DIE ZEIT: Herr Kardinal, dürfen wir fragen, wie Sie Weihnachten gefeiert haben?

Gerhard Ludwig Kardinal Müller: An Weihnachten war ich, wo ich hingehöre, im Petersdom an der Seite des Heiligen Vaters. Mit meiner Hausgemeinschaft feiere ich Weihnachten immer mit Gebet, Gesang und der Lesung des Weihnachtsevangeliums, so wie es einem deutschen Gemüt guttut.

ZEIT: Die Christen haben ein dramatisches Jahr hinter sich. Was war für Sie 2015 das Wichtigste?

Kardinal Müller: Das Wichtigste für die Glaubenskongregation ist immer dasselbe: dass wir dem Heiligen Vater in seinem Lehramt dienen und uns auch um "Delikte" gegen die Glauben oder gegen die Heiligkeit der Sakramente kümmern müssen. Wir, das sind nicht nur die 45 Mitarbeiter in unseren drei Abteilungen Glaubenslehre, Disziplin und Ehefragen, sondern auch etwa 25 Kardinäle und Bischöfe als Mitglieder sowie 30 theologische Konsultoren in Rom.

ZEIT: Sie wurden von Papst Benedikt ins Amt des Glaubenspräfekten berufen. Was hat sich für Sie unter Papst Franziskus geändert?

Kardinal Müller: Meine Aufgabe ist unverändert. Die Kongregation dient im Auftrag des Papstes dem universalen Lehramt der Kirche – gemäß den approbierten Regeln und Statuten. Jeder Papst ist der Nachfolger des Apostels Petrus. Er stellt für die Einheit der Kirche im Glauben das "immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament" dar – so hat es das Zweite Vatikanische Konzil bestimmt. So wie aber Petrus als ein individueller Mensch mit seinen Stärken und Schwächen von Jesus berufen wurde, so sollen auch die Päpste ihre Mission mit ihrer Persönlichkeit ausfüllen. Sie sind keine austauschbaren Funktionäre. Die beiden Päpste, für die ich die Arbeit der Kongregation koordiniere, sind verschiedene Menschen. Das bereichert die Kirche.

ZEIT: Papst Franziskus ist angetreten, seine Kirche und insbesondere die Kurie zu erneuern. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Kardinal Müller: Erneuerung der Kirche kann nicht das spezielle Programm eines einzelnen Papstes sein. Sie ist die permanente Aufgabe eines jeden Christen, der über eine bloß äußerliche Anhänglichkeit an das Christentum hinaus ein wahrer Anhänger Christi werden will. Es gibt aber auch epochale Herausforderungen, auf die die Kirche jeweils in ihrer Zeit antworten muss.

ZEIT: Und was heißt das für die Kurie, deren "Krankheiten" der Papst zu Weihnachten 2014 auflistete?

Kardinal Müller: Wer genau hingehört hat, der merkte, dass er selbst zur Gewissenserforschung eingeladen war. Der Papst sprach von geistlichen Versuchungen wie ein Exerzitienmeister in der Tradition seines Ordensvaters, des Heiligen Ignatius von Loyola. Niemand solllte sich dadurch in seinen Vorurteilen und Klischees bestätigt fühlen. Die Kurie ist ein Hilfsinstrument für die Regierung der Kirche. Sie steht nicht im Zentrum der Kirche. Wo immer die Eucharistie gefeiert wird, ist das Zentrum auch in einer ärmlichen Urwaldhütte. Die überproportionale mediale Aufmerksamkeit ausgerechnet für die Kurie anstatt für das Evangelium ist der beste Beweis: Ein Perspektivenwechsel ist nötig! Die Kurienmitarbeiter müssen vom Geist Petri erfüllt sein und in den Päpsten ihm dienen. Nur wer trotz aller eigenen Schwächen mit Petrus zu Jesus sagen kann "Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe", der kann auch seinem Nachfolger, dem Papst, mit vernünftigem Rat und Urteil zur Seite stehen.

ZEIT: Der römische Reformprozess, insbesondere die Reform der Finanzen, macht immer wieder Schlagzeilen. Zuletzt standen Sie selbst in der Bild-Zeitung.

Kardinal Müller: Das geht an mir vorbei. Ich bin nicht zum Präfekten der Glaubenskongregation berufen worden, um mich um ein sekundäres Thema wie die sogenannten "Finanzen des Vatikans" zu kümmern, zumal in seinen weltlichen Institutionen, die nicht zu Kurie gehören. Da gibt es andere, die das besser können und lieber machen. Seit 1965 ist unsere Kongregation fast vollständig von der Verwaltung ihrer einst beträchtlichen Güter befreit, um sich ganz ihrer geistlichen und theologischen Mission zu widmen.

ZEIT: Gab es tatsächlich eine Haussuchung in der Glaubenskongregation? Und einen ominösen Geldfund von 20.000 Euro?

