Wie wird man das Jahr 2015 in Erinnerung behalten? Vielleicht als das Jahr brutaler Ernüchterung und unerbittlicher Aufklärung. Man weiß nun mehr: Man weiß, dass auch im 21. Jahrhundert nicht nur Staaten, sondern ganze Regionen in Terror und Anarchie versinken können. Man weiß, dass Europa, die Insel der Seligen und der Menschenrechte, nicht willens ist, die Flüchtenden gemeinsam aufzunehmen. Man hat erkannt, wie verworfen die Weltgemeinschaft ist und wie rasend schnell sich liberale Staaten in autoritäre Regime zurückverwandeln, um ihren eigenen Weg zu gehen. Die Weltgesellschaft ist keine one world. Sie mag sich auf Klimaziele einigen – aber sonst ist sie unregierbar.

Damit dürfen sich Schriftsteller, die nach landläufigen Maßstäben als konservativ gelten, kraftvoll bestätigt fühlen. Sie glaubten noch nie an eine Weltinnenpolitik, und über die Behauptung, das westliche Lebensmodell werde von allen Kulturen dankbar in Empfang genommen, konnten sie nur lachen. Und das übrigens schon seit je, nicht erst heute. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs richtet sich die Hauptlinie der konservativen Kulturkritik gegen die rücksichtslose Modernisierung des Erdballs; dazu gehören klassischerweise Autoren wie Curzio Malaparte oder Ernst Jünger, in der Gegenwart sind es zum Beispiel Botho Strauß, Christian Kracht oder Michel Houellebecq. Sie attackieren die liberale Moderne, denn, weltweit verbreitet, führe sie in eine historische Sackgasse und provoziere erbitterte Gegenwehr.

Dieses Scheitern malen sie sich in ihren Büchern schon einmal aus. Sie blicken vom Mond auf die Erde und stellen sich vor, wie der verhasste Liberalismus sich kulturell erschöpft, wie er sich zu Tode siegt oder gleich von der Bühne verschwindet. Erstaunlich viele Zeitgenossen können sich für die Untergangsszenarien begeistern. Denn die konservative Modernekritik trifft einen Nerv.

Sie hat die Aktualität auf ihrer Seite, sie übertreibt und spitzt zu – und liefert so den illustrativen Stoff, um streunende Ängste einzufangen und therapeutisch ins Bild zu setzen. Der Westen ist verunsichert, es herrscht das Gefühl, in einer Schwellenzeit zu leben, in einer von irrwitzigen Feindschaften, von Terror- und Gewaltexzessen durchzogenen Epoche, in der sich tausend Einzelkrisen unversehens zu einer Megakrise auftürmen und in ein unbeherrschbares globales Chaos umschlagen können. Dafür wird nicht mehr nur der Kapitalismus verantwortlich gemacht, sondern die Moderne selbst, vor allem ihr säkulares Selbstverständnis und ihr Fortschrittsdenken. Entsprechend gelten konservative Schriftsteller als begnadete Hellseher, die die Pathologien der Moderne von Anfang an durchschaut und ihre zerstörerische Gewalt benannt hätten.

Dass die konservative Modernekritik im rechten und rechtsradikalen Milieu Beifall findet, bei den intellektuellen Einsagern der AfD oder des Front National, ist kein Wunder. Doch auch die Linke scheint interessiert. So feiert der Berliner Regisseur Frank Castorf in einer vielbeachteten Aufführung den Schriftsteller Curzio Malaparte als einen Propheten, der das Elend der globalisierten Moderne schon zu einer Zeit verkündet habe, als es diese noch gar nicht gab.

Was also erkennen konservative Autoren, was andere angeblich nicht erkennen? Warum ist es aufschlussreich, ihre Schriften zu lesen?

