld muss anderen Verwendungen entzogen werden.

ZEIT: Es sei denn, der Staat verschuldet sich. Dann wird niemandem etwas weggenommen.

Sinn: Doch, den nachfolgenden Generationen. Es wäre verantwortungslos, denn unsere Nachkommen tragen ohnehin bereits sehr hohe Lasten, wenn die Babyboomer, die jetzt fünfzig sind, in die Rente wollen. Wir sollten lieber das Rentenalter heraufsetzen, um die Flüchtlinge zu ernähren. Die Alten werden im Übrigen gebraucht, um die Flüchtlinge anzulernen. Ich glaube auch, dass es viele gibt, die freiwillig länger arbeiten würden.

ZEIT: Es kommen aber gerade viele junge Menschen zu uns. Das hilft den Rentenkassen.

Sinn: Wenn sie arbeiten! Wenn wir bis 2035 das Verhältnis von Menschen über 65 zu den Menschen zwischen 14 und 65 auf dem heutigen Niveau halten wollten, bräuchten wir rechnerisch 32 Millionen zusätzlicher Migranten. Da wir so viele nicht integrieren können, ohne unsere Werte zur Disposition zu stellen, werden wir selbst wesentlich länger arbeiten müssen. Wir brauchen trotzdem Immigration. Die Immigranten sollten wir uns freilich mit einem Punktesystem aussuchen, anstatt uns darauf zu verlassen, dass unser Sozialstaat schon die richtigen Leute anzieht.