Kardinal Müller: Die investigativen Phantastereien in der Yellow-Press sind sachlich haltlos und dienen nur der Störung unseres eigentlichen Auftrags. Bezeichnend ist nur, wie bereitwillig das Lächerliche statt des Ernsthaften geglaubt wird. Wir haben eine Freudenbotschaft für die Menschen guten Willens und nicht eine Schadensfreudenbotschaft für die Hämischen.

ZEIT: Ihre Kongregation ist die älteste in der Kurie. Einst war sie in ganz Europa gefürchtet als Heilige Inquisition. Warum gibt es sie noch immer?

Kardinal Müller: Die heutige Kongregation für die Glaubenslehre ist nicht nur dem Namen nach, sondern auch der Aufgabenstellung nach von der alten Römischen Inquisition verschieden. Sie besteht in dieser Form seit 1965, weil der Papst auch heute die Universalkirche nicht allein leiten kann, sondern sich dazu der Hilfe der Römischen Kirche bedient. Seit dem 16. Jahrhundert hat das Kardinalskollegium, das vorher für alle Fragen gemeinsam zuständig war, einzelne Abteilungen gebildet. Heute gibt es zehn Kongregationen, eine neue für Ehe und Familie wurde gerade gegründet. Es stimmt: Als im Jahre 1542 unsere Kongregation entstand, waren die Zeiten für die katholische Kirche schwierig, die Päpste bekämpften die reformatorischen Bewegungen und diese den Papst. Zur historischen Inquisition wären die geschichtlichen Fakten und die antikatholischen Legenden kritisch zu unterschieden. Aber heute leben wir nicht mehr im Zeitalter des Konfessionalismus, sondern im Zeitalter der Ökumene!

ZEIT: Das sagen Sie als Hüter der Glaubenslehre?! Was heißt denn Ökumene?

Kardinal Müller: Ökumene heißt, dass die Christen verschiedener Konfessionen versuchen, das Gemeinsame zu entdecken und zusammen Zeugen für Jesus Christus zu sein.

ZEIT: Trotz des Satzes im Glaubensbekenntnis Ihrer Kirche: "Ich glaube an die heilige katholische Kirche"?

Kardinal Müller: Das Attribut "katholisch" kommt in allen Glaubensbekenntnissen der Christenheit lange vor der Trennung des 16. Jahrhunderts vor. Doch gerade die beträchtlichen dogmatischen und liturgischen Unterschiede zeigen: Der Weg auf eine größere Einheit hin ist notwendig.

"Dogmatik und Pastoral eigenen sich nicht für Machtspiele"

ZEIT: Was ist noch übrig aus der Anfangszeit?

Kardinal Müller: Das, was man eben nicht mit den Namen Galileo Galilei und Giordano Bruno verbindet. Es ging  damals bei dem entstehenden neuen Naturverständnis um  die Kompetenzabgrenzung zwischen empirischen und philosophischen und theologischen  Wissenschaften. Heute geht es um theologische Arbeit im Dienste des Lehramtes, um die Auseinandersetzung mit großen geistesgeschichtlichen Wenden. Trotz allem, was die Leute mit dem Wort "Inquisition" noch fantasiemäßig verbinden: Unsere Kongregation hat einen Wesenswandel mitgemacht und ist nicht mehr in erster Linie ein Gericht. Seit dem Zweiten Vatikanum ist es unsere vornehmliche  Aufgabe, die Glaubenslehre, ihr Verständnis und ihre Vermittlung zu fördern. Dafür haben wir zwei internationale Kommissionen, eine für systematische Theologie, die andere für biblische Theologie. Ihre Themen werden meistens vom Papst selber vorgegeben – oder die Mitglieder schlagen sie vor.

ZEIT: Sie sind nun schon einige Jahre in Rom. Haben Sie sich als Deutscher hier eingelebt?

Kardinal Müller: Deutschland mit seiner Kultur, seiner Sprache und Geschichte, meinen Freunden und Verwandten bleibt meine Heimat. Ich habe mich nicht aus Gründen des Fernwehs oder einer exotischen Liebe zu Italien hier niedergelassen, sondern weil ich zu einem besonderen Dienst berufen worden bin. Die pastorale Tätigkeit als Priester und Bischof füllt mich übrigens mehr aus als Aktenstudium, Texteschreiben oder gar Prozesse führen. Aber die Anknüpfung an meine langjährige wissenschaftliche Arbeit ist auch schön, wenn wir etwa in der Bibelkommission Aktuelles diskutieren.

ZEIT: Was schätzen Sie am neuen Papst besonders?

Kardinal Müller: Bei der Antwort auf solch persönliche Fragen werde ich in letzter Zeit immer vorsichtiger. Ich habe die Erfahrung gemacht, was da alles hinein fantasiert wurde. Aber mich freut sein Eintreten für die Armen. Und mich freut das unerschrockene Festhalten an der Tatsache, dass die Peripherie, theologisch gesprochen, nicht der Rand, sondern die Mitte ist. Die Hoffnung der Menschheit ist Jesus Christus – und nicht die Börse von New York. Der Glaube, und wenn er klein ist wie ein Senfkorn, trägt für immer. Und das Geld, auch in den größten Säcken, können wir nicht mitnehmen.

