Als Diana B. an einem Tag im Juni zwei Taschen packt und ihren Mann und ihre vier Kinder verlässt, bekommt es erst keiner mit, und dann, als es jeder weiß, kann es keiner glauben. Alle haben sie für eine glückliche Mutter und Ehefrau gehalten. Die mit ihren Kindern auf dem Fußboden balgt und durch den Wald rennt. Ein Foto, das zwei Jahre vor ihrer Flucht aufgenommen wurde, zeigt sie im eleganten Kostüm auf dem Sofa mit ihrem Mann, der seinen Arm um sie legt. Beide lächeln.

"Ich war angepasst bis zur Selbstaufgabe", sagt Diana B.

Dabei war ihr, seit sie denken kann, immer klar, dass es sie zweimal gibt. Einmal als die Frau, die sich verhält, wie die Welt es erwartet, und einmal als die andere, die fühlt und denkt, wie es niemand vermutet und sie es niemandem sagen würde. "Ich habe in den langen Jahren gelernt, dass es Dinge in mir gibt, die so absonderlich scheinen, dass man darüber besser nicht spricht", sagt sie. Nur fehlte ihr dafür all die Jahre eine Erklärung. Selbst noch nachdem sie ihre Familie verlassen hatte, wusste sie nicht, was mit ihr los war.

Heute weiß sie es. Diana B. hat das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus, die oft mit hoher Intelligenz, aber niedrigem Einfühlungsvermögen einhergeht. Die Betroffenen sind schnell überfordert, weil ihr Gehirn die Reize aus der Umgebung nicht filtern kann; sie brauchen Routinen und Konstanz. Zwischentöne und Ironie, Gesten oder Gesichtsausdrücke können sie nur schwer deuten. Ihre Aufmerksamkeit richten sie eher auf Dinge. Für Diana B. sind es Landkarten oder Kirchenfenster.

Ihr Gesicht ist kantig, die grauschwarzen Haare hat sie bis auf wenige Millimeter abrasiert, sie trägt Khakihose und Karohemd – auf ein frauliches Äußeres legt die 50-Jährige seit Jahren keinen Wert mehr. Neben sich auf die Fensterbank hat sie sich ein Glas gestellt mit dem Schriftzug: "Ich bin anders als die anderen – ich bin schlimmer."

Schon als Kind hatte Diana B. gelernt, dass vieles, was ihr logisch erscheint, für andere absonderlich ist. Wenn sie den Kinderwagen nicht mit Puppen belud, sondern mit Holz und Brettern, um ihn in den Wald zu schieben. Wenn sie auf die Frage der Lehrerin am ersten Schultag, ob alle Kinder sie gut sehen könnten, antwortete: "Wieso, Sie sind doch groß genug!", und dafür einen Rüffel erhielt. Wenn sie Gedanken hatte, die sie nicht aussprechen durfte, wie den, als ihre Oma starb und im Tuch, halb zusammengeklappt, die schmale Wendeltreppe hinuntergetragen wurde: "Hier wird der Rest entsorgt."

Lange Zeit dachte man, fast nur Männer haben das Syndrom. Der englische Autismus-Forscher Simon Baron-Cohen sieht hinter dem Autismus gar ein "extrem männliches Gehirn" – mit geringer Empathie- und hoher Systematisierungsfähigkeit. Neuere Untersuchungen legen dagegen nahe: Unter den rund 400.000 Deutschen mit dem Asperger-Syndrom könnten bis zu 100.000 Frauen sein. Sind Frauen also unterdiagnostiziert?

Christine Preißmann hat darauf eine Antwort. Die Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie hat mit 27 Jahren selbst die Diagnose bekommen. Preißmann sagt, dass sich Frauen mit dem Asperger-Syndrom besser tarnen: Sie imitieren andere und überspielen ihre Symptome. Ein Großteil schlüpft so durch das Raster der Diagnosekriterien. Das bedeutet: Tausende Frauen werden in Deutschland wahrscheinlich spät oder gar nicht diagnostisch erfasst, führen ein Doppelleben, weil sie sich dafür schämen, anders zu sein als der Rest der Welt.

