"Mir fehlen die Worte" – Seite 1

DIE ZEIT: Hat die Kanzlerin Sie dieses Jahr überrascht?

Claus Peymann: Sie hat einen geradezu spektakulären Sprung hin zum Friedensnobelpreis gemacht. Das war ein Aufbruch, mit dem bei ihr nicht zu rechnen war. Dass ihr Handeln allerdings im Zusammenhang steht mit dem rings um Deutschland stattfindenden neonationalistischen Geschehen, liegt auf der Hand.

ZEIT: Sie meinen den Rechtsruck in Europa, namentlich in dessen Osten?

Peymann: Ich will nicht in die Kiste mit den großen Keulen greifen, aber im ehemaligen Ostblock werden die Rechten enorm stark. Die ungarische Regierung erinnert doch verdammt an eine Bande von Nazis, wenn ich nur mal die Personalpolitik an den großen ungarischen Theatern betrachte. Da ist eine regelrechte Gleichschaltung im Gang.

ZEIT: Wie erleben Sie Deutschland?

Peymann: Es ist ein seltsames Wunder und grenzt ans Unglaubliche, was mit diesem Land geschah. Wo dieser von Angela Merkel vorgeträumte Traum endet? Womöglich hat sie ihren eigenen Untergang inszeniert. Womöglich hat ihr Handeln ein Driften in den Rechtsnationalismus stimuliert. Ich kann das gar nicht so genau abschätzen.

ZEIT: Im Ausland wird dieses "neue" Deutschland mit Skepsis wahrgenommen. Man glaubt uns unsere Güte nicht.

Peymann: Wir sind ja nicht so beliebt, wir Deutsche, vor allem in Europa nicht; an vielem, was damit zu tun hat, sind wir selbst schuld, und manches ist auch Neid. Was mich selbst betrifft: Ich renne immer noch als mittlerweile 78-jähriges merkwürdiges Monstrum durch die Gegend, immer versuchend, meine früheren Positionen nicht zu verraten. Aber ich muss sagen: Mir fehlen die Worte, was dieses Jahr 2015 betrifft. Es war wirklich ein ganz besonderes Jahr. Allein dass wir wieder ganz selbstverständlich das Wort "Krieg" über die Lippen bringen, hätte ich bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten: dass in dieses sonnige Deutschland die Fackel des Krieges geworfen werden würde! Aber mein spezieller Freund Oskar Lafontaine sagt immer: Wir haben jahrhundertelang die Welt mit dem Schwert, mit der Klinge christianisiert – und das betreibt jetzt der IS! Die Probleme lassen sich vielleicht gar nicht mehr lösen, es ist vielleicht wirklich zu spät – denn die Fehler liegen Jahrhunderte zurück.

ZEIT: Sie waren am Tag der Anschläge, dem 13. November, selbst in Paris.

Peymann: Ich war mit drei Kollegen vom Berliner Ensemble in Paris auf einer Dienstreise. Wir verhandelten mit dem Intendanten des Théâtre Gérard Philipe, Jean Bellorini. Sein Theater liegt in Saint-Denis, in unmittelbarer Nähe eines Anschlagsortes. Und Saint-Denis, man muss es so sagen, ist ja eine Stadt wie Bagdad – laut, brodelnd –, und es rennen dort die Salafisten durch die Gegend. Unmittelbar neben dem Haus, in dem sich die Drahtzieher des Anschlags verbarrikadiert hatten und das dann gestürmt wurde, hatten wir Kaffee getrunken. Man war im Herzen des Schreckens. Was wir unmittelbar erlebten, war ein Anschlag auf die Freiheit.

ZEIT: Sie wirken so, als seien Sie überrascht von Ihrer eigenen Ratlosigkeit.

Peymann: Da ist was dran. Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Jahr noch einmal so überraschen würde. Ich bin total überfordert von der Situation; die Muster, nach denen ich die Dinge bisher deuten konnte, greifen nicht mehr. Wenn ich in Wien zur Probebühne gehe, komme ich an der französischen Botschaft vorbei. Davor stehen die bis an die Zähne bewaffneten Polizisten. Das ist ein anderes Europa, eine andere Zeit. Ich sehe Risse – in praktisch allem! Und dass die Deutschen nun gehasst werden, weil sie etwas Gutes tun, während sie früher gehasst wurden, weil sie Fürchterliches taten – das ist eine Ironie der Geschichte. Dass plötzlich so eine Kälte durch die Welt geht, ist schwer zu ertragen. Umso rührender das offene Herz Angela Merkels.

ZEIT: Schätzen Sie die Kanzlerin?

Peymann: Ich schätze sie als Freundin des BE. Sie kommt regelmäßig in unsere Vorstellungen, aber ich kenne sie nur flüchtig, und ich möchte mir nicht die Illusion zerstören lassen, die aufklärerischen Positionen des BE hätten sie verändert (lacht).