ZEIT: Sie sind mit einem großen Befreiungstheologen befreundet und haben erst jüngst ein Buch mit ihm über Armut geschrieben. Warum?

Kardinal Müller: Das Engagement und das Lebenswerk von Gustavo Gutierrez schätze ich nicht deswegen sehr, weil man damit in linksliberalen Kreisen in Deutschland punkten könnte, sondern weil ich mich von der segensreichen Wirkung der richtig verstandenen Befreiungstheologie bei zirka 20 längeren Aufenthalten in Lateinamerika mit eigenen Augen überzeugen konnte. Anlässlich meiner Kardinalserhebung habe ich statt Geschenken Spenden von über 160.000 Euro bekommen – und für dortige Hilfsprojekte überweisen können.

ZEIT: In Deutschland werden Sie oft als Konservativer wahrgenommen und auch kritisiert. Stört Sie das Etikett?

Kardinal Müller: "Konservativ" ist ein Schlagwort, um einen vermeintlichen Gegner herabzusetzen. Oder man möchte sich selbst – gemäß einem linearen Fortschrittsglauben – als Avantgardist strahlend hervorheben. In der Kirche geht es jedoch um die treue Bewahrung des Wortes Gottes und zugleich um die aktuelle Verkündigung  des Evangeliums. Wir sollen jedem Rede und Antwort stehen, der uns nach dem vernünftigen Grund unserer Hoffnung fragt. Das ist das dynamische, dialogische und missionarische Moment in der apostolischen Überlieferung. Ihr Inhalt ist die Gegenwart Gottes in seinem WORT. In ihm findet unsere Suche nach Wahrheit und Leben ihr Ziel.

ZEIT: Die Glaubenskongregation definiert auch heute, was wahr, also katholisch ist. Und sie sanktioniert gegebenenfalls, was unkatholisch ist, etwa durch Entzug der Lehrbefugnis.

Kardinal Müller: Es ist das Lehramt von Papst und Bischöfen, die Bekenntnisaussagen der Kirche zu definieren. Unsere Kongregation steht in ihrem Dienst. So schützen wir weiterhin den Glauben gegenüber Irrlehren oder schismatischen Tendenzen. Und wir müssen gegen die innere Säkularisierung der Kirche unsere Stimme erheben. Jesus fragt: Für wen haltet ihr mich? Und Petrus antwortet im Namen der ganzen Kirche: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. – Das ist die Mitte und der Grund unseres Bekenntnisses. Das darf nicht abgeflacht werden.

ZEIT: Was heißt abflachen?

Kardinal Müller: Wenn einer sagt: Na ja, das Christentum ist eine Sammlung menschlicher Werte, die ein bisschen religiös gefühlvoll untermalt werden. Dann sage ich: Schön, aber das ist nicht die Substanz des christlichen Glaubens!

ZEIT: Sondern?

Kardinal Müller: Dass Jesus von Nazareth wahrer Gottes und wahrer Mensch ist, Gottes ewiges Wort, das "unser Fleisch" angenommen ist – mit allen Abgründen, mit der Sterblichkeit. Aber er ist auch der Grund unserer Erlösung von Sünde und Tod. Er hat das Tor zum ewigen Leben geöffnet. Die Glaubenskongregation soll die innere Stimmigkeit dieses Bekenntnisses bewahren. Sie betreibt sozusagen die Qualitätssicherung jeder Theologie, die auf der Grundlage des katholischen Glaubens steht.

ZEIT: Finden Sie das nach zwei Jahren heftigen Streites der katholischen Bischöfe über Ehe und Familie schwieriger als zuvor?

Kardinal Müller: Die Bischofssynode war anstrengend, weil es um das ging, was uns von Gott im Sakrament der Ehe vorgegeben worden ist und wie dies unter den heutigen Lebensverhältnissen treu gelebt werden kann. Die Ehe ist eine Idee  Gottes, die er selbst kraft der Schöpfung und Erlösung in die zweigeschlechtliche Natur des Menschen und in sein gnadenhaftes Gottesverhältnis real eingeprägt hat. Aber dies ist kein soziologisches Modell der Vergangenheit, das den Menschen von außen auferlegt oder gar aufgedrängt werden soll. Glaubensakt und Glaubensinhalt verhalten sich zueinander wie Fahrtziel und Fahrtzielbestimmung mit einem unfehlbaren Navigationssystem. Wir mussten zeigen: Es ist der von Gott in unsere Landkarten eingezeichnete Weg, der zur Vollendung in der Liebe führt.

ZEIT: Was ist Liebe?

Kardinal Müller: Keine bloße Möglichkeit, leibliche oder seelische Bedürfnisse zu befriedigen, sondern die personale und ganzheitliche Begegnung von Mann und Frau als höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens. Die Bibel sagt vom Mann, er werde Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden. Das ist kein bloß sozialer Vorgang oder sexuelles Begehren, sondern ein geistiger und personaler Vollzug, ein vollkommenes und endgültiges Sich-Anvertrauen. Dieses Evangelium von der Ehe wollten wir wieder zum Leuchten bringen.