Frauen, die nicht ahnen, dass sie das Asperger-Syndrom haben, leiden ganz besonders. Denn sie wissen nicht einmal, warum sie sich immer so schwertun, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Sie verbiegen sich, verleugnen ihr Selbst und scheitern am Ende doch. Für all diese Frauen will Diana B. ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte ihrer Lebenslüge und ihrer Emanzipation.

In einer Feriensiedlung auf einem von Wald bedeckten Hügel reihen sich die Bungalows aneinander. Vor einem der Holzhüttchen stehen Terrakotta-Blumentöpfe, der Größe nach aufgereiht. Halb heruntergezogene Jalousien schirmen die Sonne ab, nur ein schmaler Lichtbalken fällt durch das Fenster auf die Bodenplatten. Eine von ihnen fixiert Diana B. durch ihre Brille. Sie kann sich so besser konzentrieren. Erst seit ihrer Diagnose gestattet sie sich so etwas. Sie hat den abgewendeten Blick einer Blinden.

"So steckt auch in der Hochzeit die Lebenslüge"

Dort, wo sie aufwuchs, in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen, hatten Frauen sich unterzuordnen und möglichst schnell Kinder zu kriegen. Noch heute hat Diana B. den Satz im Ohr: "Benimm dich, was sollen denn die Leute sagen!" Wenn sie zu laut war, zog die Mutter schon mal den Holzlöffel aus der Schublade. Nach außen hin wollten die Eltern, eine Näherin und ein Schlosser, ein gutes Bild abgeben, aber die Ehe kriselte. Die Mutter kämpfte mit Magersucht, war ganze Tage lang verschwunden.

Dass ihre Tochter sich anders benahm als andere Kinder, beunruhigte die Eltern nicht. Sie war gut in der Schule, nur etwas verschlossen. Ihre Schwester Simone war das Gegenteil. "Sie war heiß wie die Sonne, ich kalt wie der Mond", sagt Diana B. rückblickend.

In der Klasse galt das Mädchen als Streberin. In der Pubertät zog sie sich zurück, weil sie nirgends dazugehörte. Nach der Schule faltete sie ihre Landkarten auf, streifte sich ein Fahrradtrikot über und fuhr auf ihrem Rennrad stundenlang durch die Gegend. Als ein Junge, den sie von der kirchlichen Jugend kannte, sie einmal nach Hause fuhr und ihr gestand, dass er sie liebe, wusste Diana B. nicht, was er meinte. Sie versteht es bis heute nicht: "Das ganze Werben, Sichverlieben war mir dermaßen fremd, dass ich, nachdem ich eine ganze Weile mit dem Jungen zusammen war, die Heirat als das Naheliegende ansah."

An einem Novembertag im Jahr 1987 stand Diana B. im Brautkleid auf einem Hocker. Die Verkäuferin und ihre Mutter zogen am Kleid. Diana B. sah befremdet an sich hinunter. Irgendwann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und lachte los. "Traumhaft, eine Hochzeit in Weiß? Nein, unbequem und nervend. Und ich verausgabe mich mal wieder dabei, den Anschein von Normalität hinzubekommen", notierte sich Diana B. Jahre später, als sie versuchte, ihr Leben in eine Reihenfolge zu bringen. "So steckt auch in der Hochzeit die Lebenslüge."