"Das Theater ist verstummt"

ZEIT: Glauben Sie das im Ernst? Anders gefragt: Hat Ihre Theaterarbeit in der deutschen Hauptstadt Ihrer Meinung nach einen Einfluss auf das Wesen der staatlichen Politik?

Peymann: Nein. Diesbezüglich betrachte ich meine Arbeit als vollständig gescheitert. Zwar gehen die Politiker alle gern ins BE, Gysi, Trittin, Schäuble, früher Wowereit ... Nur der neue Kulturstaatssekretär war nie hier; der ist aber auch nicht erwünscht.

ZEIT: Darauf müssen wir kurz zurückkommen. Wir sprachen im Frühjahr über die Berliner Theaterpolitik; Sie haben sich damals echauffiert und nannten den Kulturstaatssekretär Tim Renner ein "leeres weißes Hemd". Was sagen Sie heute dazu?

Peymann: Die Berliner Theaterpolitik ist eine Lachnummer. Eine einzige Geldverschwendungsanlage, um die kolossale Fehlentscheidung zu verschleiern, die die Kulturpolitik sich mit der Nachfolge Frank Castorfs an der Volksbühne geleistet hat. Da zeigt sich ein ungeheurer Zynismus: Einerseits ist diese Stadt unfähig, den Flüchtlingen am "Lageso" mehr als vier Dixi-Klos hinzustellen, die Zustände dort sind unmenschlich. Andererseits stellen sie 125.000 Euro für die Vorbereitungspressekonferenz des künftigen Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon bereit. Ein zynischer Witz. Und das geht in dieser zu Tode subventionierten Stadt einfach so durch, ohne dass es einen Aufstand gäbe. Die Volksbühne wird zu einer erstklassigen Versorgungsanstalt für Nichttheaterleute aufgeschickt.

ZEIT: Sie haben noch anderthalb Jahre als Intendant vor sich. Wenn Sie eine erste Bilanz Ihrer Berliner Theaterarbeit ziehen, wie sieht die aus?

Peymann: Meine Zeit in Berlin, das war von Anfang an ein Epilog meiner Theaterarbeit – nicht frei von Wehleidigkeit und Fehlern. Und die Kritiker waren sowieso vom ersten Tag an gegen mich. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht: Ich bin die eigentliche Avantgarde, und so was sehen die Kritiker eben nicht. Aber egal: Ich habe einen Trümmerhaufen übernommen und hinterlasse meinem Nachfolger Oliver Reese ein hochprofitables Haus, ein tolles Ensemble. Das BE ist das schönste Theater in Berlin, vielleicht in Deutschland. Ich liebe es so sehr, dass ich diesem alten Gemäuer an der schwarzen Spree nur das Allerbeste wünsche.

ZEIT: Noch sind Sie Theaterchef, ein Mann auf der Höhe seiner Macht. Sie sprachen gerade über die vielen Politiker, die gern in Ihr Theater kommen. Gibt es in Berlin einen Austausch zwischen Kulturschaffenden und politischer Klasse, wie man ihn sich in Paris vorstellen mag?

Peymann: Nein, dazu ist die politische Prominenz in Berlin einfach zu kulturlos.

ZEIT: Wie erleben Sie das aktuelle Theater in den Krisen des zurückliegenden Jahres?

Peymann: Das Theater ist verstummt. Es steht nicht mehr in der Mitte der Zeit. Mit brüllenden Nazis und authentischen Flüchtlingen auf der Bühne zeigen wir nur die Hilflosigkeit unserer Kunst.

ZEIT: Flüchtlinge haben auf den Bühnen begreiflicherweise Konjunktur. Was ist daran falsch?

Peymann: Das Theater versucht sich an rührenden Dekorationsarbeiten, an der Verhüllung seiner Ratlosigkeit, es lässt ein paar Flüchtlinge auf der Bühne herumspringen und glaubt, damit dem Thema gerecht zu werden. Mir kräuselt’s bei solchen Versuchen die Rückenhaut; ich finde das fast unmoralisch, es hat etwas geradezu Touristisches.

ZEIT: Sie würden nicht mit Flüchtlingen auf der Bühne arbeiten?

Peymann: Nein, das würde ich nicht. Ich finde es abgeschmackt, aber das muss jeder selbst wissen.

ZEIT: Warum abgeschmackt? Das Theater hat doch immer auch die Aktualität inszeniert.