ZEIT: Die Umfrage des Vatikans unter den Katholiken der Welt hatte ergeben: Ja, das Ideal gilt noch, aber die Realität ist anders. Da wollen homosexuelle Katholiken zusammenleben, da wollen Geschiedene am Abendmahl teilnehmen. Sind Sie stolz, dass nach langem Dissens der deutschsprachige Synodenzirkel einen Kompromiss gefunden hat?

Kardinal Müller: Das war kein Kompromiss. Das wäre in falsche Kategorie, weil der Glaube nicht die Kombination von menschlichen Meinungen über Gott ist, sondern Gehorsam der ganzen Kirche gegenüber dem Wort Gottes. Es bleibt das Wesen der Ehe, zu einer Person des anderen Geschlechtes Ja sagen zu können, ausschließlich und für immer. In der Ehe lassen sich Liebe und Leiblichkeit, Treue und Sexualität nicht trennen. Daran ändern auch verweltlichte Ideen vom Christentum nichts. Selbst wenn menschlich gesehen die Partner sich auseinanderleben, besteht die sakramentale Ehe aus Ausdruck der größeren Treue Gottes trotzdem fort. Das geht über rein menschliches Verstehen hinaus.

ZEIT: Papst Franziskus weist immer wieder darauf hin, dass nicht die Doktrin, nicht die Glaubenslehre, sondern Jesus und seine Barmherzigkeit im Zentrum des Christseins stehen. Stimmen Sie ihm zu?

Kardinal Müller: Papst Franziskus pflegt seinen eignen Stil in Predigt und Seelsorge, der Millionen von Menschen überzeugt. Er betont aber immer wieder, dass alle seine Aussagen und Gesten im Rahmen des katholischen Glaubensbekenntnisses auszulegen sind. Die Glaubenslehre ist keine von Menschen konstruierte Theorie. So bedeutsam die Philosophie und die wissenschaftliche Forschung für das Verständnis der geoffenbarten Wahrheit Gottes auch sein mögen: Jesus ist in seiner Person Lehrer und Lehre vom Reich Gottes. Die Glaubenslehre bedeutet nichts anderes als das Wort Gottes – im Bekenntnis und im Leben der Kirche.

ZEIT: Was ist die Kirche?

Kardinal Müller: Die Kirche ist Haus und Volk Gottes, ist Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes. Sie ist also etwas ganz anderes als eine Assoziation von Menschen, die ihre Ideale in einem Idol personifizieren. In der Kirche spricht und handelt Christus selbst. Wer Papst Franziskus richtig versteht, der überwindet Einseitigkeiten und Verkrampfungen. Keineswegs baut er neue Gegensätze auf. Glauben und Leben, Bekenntnis zur Person Jesu und die Überzeugung von der Realität der Werke Gottes, wie wir sie im Credo bekennen, sind zwei Seiten derselben Medaille.

ZEIT: Der Papst hat die Ehe-Annullierungsverfahren erleichtert.

Kardinal Müller: Es wurden schon immer Ehen, die nach dem kirchlichen Ritus geschlossen wurden, im Nachhinein als ungültig anerkannt, wenn konstitutive Elemente  gefehlt hatten. Der Papst hat jetzt in einer neuen Bestimmung, die seit dem 8. Dezember in Kraft ist, die Möglichkeit der Annullierung konkreter gefasst. Er hat sie den heutigen Gegebenheiten angepasst – ohne die Unauflöslichkeit der Ehe anzutasten. Jesus sagt, der Heilswille Gottes ist der Weg, der zum Ziel führt, auch wenn er schwierig erscheint. Für uns Katholiken und auch für die evangelischen Christen ist das Wort Gottes die Wahrheit. Und in Wahrheitsfragen gibt es keinen Kompromiss. Denn wir sind nicht die Verhandlungspartner Gottes, sondern Hörer seines Wortes.

ZEIT: Dreihundert Synodenväter haben drei Wochen lang debattiert. Was die Wahrheit ist, scheint doch strittig gewesen zu sein.

Kardinal Müller: Auf einer Synode katholischer Bischöfe kann die Offenbarung mit den von der Kirche bereits definierten Glaubenswahrheiten der Substanz nach nicht in Frage gestellt werde. Es ging um die pastorale Umsetzung. Ich weiß, dass es Spaß macht, die einen gegen die anderen auszuspielen und – nach altbewährtem Muster – der Glaubenskongregation den Schwarzen Peter in die Hand zu drücken. Die Deutschen brauchen immer einen Buhmann, um ihre antirömischen Affekte abzureagieren, da eignet sich der Präfekt als Zielscheibe. Wie beruhigend, dass man selbst schon soviel weiter ist. Aber Dogmatik und Pastoral eigenen sich nicht für Machtspiele und Imponiergehabe. Es geht um die Wahrheit des Evangeliums und um das Heil der Menschen.

ZEIT: Namentlich zwischen Ihnen und dem Kurienkardinal Walter Kasper soll es zuvor theologische Differenzen gegeben haben.

