Ich wollte für ein paar Tage raus, vorweihnachtlicher Eskapismus ohne Reue. Also Finger weg von Twitter, automatische Mail-Antwort eingerichtet, den Posteingang würde ich allerhöchstens mal überfliegen. Ein lange verschobener Tantenbesuch im Rheinland zum vierten Advent stand an.

Die Tante ist Mitte achtzig, sie lebt im Altersheim, sieht und hört nur noch schlecht, ist aber geistig hellwach. Kaum hatte ich meine Geschenke überreicht, begann sie zu erzählen.

Alles war wieder da, als sei es gestern geschehen und nicht schon siebzig Jahre her: die Flucht auf Leiterwagen durch Pommern an die Ostsee; die sehnsüchtigen Lieder der Bauern (Nun ade, Du mein lieb Heimatland, es geht nun fort zum fremden Strand); die Tage und Nächte auf einem überfüllten Frachter ("tief unter Deck, wir wären als Erste ertrunken"). Die Fliegerbomben, die Notaufnahmelager, schließlich das Unterschlüpfen bei Verwandten in der Nähe von Halle – und auch die Erinnerung an den Hass, der den "Umsiedlern" dort vonseiten der deutschen Volksgenossen entgegenschlug ("Polacken haben sie uns genannt").

Was mich das ganze Jahr beim Zeitungmachen umgetrieben hatte – Flucht und Vertreibung –, kam mir nun als Urgeschichte meiner eigenen Familie entgegen. Warum hatten wir darüber nie geredet? Die Schrecken des Totalverlusts, die Mühen des Neuanfangs waren in unserer Familie von mächtigen Tabus umstellt. Man ließ die alten Geschichten lieber abgeschottet hinter einer Mauer der Scham. Wie beiläufig erwähnte die Tante nun, vor Kummer über die Entwurzelung habe sie irgendwann nur noch 31 Kilo gewogen. Ein Arzt musste sie mit Spritzen aufpäppeln.

Das hatte ich noch nie gehört. Warum haben wir darüber immer geschwiegen? Und warum geht das jetzt nicht mehr? Darin liegt für mich ein Schlüssel zu diesem verfluchten, beglückenden, aufwühlenden Jahr.

Es gibt diese Jahre, in denen man irgendwann zu wissen glaubt, was die Stunde geschlagen hat, was gerade zu Ende geht oder begonnen hat. 1989 war so ein Jahr, 2001 auch. Ende des Kalten Krieges, Beginn des "Krieges gegen den Terror".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015. Weitere Artikel von ZEIT-Mitarbeitern zum Thema "Was dieses Jahr mit uns gemacht hat" finden Sie in der aktuellen ZEIT.

Aber 2015? So viel Jahr war noch nie. Allein die ersten Wochen waren schon atemberaubend. Am 7. Januar töteten Terroristen in Paris beim Überfall auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt 17 Menschen, am 25. Januar gewann Alexis Tsipras die Wahl in Athen, am 26. Januar begann sich im ostukrainischen Debalzewe der Kessel um die ukrainischen Regierungstruppen zu schließen. Der Angriff der Dschihadisten auf unsere Freiheit, der Aufstand gegen die sogenannte Austeritätspolitik, die Drohung eines Stellvertreterkriegs mit Russland am Rande Europas – all das passierte gleichzeitig, als das Jahr noch kaum begonnen hatte.

Die Terroristen würden noch radikaler werden, der Aufstand gegen die Austerität aber sollte dann in einem Kompromiss enden, und auch der drohende Krieg mit Russland führte zu einem imperfekten, aber irgendwie doch funktionierenden Abkommen. Nichts davon hätte ich Ende Januar so erwartet: dass wir Ende des Jahres einen noch schlimmeren Angriff, wieder in Paris, erleben würden; dass ausgerechnet Tsipras nach einem Referendum gegen die Reformpolitik zu deren Vollstrecker werden würde; dass das Minsker Abkommen, im Februar geschlossen, bis dato hält.

Die Kämpfe haben erst begonnen

In diesem Jahr gab es nicht das eine Ereignis, das dem Jahr Gestalt verleiht. Das Neue ist die ungeheure Dynamik, zu der sich die Krisen verbinden. Sie fließen ineinander. Syrienkrieg, Dschihadismus, Flüchtlingsdrama, Krise der EU, Streit mit Russland – die Wechselwirkungen sind unübersehbar.