Überraschend viele Frauen mit dem Asperger-Syndrom finden einen Partner. Small Talk und Flirten fallen ihnen zwar schwer, aber immer noch leichter als den betroffenen Männern. Der Neurologe und Psychiater Fritz-Georg Lehnhardt von der Uni-Klinik Köln hat 71 Frauen und 144 Männer mit Asperger-Syndrom verglichen. Die Hälfte der Frauen gab an, in einer Partnerschaft zu leben – bei den Männern war es nicht einmal jeder vierte. Knapp jede dritte Frau war Mutter. Für die Mehrheit der Asperger-Mütter bedeuten Kinder allerdings eine große Belastung. Was nicht heiße, dass sie für ihre Kinder keine Gefühle empfinden könnten, erklärt die Psychotherapeutin Preißmann.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit wurde Diana B. schwanger, ein Jahr später erneut, es folgten in kurzem Abstand das dritte und vierte Kind. Mit dem Familienleben brach das Chaos in ihr Leben ein. Sie kämpfte mit Tabellen dagegen an: eine für den Essensplan, eine für die Haushaltsaufgaben, eine für den Stromverbrauch. Als die Familie eine Reihenhaushälfte kaufte, brachte Diana B. Gipsplatten und Holzverkleidung unter dem Dach an, verlegte Fliesen im Bad. Und kümmerte sich nebenbei um Kinder und Haushalt. Sie war heillos überfordert. Keiner bemerkte, wie schlecht es ihr ging, denn über ihre Gefühle konnte sie ja nicht reden – sie konnte sie logisch nicht erfassen.

Um mit ihrer Wut klarzukommen, rannte sie in den Wald oder ging nachts stundenlang spazieren. Wenn es niemand merkte, schlug sie mit dem Kopf gegen eine Zimmerwand. "Nicht um mich wirklich zu verletzen, sondern weil ich einfach nicht begreifen konnte, warum dieses Gehirn so anders funktionierte", erzählt sie.

Jahre später wird sie von einer Psychologin gefragt, ob sie in der Zeit an Selbstmord gedacht habe. Die Vorstellung hatte für Diana B. ihren Reiz: Sie dachte an die Ruhe nach dem Tod. Aber dann überlegte sie, was das noch bedeuten würde: den totalen Kontrollverlust. Nichts fürchtet sie mehr. In der Kölner Studie gab über die Hälfte der Frauen an, schon einmal depressive Symptome gehabt zu haben. In einer Vorgängerstudie berichteten elf Prozent aller Befragten von einem Suizidversuch.

2002 fährt Diana B. zur Kur auf die Insel Norderney. Offiziell wegen Rückenproblemen. Auf einmal ist alles anders: Niemand stellt Forderungen an sie, weder die Kinder noch der Mann wollen etwas von ihr. "Es war Ruhe, um mich herum und auch in meinem Kopf", erinnert sich Diana B. Am letzten Tag bekommen die Frauen im Gruppengespräch eine Botschaft mit auf den Weg: "Wenn das Umfeld, in das Sie zurückkehren werden, für Sie passt, dann arbeiten Sie daran. Tun Sie etwas für Ihre Ehe, kümmern Sie sich um Ihren Mann. Wenn das Umfeld nicht passt, dann denken Sie über einen Ausstieg nach."

Aber ein Ausstieg ist zu diesem Zeitpunkt für sie undenkbar. In ihrer Gegend beendet man eine Ehe nicht. Also fällt Diana B. die Entscheidung, sich mehr anzustrengen, den Vorstellungen ihrer Umgebung noch stärker zu genügen. "Ich wandelte mich zu der Frau, die mein Mann immer haben wollte."

Diana B. kauft sich Schminke, lässt sich Ohrlöcher stechen und legt Schmuck an, wenn sie zu Freunden oder in die Kirche gehen. Selbst Röcke, Kostüme und Stöckelschuhe trägt sie nun. Nicht nur ihrem Mann gefällt das. "Ach, jetzt wird doch noch eine richtige Frau aus dir", sagt ihre Mutter. Als ihr Mann fürchtet, seine Stelle zu verlieren, beginnt Diana B. eine Ausbildung zur Altenpflegerin.

Menschen mit dem Asperger-Syndrom haben meist eine höhere Schulbildung, finden allerdings seltener als andere eine Arbeit. Für Diana B. ist die neue Aufgabe ein doppelter Wendepunkt: Sie gewinnt Selbstvertrauen, zugleich bringt die zusätzliche Arbeit im Heim sie an den Rand des Zusammenbruchs. Schon Kleinigkeiten werfen sie aus dem Gleichgewicht: etwa wenn die Kinder ihre Fahrräder nicht der Größe nach vor dem Reihenhaus abstellen.