Kardinal Müller: Kardinal Kasper und auch meine Wenigkeit sind katholische Theologen, die von der Tatsache der Selbstoffenbarung Gottes in Christus ausgehen. Wir sind aber keine Politiker, die Interessen miteinander ausgleichen. Als Bischöfe sind wir verpflichtet, der Wahrheit Gottes und den Menschen in ihrer Heilssuche gerecht zu werden. Der Glaube ist kein von Menschen gemachtes Parteiprogramm, das man jeweils dem Wählerwillen anpassen muss.

ZEIT: Trotzdem wurde über die Frage, was nun die Wahrheit sei, in der Kirchengeschichte immer gestritten, auch mit Waffen. Gottseidank ist sind die blutigen Zeiten vorbei. Wir erleben jetzt einen Papst, der immer wieder betont, die Wahrheit müsse gesucht werden. Sie ist also kein Besitz ist, den man nur verteidigt. Was dann?

Kardinal Müller: Zweifellos ist die Wahrheit kein Besitz zu unserer Verfügung, sondern ein Schatz, der der Kirche anvertraut worden ist. Die Kirche ist kein Philosophenklub, der sich der Wahrheit annähert, sondern die Offenbarung ist uns gegeben, um sie zu bewahren und treu auszulegen. Die Wahrheit will nicht nur  gesucht werden. Sie verlangt auch die Entscheidung zu ihr. Nicht feinsinnige Distanz gibt dem unruhigen Herzen seinen Frieden, sondern nur die Wahrheit, von der ich mich ergreifen lasse, macht mich frei. Ob Jesus Christus der Sohn Gottes und dem Vater wesensgleich ist oder nur das bestgelungene Geschöpf Gottes, darüber wurde im 4. Jahrhundert  heftig gestritten. Das war die Scheidelinie zwischen Orthodoxie und Häresie. Wer heute als Skeptiker und Agnostiker die Möglichkeit der Offenbarung ablehnt, dem erscheinen diese Auseinandersetzungen nur als ideologisch verbrämte Machtkämpfe oder als Ausdruck eines unaufgeklärten Bewusstseins.

ZEIT: Woher wissen Sie, was die Wahrheit ist?

Kardinal Müller: Indem wir die Heilige Schrift als Wort Gottes nach den Regeln einer theologischen und historischen Hermeneutik auslegen. Da geht es nicht um konservative oder liberale Auslegungsvarianten. Es geht auch nicht um religiösen Gesellschaftskitt, der eine von Menschen ausgedachte Werteordnung legitimiert durch vage Hinweise auf Transzendenz, sondern um den Geist Gottes, der die Kirche seit 2.000 Jahren in der Wahrheit seines Wortes erhält.

ZEIT: Und sich verändert. Der Papst hat es eben erst in seiner Weihnachtsansprache gesagt: Ecclesia semper reformanda!

Kardinal Müller: Aber nicht, um den Leuten zuliebe etwas Schönes und Nettes zu sagen, nicht um  in Hochglanzmagazinen als Mann des Jahres gefeiert zu werden, sondern aus Treue zu Jesus Christus. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Und die Kirche verkündet keine andere Botschaft als jene, die ihr von ihrem Herrn übertragen worden ist. Wir haben keine Theorie der Entwicklung von Dogma, Sakrament und Liturgie, die den Inhalt des Glaubens als bloße Spiegelung des sich wandelnden  subjektiven Bewusstseins von Personen und Kollektiven relativiert. In der Geschichte bleibt Gottes Wort ein für allemal gegenwärtig, das  im  lebendigen Glaubensleben der Kirche sich ausprägt und in seinem ganzen Reichtum entfaltet. Insofern haben wir eine einzigartige Synthese vom Bleiben der Kirche in der Wahrheit und vom Wandel ihres Ausdrucks. Wir müssen das Wort Gottes verkünden, ob es gelegen oder ungelegen erscheint. Wir setzen unsere Hoffnung auf den unsterblichen Gott, nicht auf wankelmütige Menschen.

"'Religiös begründete Gewalt' ist ein Widerspruch in sich"

ZEIT: Kritiker des neuen Papstes werfen ihm vor, die Lehre gering zu schätzen und seiner Kirche zu schaden. Es gibt sogar Katholiken, die beschimpfen ihn als Häretiker. Was entgegnen Sie ihnen?

Kardinal Müller: Nicht nur von Amts wegen, sondern auch aus persönlicher Überzeugung muss ich widersprechen. Häretiker im Sinn der theologischen Definition ist ein Katholik, der hartnäckig eine geoffenbarte und von der Kirche zu glauben vorgelegte Wahrheit leugnet. Etwas ganz anderes ist es, wenn auch die offiziell bestellten Lehrer des Glaubens sich vielleicht unglücklich, missverständlich oder vage ausdrücken. Das Lehramt von Papst und Bischöfen steht nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm. So hat es das II. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung gesagt. Da Papst und Bischöfe also keine neue Offenbarung empfangen, müssen sie sich gründlich und mit Hilfe der theologischen Wissenschaften "um ihre rechte Erhellung und angemessene Darstellung bemühen". Auch dies formuliert das Zweite Vatikanum. Die Kirchengeschichte enthält einige Beispiele dafür, dass es dabei nicht immer nur gemütlich zuging. Päpstliche Verlautbarungen haben übrigens einen unterschiedlichen Verbindlichkeitsgrad – angefangen von einer letztverbindlichen Entscheidung ex cathedra bis zu einer Homilie, die  eher der geistlichen Vertiefung dient.