Peymann: Natürlich, in Shakespeares Zeit saßen die Mörder auf ihren Thronen und sahen von dort herab die Stücke an, die ihre Blutherrschaft thematisierten – das war auch eine Art Aktualität. Aber die Art und Weise, wie jetzt die Flüchtlingskrise auf die Bühne geholt wird, hat etwas ungeheuer Hilfloses. Es geschieht vor allem aus einem Grund: damit wir uns besser fühlen – die Theaterleute und das Publikum. Es ist so betulich! Mir fehlt da wirklich der Zynismus eines Heiner Müller oder eines Thomas Bernhard – und die Traum-Poesie eines Peter Handke. Aber ich gebe zu: Es ist verdammt schwer, der Lage gerecht zu werden!

ZEIT: Sie proben zurzeit am Wiener Burgtheater das neue Stück von Peter Handke. Es heißt Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße. Wird es da um unsere Zeit gehen?

Peymann: Das ist die poetisch-theatralische Auseinandersetzung Handkes mit der heutigen Welt. Zugleich ein Traumspiel. Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Handke hat immer die Menetekel der Zeit erkannt, er spürt den Kern einer Bedrohung. Und sehen wir uns doch dieses zu Ende gehende Jahr 2015 an: Es brennt die Welt.

ZEIT: Wie ist Ihr Verhältnis zu Peter Handke?

Peymann: Ich weiß nicht, ob er je eine Inszenierung von mir wirklich geliebt hat – mich hat er ja meistens beschimpft! Eigentlich sollte ich vor ein paar Jahren sein Stück Immer noch Sturm uraufführen, aber bevor es so weit war, haben wir uns dermaßen verkracht, dass die Inszenierung nicht zustande kam. Es hätte vor Schloss Versailles beinahe einen Faustkampf gegeben zwischen uns (Peymann lacht auf). Aber ich bin sehr glücklich, dass ich sein neues Stück inszenieren kann. In scheinbarer poetischer Verschlüsselung wissen Handkes Stücke viel mehr über den Zustand der Welt als die meisten aktuellen Stücke.

"Es herrscht ein Zustand der absoluten Verunsicherung"

ZEIT: Handke hat nicht nur Sie beschimpft – er hat auch mit dem gerade verstorbenen Luc Bondy sehr über dessen Handke-Inszenierung gestritten.

Peymann: Ich weiß das. Ach, Luc! Man hat so lange von diesem schönen, ewig jungen Theaterprinzen und seinem Kampf mit dem Tod gewusst, dass man den Tod in seiner Nähe fast als unbedrohlich empfunden hat. Deshalb war es ein Schock, von seinem Tod zu erfahren. Ich kenne ihn wahrscheinlich länger als irgendjemand sonst. Er bewarb sich bei mir als Regieassistent, da war er 20. Er war eine Ausnahmeerscheinung. Und die Ausnahmeerscheinungen werden immer weniger. Davon handelt das neue Stück Handkes: von der Einsamkeit, vom Elfenbeinturm, von der großen Sehnsucht – und von der Entscheidungsschlacht des Ich gegen alle!

ZEIT: Um dieses Stichwort einmal aufzugreifen: Haben Sie Angst vor einem Krieg?

Peymann: Ich habe wirklich Angst, dass unsere jungen Leute verheizt werden. Subkutan ist der Untergang beschlossen, der Widerstand dagegen findet nicht statt. Es herrscht ein Zustand der absoluten Verunsicherung – und zugleich der allgemeinen Ich-Show unter den jungen Leuten, was sie leicht zu Opfern werden lässt. Ich weiß nicht, wie das 1914 oder 1939 war – warum die Jungen damals so leicht zu Kanonenfutter werden konnten. Aber heute ... ein dritter Weltkrieg? Ich fürchte ihn wirklich – wenn er nicht schon längst im Gange ist.

ZEIT: Wie wappnet sich die Kunst für diese grimmigen Zeiten?

Peymann: Ich sehe: Die Schauspieler, die jungen Theaterleute sind so verdammt geschichtslos. Dies ist die bestinformierte Generation, die es je gab, mit ihrem Smartphone haben sie Zugriff auf alles, jeder hat in seinem Handy die British Library, und doch: Sie wissen nichts mehr. Es herrscht eine hochinformierte Blindheit und Unwissenheit.

ZEIT: Sind Sie sich dieses Befundes sicher?

Peymann: Vielleicht ist es nur mein Alter, was mich so reden lässt, vielleicht kann ich die neuen Impulse nicht mehr erkennen. Aber ich bin doch enttäuscht, mit wie wenig sich etwa im Theater die Hochbegabten zufrieden geben. Auch ein Herausragender wie Michael Thalheimer scheint mir in der Zuspitzung seines Stils nur am eigenen Zeug interessiert zu sein, an der Wiedererkennbarkeit seiner Arbeit, an der Schärfung der eigenen Marke – als ginge es um eine Automarke. Übermenschen im guten Sinn gibt’s nicht mehr – alles wird aufs Taschenformat reduziert, und dann ist politisch plötzlich wieder alles, jeder Rückschritt, möglich.