Doch nur einer fällt auf, wie es ihr geht: Elke Tacke. Die beiden Frauen kennen sich aus der Kirchengemeinde, singen gemeinsam im Chor, treffen sich manchmal zum Kaffee. Tacke akzeptiert ihre Freundin so, wie sie ist, selbst wenn Diana B. davon spricht, zu ihren Kindern eine "freundliche Distanz" zu pflegen. Und ab und zu gibt sie ihr den Schlüssel ihrer Stadtwohnung. "Wenn du Stress hast, kannst du dich dort ausruhen", sagt sie.

Als Diana B. ihrem Mann von ihrem Wunsch erzählt, einen Abend pro Woche zu ihrer Bekannten zu gehen, fragt er: "Wozu brauchst du das?" – "Dieses Treffen mit Elke ist mir wichtig", entgegnet Diana B. "Ich möchte da hingehen – ich gehe da hin." Ein Affront für ihren Mann, der bislang die Entscheidungen in der Familie traf. Seitdem sie ihre Ausbildung mache, werde sie "rebellisch", empört er sich.

"Die Diagnose ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist"

Die Streitereien häufen sich nun, und fast immer fühlt sich Diana B. ihrem Mann unterlegen. Wenn sie versucht, ihre Gefühle zu erklären, muss sie weinen, obwohl sie überhaupt nicht traurig ist. "Ich lasse mich durch deine Heulerei nicht erpressen!", ruft dann ihr Mann. Kommt Diana B.s Schwester zu Besuch, sieht sie eine Bilderbuchfamilie. Nur manchmal erzählt ihr Diana: "Wir haben uns wieder viel gezofft." Aber dann setzt sie ein Lachen auf und erzählt, wie lustig es am Frühstückstisch war.

Eines Tages hört Diana B. ihren Mann sagen: "Ich habe das Gefühl, du hast dich stark verändert. Das wird wohl auf eine Trennung hinauslaufen." Diana B. ist überrascht: Sie fühlt sich selbst wie eingesperrt. Aber eine Trennung? Dann ist sie mit den vier Kindern ja allein und muss die Verantwortung tragen. Die Vorstellung ist ihr unerträglich. Ihr wird klar: Ich muss selbst gehen.

Diana B. kopiert Geburtsurkunde, Kaufbelege und Mietunterlagen. Sie überweist das Geld, das sie verdient hat, auf ein eigenes Konto. Aus der Bücherwand im Dachgeschoss greift sie Reisebücher, Landkarten sowie ihre Medizinbücher und schafft sie in die Wohnung ihrer Freundin. "Ich habe die Trennung systematisch geplant."

"Die Diagnose ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist", sagt Diana B.

Am Mittag des 14. Juni 2005 klingelt Elke Tackes Telefon. "Ich brauche eine große Auszeit", hört Tacke Diana B. sagen. Als sie kurze Zeit später ihre Freundin abholen will, sieht sie Diana B. mit zwei Reisetaschen vor dem Haus stehen. Plötzlich geht die Haustür auf, und heraus rennt weinend die 15-jährige Tochter. Von den vier Kindern ist sie diejenige, die am meisten an ihrer Mutter hängt. Diana B. nimmt sie schweigend in den Arm. Dann steigt sie ins Auto.

Nach einigen Tagen ruft Diana B.s Mann an. "Kommst du zurück? Die Kinder haben gefragt." Aber sie hat ihre Entscheidung getroffen. Auf einmal darf sie tun, was immer sie will, kann lesen und schlafen, so viel sie möchte. Sie kann die Tür hinter sich schließen, allein sein. Ohne Lärm, ohne Fragen, ohne jeden Reiz. Abends bricht sie zur Nachtschicht ins Altenheim auf, zweimal in der Woche geht sie in die Berufsschule. Wenn Arbeitskollegen und Bekannte aus der Kirchengemeinde sie treffen, fragen sie: "Dir muss es ja furchtbar gehen, die Kinder zurückzulassen." Diana B. entgegnet jedes Mal: "Ja, aber ich schaff das schon." Es geht ihr besser denn je.