ZEIT: Ist es wahr, dass ihre Kongregation Anzeigen wegen Häresien des Papstes entgegennehmen musste?

Kardinal Müller: Nein! Denn die Kongregation dient dem Papst in seinem Amt, um einen Irrtum im Glauben zurückzuweisen. Im Mittelalter diskutierte man den Fall, ob der Papst als Einzelperson (nicht als Amtsperson!) zum Häretiker werden könnte. Auch wurde vor dem Ersten Vatikanum der historische Streit um die Rechtgläubigkeit einzelner Päpste gegen das Unfehlbarkeitsdogma ins Feld geführt. Das sind heute aber mehr theoretische Fragen. Der ernst zunehmende Kern des Themas besteht in der Glaubenseinsicht: Eine Lehre wird nicht wahr, weil der Papst sie verkündet. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: der Papst  verkündet sie, weil sie geoffenbart ist.

ZEIT: Und wie steht es mit dem Gewissen der Gläubigen?

Kardinal Müller: Formaler Gehorsam gegenüber einer letztinstanzlichen Lehrentscheidung des Papstes und des ökumenischen Konzils ist dem inhaltlichen Gehorsam gegenüber Gottes Wort zu- und untergeordnet.

ZEIT: Wo verläuft die Grenze zwischen diesem Wahrheitsanspruch und purem Fundamentalismus?

Kardinal Müller: Fundamentalismus war ursprünglich eine Form der buchstäblichen Bibelauslegung. Wir wissen aber: Das Wort Gottes ergeht an uns im Menschenwort. Beides ist nicht identisch, wenn auch untrennbar. Deshalb kann man im Licht des gesamten Glaubens an Gottes Offenbarung im Alten und Neuen Testament nicht ein paar Einzelstellen ohne Berücksichtigung ihres historischen Kontextes  heranziehen, um die im natürlichen Sittengesetz begründete Religions- und Gewissensfreiheit einzuschränken. Wir verlangen nicht vom Staat, dass er mit seinen Mitteln die Zustimmung zu einem bestimmten Glauben durchsetzt. Zurecht aber können alle Bürger von ihrem Staat den Schutz ihrer Menschenrechte inklusive der individuellen und gemeinschaftlichen Religionsfreiheit erwarten. Fundamentalismus im Sinne von Gewalt gegen andere im Namen Gottes ist im Grunde anti-christlich und unmoralisch. Denn wer im Namen Gottes andere Menschen an Seele und Leib verletzt, handelt gegen den Willen Gottes, der der Schöpfer eines jeden Menschenlebens ist. 

ZEIT: Trotzdem wurde und wird im Namen Gottes gemordet.

Kardinal Müller: "Religiös begründete Gewalt" ist ein Widerspruch in sich. Terrorakte und Selbstmordattentate sind nicht nur ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern ein Sakrileg gegenüber Gott als Schöpfer. Das gilt für alle drei Religionen Judentum, Christentum und Islam. Ich nenne ausdrücklich den Islam, weil dort Allah als Schöpfer des Lebens, Allerbarmer und als der Allbarmherzige gepriesen wird. Und niemand kann das Tun des Bösen legitimieren, weil Gott der Urheber alles Guten ist. Religion als natürliche Tugend ist Gottesverehrung. Christlich konkretisiert sie sich als Gottes- und Nächstenliebe. Liebe aber heißt immer, für und nicht gegen andere da zu sein.

ZEIT: Die Dschihadisten machen also einen Denkfehler?

Kardinal Müller: Im Islam gibt es jedenfalls erstzunehmenden Autoritäten, die meinen, Gewalt sei ein innerer Widerspruch zum Kern des muslimischen Glaubens. Wer in der ersten Sure an Gott, den Barmherzigen, glaubt, kann die Suren, die zur Gewalt gegen Ungläubige auffordern, nur so verstehen, dass sie Ausdruck der menschlich bedingten Interpretation des Korans, nicht aber des Willens Allahs sind. Es erhebt sich die Frage: Welche von Gott selbst legitimierte Autorität unterscheidet zwischen authentischer und falscher Auslegung der Offenbarungsurkunde?

ZEIT: Haben Sie das Argument schon bei muslimischen Kollegen ausprobiert?

Kardinal Müller: Ich bin da zurückhaltend. Denn ich will die Autoritäten des Islam nicht von der Aufklärung her wie von einem höheren Standpunkt aus belehren. Nach dem Motto: Wir sind fortgeschrittener, die andern sind im "Mittelalter" steckengeblieben. Das wäre paternalistisch und kontraproduktiv. Meines Erachtens muss es möglich sein, aus den inneren Prinzipien des Islam Respekt gegenüber Andersgläubigen zu entwickeln und ihr gottgegebenes Leben anzuerkennen – einschließlich ihrer Gewissensfreiheit. Es müssten die islamischen Gelehrten und Politiker eindeutig und verbindlich zeigen, dass Gewalt dem Willen Gottes diametral widerspricht. Gewaltlegitimierung gehört nicht zu den fünf Säulen des Islam: Gott zu bekennen, zu beten, Almosen zu geben, zu fasten, nach Mekka zu pilgern.