Assad und der "Islamische Staat" (IS) treiben die Menschen in die Flucht; die Länder auf der Balkanroute leiten sie durch; Deutschland reagiert mit einer Grenzöffnung; das wiederum bestärkt die rechten Parteien und die Einwanderungsgegner in den europäischen Nachbarländern; diese reagieren auf die deutsche Öffnung mit Abschottung; weil Deutschland infolgedessen in Europa keine Partner zur Verteilung der Flüchtlinge findet, wird ein Abkommen mit der Türkei zur Reduzierung der Fluchtströme geschlossen; Russland greift aufseiten Assads in den Syrienkrieg ein; die Koalition der USA verstärkt daraufhin die Angriffe auf den IS; die bedrängten Dschihadisten schalten verstärkt auf internationalen Terror – in Paris und gegen russische Touristen; dies wiederum führt zu einer Verstärkung des Bombenkriegs gegen den IS, in den sich nun auch Deutschland an Frankreichs Seite einschaltet, obwohl die Regierung in Berlin nicht an ein Gelingen glaubt; ein Friedensplan wird infolgedessen von den Vereinten Nationen ausgearbeitet; das Schicksal Assads, des Hauptverursachers der Krise, wird darin auf Betreiben Russlands ausgeklammert; die aufgewertete Türkei verstärkt unter dem Deckmantel des Antiterrorkriegs ihre Kampagne gegen die Kurden im eigenen Land, aus Angst vor mehr Autonomie für jene Gruppe, die bisher als einzige mit Bodentruppen gegen den IS kämpft.

Das ist der Stand Ende Dezember. Man braucht sehr viel Glühwein, um da entspannt ins nächste Jahr zu blicken.

Als Folge dieser Krisennormalität ist das Berichten gefährlich geworden. Wie oft habe ich beim Telefonieren mit Reporterinnen und Korrespondenten Sätze wie diese gehört: Wir mussten das Skype-Gespräch wegen der Fassbomben unterbrechen (Syrien). Oder: Hörst du das, da ist wieder die Artillerie. Sie beschießen eine Stellung da hinten (Ostukraine). Oder: Ich rufe dich gleich zurück, die Polizei verhaftet hier gerade einen Kollegen (türkisch-syrische Grenze).

Zum Glück ist für unsere Reporter alles gut ausgegangen. Sogar die von den chinesischen Behörden bereits 2014 verhaftete ZEIT-Mitarbeiterin Zhang Miao haben wir Anfang des Jahres freibekommen. Aber ein Gefühl der Ohnmacht und Wut über die Ungerechtigkeit und die Willkür stecken mir noch heute in den Knochen. Es ist normal geworden, dass wir uns mit kugelsicheren Westen (Kevlar oder Keramik?) beschäftigen, mit Notfallprotokollen und Krisenversicherungen für – Gott behüte – Entführungsfälle oder dergleichen. Wir müssen immer wieder den journalistischen Ertrag gegen die steigenden Risiken abwägen, und das nicht nur im Irak, in Syrien oder Nigeria. Die Türkei ist in puncto Pressefreiheit weltweit auf Rang 149 abgesunken. Trotzdem werden sich unsere Krisenreporterinnen und -reporter auch im nächsten Jahr wieder Gefahren aussetzen. Ihre Anschauungen sind ein Korrektiv zu unseren vorgefassten Meinungen, auf die wir nicht verzichten können. Wir brauchen eher mehr davon, aber ich habe oft das Gefühl, dass Teile des Publikums nicht mehr verstehen (wollen), welche Kosten, Mühen und Gefahren das mit sich bringt. "Lügenpresse" – wenn ich das Wort höre, schwillt mir der Kamm.

Ein hoher deutscher Diplomat hat mir erzählt, dass man ihm, als er im Nahen Osten zu Gesprächen unterwegs gewesen sei, mit einer gewissen Genugtuung vorgehalten habe, nun habe eine "post-postmoderne Politik" begonnen: Es gehe heute wieder um Blut und Landkarten. Das ist wohl wahr, aber die Flüchtlingskrise zeigt ja eben auch, wie wichtig die vermeintlich "weichen" Faktoren in der Weltpolitik heute sind: Es ist entscheidend, ob Menschen für sich und ihre Kinder eine Zukunft in Würde sehen. Staaten, die das missachten, verlieren ihre Legitimation, zerfallen in Bürgerkriegen und senden Millionen auf die Flucht.