Zum ersten Mal stellt Diana B. ihrer Freundin Fragen, die sie sich vorher nie zu stellen getraut hat. Was ist das: verliebt sein? Was fühlt man, wenn jemand stirbt? Was heißt das: Schmetterlinge im Bauch? Auch Tacke stellt Fragen: Bist du dir sicher, dass du deine Kinder nicht vermisst?

Für Diana B. ist ihre Aufgabe erledigt, sie hat ihre Kinder aufs Leben vorbereitet. Aber sie weiß, dass die Gesellschaft ihren Schritt nicht versteht. Väter dürfen das eher – eine Mutter muss bei ihren Kindern bleiben.

An einem Septembertag 2012 liest Diana B. beim Frühstück in der ZEIT einen Artikel mit der Überschrift Maschinen sind leichter als Menschen. Es geht um Frauen und Männer, die sich leichttun mit Zahlenreihen, aber schwer mit Menschen. Es geht um das Asperger-Syndrom. Diana B. denkt sofort: "Das bin ich!"

Es schneit, als sie ein knappes halbes Jahr später an einem Morgen auf der Beifahrerseite des Wagens ihrer Freundin einsteigt. Jeden Muskel spürt sie, so angespannt ist sie. Vier Monate lang hat sie auf den Termin im Diagnosezentrum in Aachen gewartet. Zwei Stunden zu früh kommen sie an, damit sich Diana B. mit dem Gebäude vertraut machen kann. Im Sprechzimmer richtet sie ihren Blick auf das Karomuster des Bodens. Wie der in meinem Badezimmer, denkt sie, nur nicht blau, sondern in Beige, in Grün, in Braun und Rot. Diana B. erzählt dem Arzt ihr Leben, macht einen Intelligenztest und muss Bilder mit verschiedenen Gesichtsausdrücken bestimmten Emotionen zuordnen. Immer wenn sie ein Gesicht mit offenem Mund und Zähnen sieht, notiert sie "lachen".

Erst viereinhalb Monate später hält Diana B.  den Brief mit dem Absender Universitätsklinikum Aachen in der Hand. Ihr Leben lang ist sie sich vorgekommen wie in einer fremden Welt, ohne zu wissen, warum. Nun liest sie die Antwort gleich auf der ersten Seite: "Diagnose: Asperger-Syndrom (F84.5)"

Eine Befragung von 25 Männern und 13 Frauen mit dem Asperger-Syndrom in der Kölner Spezialambulanz hat ergeben: Allein die Diagnose kann die Lebensqualität der Betroffenen enorm verbessern. "Die Diagnose ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist", sagt Diana B. Endlich darf sie auf Blickkontakt, Handschlag oder Umarmung verzichten. Sie muss nicht das Zappeln, oder Klopfen mit den Händen an der Tischkante unterdrücken, wenn sie nervös ist. Will sie mit ihrem Hund spazieren gehen, darf sie ihre Schirmmütze ins Gesicht ziehen, weil sie nicht mit dem Nachbarn reden will. Im Altenheim wechselt sie von der Pflege in die Dokumentation – die Kollegen wissen Bescheid.

Nicht alle Betroffenen offenbaren sich nach der Diagnose, manche Beziehung scheitert an der neuen Situation. Die meisten Betroffenen aber erfahren Verständnis, und oft lernen sie andere Autisten kennen. Auch Diana B. bekommt von allen Seiten Zuspruch, nur ihre Mutter versteht sie nicht. Neulich, da hat sie ihrer jüngsten Tochter alles erklärt. Der Tochter, die sie als einziges der vier Kinder noch regelmäßig besucht. Sie hört ihrer Mutter zu, sagt, sie habe viel von ihr gelernt: zu kochen, das Fahrrad zu reparieren, Fliesen zu legen. Zum Kuscheln sei sie halt zum Vater gegangen. Dann erzählt sie vom Brautkleid, das sie gekauft habe. Und von ihrer Hochzeit im Herbst, auf die sie sich freue. Ihre Mutter, weiß sie, wird nicht dabei sein.

Hinweis: Der Artikel unterscheidet sich geringfügig von der gedruckten Version.