ZEIT: Die Gewalt ist dem religiösen Wahrheitsanspruch also nicht inhärent?

Kardinal Müller: Laizisten hätten das gern. Sie wollen die Religion, in welcher Form auch immer, gewaltsam aus der Öffentlichkeit verdrängen, getreu ihrem eigenen Dogma, Religion sei Privatsache. Das widerspricht aber dem Menschenrecht auf freie Religionsausübung diametral. Wer behauptet, die Wahrheit führe zur Gewalt, macht sich selbst der Gewalt gegen die Wahrheit schuldig. Wahrheit bedroht nicht, sondern bietet die Grundlage für jede individuelle Moral und Sozialethik. Im christlichen Verständnis bleibt auch die geoffenbarte Wahrheit Gottes unbegreifliches Geheimnis. Sie bleibt ein Mysterium, dessen man sich nicht rationalistisch  bemächtigen kann und das auch keinen absoluten Herrschaftsanspruch von Menschen über Menschen im Namen Gottes legitimiert.

ZEIT: Wie kann ein Geheimnis zugleich eine Wahrheit sein?

Kardinal Müller: Die Erkenntnis Gottes in seiner Offenbarung ist nicht von der Art einer mathematischen Weltformel, eines entschlüsselten genetischen Codes et cetera. Nur im Lichte des Glaubens und mit freier Zustimmung erschließt sich Gott als Wahrheit und Leben. Eine positivistisches Verständnis der Offenbarung, das Zustimmung erzwingen will,  widerspricht der bleibenden Transzendenz Gottes und der Endlichkeit menschlicher Vernunft. Wir können ohne das vom Heiligen Geist eingegossene Licht des Glaubens Gottes Wort nicht erkennen. Was Offenbarung überhaupt ist und wie sie vom Menschen aufgenommen wird, ist übrigens im Judentum und Christentum einerseits und im Islam andererseits signifikant verschieden.

ZEIT: Was sagen Sie einem Kämpfer des "Islamischen Staates", der Ihnen entgegenhält, Ungläubige zu bekämpfen sei der Wille Gottes?

Kardinal Müller: Dass der Wille Gottes niemals gegen sein Wesen als Güte und sein immer barmherziges Verhalten steht. Wir hatten im sogenannten Voluntarismus  auch die absurden Vorstellungen vom absoluten Willen Gottes, wonach das Gute nicht sein Wesen repräsentiert, sondern der Ausdruck seines Willkürwillens sei. Etwa: Nicht weil etwas gut ist, will es Gott, sondern weil Gott etwas will, ist es gut. Das hätte aber die jeder Beschreibung spottende Konsequenz: Wenn Gott wollen würde, dass ich meine Mutter umbringe, müsste ich es tun. Papst Benedikt hat in seiner Regensburger Rede dagegen gehalten, dass Gott die Wahrheit und die Gutheit, die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit, zugleich sei. Weil Gott Liebe ist, darum ist Glaube in Freiheit möglich.

ZEIT: Benedikt XVI. wurde für diese Rede heftig kritisiert.

Kardinal Müller: Sie war aber vorausschauend! Papst Benedikt erklärte: Wir können die Wahrheit nur bezeugen, sind aber niemals ermächtigt, sie anderen aufzudrängen oder sie mit Drohungen aufzuzwingen. Glauben als Lebensgemeinschaft mit Gott kann nur in Freiheit gelingen. Kurz: Glaube und Zwang schließen einander aus. Auch wenn  Christen, Anders- und Ungläubige das nicht zu allen Zeiten so gesehen haben. Verabsolutierte und gewaltsam aufgedrängte Wahrheit ist keine Wahrheit, sondern Ideologie – so auch im Tugendterror der Jakobiner oder in heutigen Formen von Gehirnwäsche  und medialer Umerziehung.

ZEIT: Sie sind unter anderem Mitglied der Kongregation für die orientalischen Kirchen. Was müssen wir Christen in Europa für die verfolgten Christen in Nahost jetzt tun?

Kardinal Müller: Den verfolgten Christen, die vor der gewaltsamen Auslöschung ihrer 2.000-jährigen Tradition im Morgenland stehen, können wir helfen mit Gebet und Tat. Vor allem müssen wir uns auch politisch einsetzen für die Garantie der Religionsfreiheit in allen Staaten mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung. Deswegen habe ich 2015 in Dresden zusammen mit einem muslimischen Vertreter die Laudatio für den Präsidenten vom Senegal, Macky Sall, gehalten: Er müht sich um ein friedliches Zusammenleben der Religionen in seinem Staat und will zeigen, dass dies auch mit der muslimischen Tradition vereinbar ist.