Ich fürchte, das nächste Jahr wird hart werden, liebe Leser. Die Kämpfe haben erst begonnen.

Ausgerechnet das gebeutelte Griechenland ist auch als Transitland der Flüchtlinge gefordert. Euro-und Migrationskrise bieten überall in Europa den EU-Gegnern wunderbares Wahlkampfmaterial (siehe bereits Polen, Frankreich, Spanien, Großbritannien). Außer Deutschland gibt es kein Land in Europa mehr ohne mächtige (links- oder) rechtspopulistische Partei. Im gesamten Westen nimmt die Tragfähigkeit der politischen Mitte rapide ab. Die Versuchung des Autoritären, der "illiberalen Demokratie", hat von Trump über Orbán, Le Pen, Kaczynski und Erdoğan bis hin zu Putin immer neue Bannerträger. Die leere politische Mitte (nicht nur) im Westen – das wird womöglich das Thema des kommenden Jahres sein.

Allerdings konnte man in diesem Jahr Demut lernen, durchaus nicht nur durch all den unerwarteten Schrecken. Es gab sechs Verhandlungserfolge, die ich nicht für möglich gehalten hätte: Das Abkommen Minsk II hat den Krieg in der Ukraine eingefroren; Griechenland wurde in der Euro-Zone gehalten und erfüllt die Auflagen der Troika; die iranischen Atomanlagen werden nach dem Deal vom Juli zurückgebaut und kontrolliert; die Türkei hilft der EU, die Flüchtlingszahlen zu reduzieren; die Welt hat sich in Paris erstmals auf eine konsequente Bekämpfung des Klimawandels verpflichtet; Syrien hat einen ersten Friedensplan.

Unerwartet persönlich

Niemand glaubt, dass all das so funktionieren wird, wie es in den Abschlusskommuniqués steht, am allerwenigsten die beteiligten Politiker und Diplomaten. Weltpolitik in der neuen Krisennormalität, das ist, als müsste man auf hoher See ein Schiff umbauen.

Für mich ist die Geschichte am Ende dieses Jahres unerwartet persönlich geworden, und das hat viel mit Schiffbrüchen zu tun.

Es waren die Nachrichten von den Flüchtlingsbooten, die bei meiner Tante die ältesten Erinnerungen reaktivierten. Sie ist fast schon das Klischee einer konservativen älteren Dame und hat, soweit ich weiß, in ihrem Leben nichts anderes als CDU gewählt. Weil die Mehrheitsgesellschaft schon damals Flüchtlinge aus dem Osten wie sie ablehnte, reagierte sie mit bereitwilliger Anpassung. Sogar Karneval wurde gefeiert. Nur nicht auffallen, lieber im Mainstream mitschwimmen. Am Ende konnte man sie für eine Rheinländerin halten, von ihrem Hochdeutsch einmal abgesehen. Es war, als hätte es die Flucht nie gegeben. Niemand musste das wissen.

Jetzt aber konnte sie offenbar nicht anders, als ihr eigenes Schicksal in den flüchtenden Syrern, Afghanen und Afrikanern wiederzuerkennen. Die Flüchtlinge haben nicht nur das Meer und die Zäune um Europa überwunden, sie haben auch die innere Mauer in unserer Familie geschleift.

Die Tante ist so zerrissen wie viele im Land. Sie hat selbst Grenzen überquert (später noch einmal bei der zweiten Flucht aus der DDR in den Westen) und fürchtet sich doch heute vor dem Kontrollverlust durch ungebremste Einwanderung. Sie hält viel auf Merkel und hofft, dass sie nicht von den Folgen ihrer eigenen Politik hinweggefegt wird. In den Pegida-Leuten aber sieht sie die Wiedergänger der Hetzer, die damals in ihrer Jugend die zugewanderten Menschen aus dem deutschen Osten als "kulturlos", "volksfremd" und "slawisiert" heruntermachten.

An diesem adventlichen Abend im Altersheim kannte die Tante zu meinem Erstaunen die Daten jeder Zwischenstation ihrer Flucht auswendig. So redete sie beinahe vier Stunden lang pausenlos, und ich schrieb mit. Mein Fluchtversuch aus der Aktualität war gescheitert.

Ich dachte: In wie vielen Familien wird es wohl so zugehen in diesen besinnlichen Tagen? Da passiert etwas in Deutschland, das mir gefällt, auch wenn ich noch keinen Begriff dafür habe.

Ich verließ die Tante erschöpft, aber beschwingt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio