Im Herbst 2001 kam ich das erste Mal nach Afghanistan, die Taliban waren von US-Truppen soeben aus Kabul vertrieben worden. In den folgenden zehn Jahren sollte ich mehr als dreißig Reisen nach Afghanistan unternehmen. Immer begleitete mich eine Frage: Kann dieser Einsatz gut gehen?

Obwohl ich der Intervention skeptisch gegenüberstand, hielt ich sie für unvermeidlich. Wenn der Westen aber schon intervenierte, dann sollte er die Sache zu einem guten Ende bringen. Das war meine Überzeugung. Ich war willens, an den Erfolg zu glauben. Mit jeder Reise jedoch sank der mir selbst verordnete Optimismus. Spätestens seit der zweiten Präsidentschaftswahl 2009 war ich überzeugt, dass die Sache nicht zu retten war. Ich plädierte für den Abzug und halte ihn nach wie vor für richtig, auch wenn die Taliban vergangene Woche Kundus kurzzeitig einnehmen konnten und seither sogar die Rede davon ist, dass sie sogar in Kabul die Macht übernehmen könnten.

Meine fortschreitende Desillusionierung wurde weniger durch politische Fehler ausgelöst als durch das, was wir gemeinhin etwas vorschnell als Alltagserlebnisse abtun.

Kabul, 2002

Ich ging in die Universität, weil ich wissen wollte, was man dort über den Sturz der Taliban und die Zukunft Afghanistans dachte. Nach einigem Suchen landete ich bei einem Professor, an dem mir als Erstes sein grüner Anzug auffiel. Er bemerkte das und sagte: "Den habe ich mir 1986 in Bulgarien gekauft!"

Der Professor führte mich in den folgenden Minuten durch Jahrhunderte afghanischer Geschichte, sprang in die Gegenwart und tauchte sogleich tief in die Vergangenheit seines Volkes ein. Am Ende sagte er: "Ich seid nur aus geostrategischen Gründen hier, wegen China zum Beispiel, sicher nicht wegen uns!"

Ich hob zur Gegenrede an, die wie eine Programmrede klang: "Die USA sind von Al-Kaida angegriffen worden. Der Angriff wurde aus Afghanistan gesteuert. Die USA haben das Recht auf Selbstverteidigung. Die Vereinten Nationen haben ihnen das zuerkannt. Der Krieg ist daher ein legitimer Akt der Selbstverteidigung. Außerdem haben die Taliban die Menschenrechte mit Füßen getreten. Sie haben eine Tyrannei errichtet. Es war richtig, sie zu stürzen. Die Mehrheit der Afghanen wollte es so!"

Der Professor hörte sich alles geduldig an. "Mein lieber Herr, Sie müssen das alles gar nicht sagen, ich bin ja sehr froh, dass Sie da sind!", sagte er. "Ich habe auch unter den Taliban gelitten. Sie haben mich von der Universität verbannt. Ich musste mich als Lastenträger verdingen. Ich wurde ins Gefängnis geworfen, weil ich meinen Bart nicht wie vorgeschrieben trug. Ich bin glücklich, dass Sie gekommen sind!"

Ich nickte erleichtert. Dann sagte er: "Aber ich glaube trotzdem, dass Sie nicht aus Mitgefühl gekommen sind. Sie sind aus geostrategischen Gründen hier, ich denke wegen China!"

Ich konnte ihn nicht von den hehren Absichten des Westens überzeugen. Im Weltbild des Professors war kein Platz für Idealismus. Hinter der lauten Menschenrechtsrhetorik des Westens spürte dieser Mann die kalte Klinge der Geopolitik. Die Geschichte hatte die Afghanen gelehrt, dass ihr Land immer die Bühne eines größeren Stücks gewesen war, und sie mussten schauen, wie sie da möglichst unbeschadet durchkamen. Das ging nur, wenn sie tapfer waren und illusionslos – der Professor jedenfalls ließ sich nicht umstimmen.