ZEIT: Der Papst hat kürzlich den Protestanten in Rom einen Abendmahlskelch geschenkt. Heißt das, beide Kirchen können das Abendmahl zusammen feiern?

Kardinal Müller: Es war ein Zeichen der Hoffnung, dass der Tag komme, an dem die volle Einheit der sichtbaren Kirche erreicht sein wird: im Glaubensbekenntnis, in den sakramentalen Heilszeichen und in der bischöflichen Verfassung mit dem Papst an der Spitze.

ZEIT: Die Protestanten sollen den Papst anerkennen?

Kardinal Müller: Volle Einheit der Kirche ist nach katholischen Verständnis nur  mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich. Deshalb ist der Primat des Papstes ein klassisches Thema der ökumenischen Theologie. Missverständnisse kommen aber immer wieder auf, weil man nicht berücksichtigt, dass es leider, aber tatsächlich zwischen Katholiken und Protestanten ein unterschiedliches Kirchenverständnis gibt. Diese Unterschiede sind nicht nur theologisch-konzeptioneller, sondern bekenntnismäßiger Natur. Und das ist eben der wichtigste Gegenstand des ökumenischen Dialogs: Er soll nicht den Status quo festschreiben oder "bunt- und schönreden", sondern die ökumenische Bewegung auf ihr Ziel hinführen, nämlich die sichtbar institutionelle Einheit der Kirche.

ZEIT: Sie selbst kennen das protestantische Denken seit langem sehr gut, schon von Ihrer Promotion über Dietrich Bonhoeffer her. Was sollten evangelische und katholische Kirche tun, um die Ökumene voranzutreiben?

Kardinal Müller: Dietrich Bonhoeffer lebte in einer Zeit, als sich die katholische und evangelische Welt noch unverbunden und oft schroff im gemeinsamen Vaterland gegenüberstanden. Gerade der nationalsozialistische Wille zur Entchristlichung Deutschlands und zur Vernichtung des Christentums überhaupt hat seiner Absicht zum Trotz eine Ökumene des gemeinsamen Zeugnisses auf den Weg gebracht.

ZEIT: Und heute?

Kardinal Müller: Papst Franziskus spricht von einer Ökumene des Blutes der Märtyrer verschiedener Konfessionen, das ineinanderfließt und gemeinsam zum Himmel schreit. Aber es  ist nicht ein Schrei nach Rache, sondern ein mächtiger Ruf der Verherrlichung Gottes. Das Blut der Märtyrer ist ein Zeugnis für die Versöhnung, die sogar unter Feinden möglich ist. Denn in Christi Blut, der ungerecht getötet wurde, ist die Welt mit Gott versöhnt. Wir können in den Familien, den Gemeinden, im öffentlichen Leben, in der Menschheit aus der Versöhnung leben. Wir müssen uns aber davor hüten, gewaltsam gegen das Wahrheitsgewissen eine Einheit zu erzwingen. Eine Einheit ohne Wahrheit, in der das Christentum auf den Status einer Zivilreligion reduziert würde, kann nicht gelingen.

ZEIT: Papst Franziskus wird im Jahr 2016 wahrscheinlich nach Deutschland reisen. Kardinal Maradiaga hat bereits gesagt, wir Christen könnten "2017 gemeinsam feiern", nämlich als Christusfest. Was denken Sie: Können wir zusammen feiern? Gar die Kirchenspaltung überwinden?

Kardinal Müller: Auf jeden Fall dürfen wir im Gedenkjahr 2017 nicht die alten konfessionalistischen, kulturpolitischen, nationaldeutschen und antirömischen Lieder wieder aufspielen. Die Ereignisse, die die Spaltung der abendländischen Christenheit ausgelöst haben, werden aus katholischer und protestantischer Sicht verschieden beurteilt. Doch dabei bleibt die Unterscheidung wichtig, was das Anliegen der handelnden Hauptpersonen einst war – und was unter den politischen und kulturellen Umständen daraus geworden ist.

ZEIT: Was ist den Kirchen heute gemeinsam?

Kardinal Müller: Das gemeinsame Anliegen damals, heute und zu aller Zeit muss sein: Jesus Christus im Zentrum allen christlichen Denkens, Handelns und Strebens zu sehen. Wir wollen gemeinsam in einer säkularen und pluralistischen Gesellschaft Zeugnis ablegen, dass Jesus Christus der einzige Retter der Welt ist. Wenn die Christen das heute gemeinsam bekennen, wäre das weltgeschichtlich so wirksam wie evangelische Reformation und katholische Reform des 16. Jahrhunderts zusammen.

ZEIT: Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr, dem Jahr der Barmherzigkeit?

Kardinal Müller: Ich freue mich, wenn die vielen geöffneten heiligen Pforten ein Zeichen werden für uns, die Tür des Herzens zu öffnen für den Sohn Gottes, der zu uns kommt in Demut und Stille. Ich hoffe, dass vielen die Tür zur Barmherzigkeit Gottes aufgeht, die allein unsere von Hass und Gewalt zerrissene Welt heilen kann.