Um mit Malaparte zu beginnen: Als in seinem Roman Die Haut die US-Armee in Neapel einmarschiert, es ist das Jahr 1943, bricht in der ganzen Stadt die "Pest" aus. Diese Seuche, vermerkt der Ich-Erzähler, zerstöre aber "nicht den Körper der Menschen, sondern deren Seele". Sie verwandelt Neapel in ein Sodom und Gomorrha und macht Menschen zu Tieren. "Es war eine Art moralische Pest, vor der es anscheinend keinerlei Schutz gab." Für eine Dose Corned Beef verkaufen Väter ihre Töchter, und Mütter prostituieren sich den Amerikanern für ein paar läppische Cent. Malapartes Roman ist ein ästhetisches Delirium, grell und impertinent, grauenhaft und obszön – und so enthemmt denunziatorisch, dass ihm Neapels Bürgermeister verbot, die Stadt je wieder zu betreten.

Malaparte (1898 bis 1957) war eine zwielichtige Gestalt. Als Schüler kämpfte er im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite gegen die Deutschen, später machte er Propaganda für Mussolini, fiel in Ungnade, wurde auf die Insel Lipari verbannt und reiste nach seiner Freilassung im Zweiten Weltkrieg als Reporter für den Corriere della Sera an die deutsche Ostfront. Zurück in Italien, diente er den amerikanischen Befreiern als Verbindungsoffizier. Sein 1949 erschienener Roman ist seinem Freund Colonel Cumming gewidmet und "allen tapferen Soldaten Amerikas, die vergebens für die Freiheit Europas gefallen sind".

Warum "vergebens"? Weil Malaparte davon überzeugt war, dass der heldenhafte Sieg der amerikanischen Armee Europa zwar politisch die Freiheit brachte, kulturell aber den Tod. Alles, was der Midas aus dem Westen berührt, verwandelt sich in Geld und ist "augenblicklich verdorben". Die Boys aus der "reichen und glücklichen Nation" sind ebenso nett wie ungebildet: "Jesus? Which Jesus?" Respektlos sind die Amerikaner, sie "achten nicht die Götter und Tempel der Besiegten. Sie befreien sie, und zwingen sie, sich als Besiegte zu fühlen". Die Amerikaner zerstören "unser tiefes Lebensgefühl", das "geheimste, lebendigste Leben". Sie haben keine Ahnung von Schrecken und Tod, von den "dunklen unterirdischen Kräften". "Es ist eine Schande, im Krieg zu siegen."

Millionenfach hat sich Die Haut verkauft, fast immer wurde der Roman als Kriegsepos gelesen oder als Protokoll der italienischen Stunde null. Tatsächlich verstand Malaparte sein Höllenbrevier als düstere Weissagung: Amerikas Dollar-Imperialismus verdunkelt die Sonne des Südens und lässt das Abendland untergehen. Die Neue Welt, deren Truppen in der Nähe der Tempel von Paestum landen, überrollt die Alte Welt, die wunderbare Symbiose aus tragischer Antike und barmherzigem Christentum. "Auf der Höhe von Tor di Nona kam mir ein Mann der Kolonne entgegengelaufen, mit den Armen fuchtelnd und schreiend: ›Viva l’America!‹ , dann glitt er aus, fiel und wurde von den Raupen eines Sherman-Panzers erfasst ... Ich machte mir Platz und beugte mich über einen formlosen Leichnam." Dieser Leichnam, das ist das lateinisch-katholische Reich, das bei Malaparte vom Westen zermalmt wird.

Malaparte besingt wortreich das lateinische Abendland

Als seien der Schrecken nicht genug auf der Welt, bricht auch noch der Vesuv aus, und prompt beschreibt Malaparte den Vulkanausbruch als Protest der Gaia, als das letzte Aufbäumen der Natur gegen die neuen Herren. Zu spät: Der Süden geht unter, und eine neue Epoche der Weltgeschichte beginnt – jene westliche Moderne, die die Rätsel des Lebens entzaubert und alles Dasein mit einer Ascheschicht überzieht.

Gut dreißig Jahre später lässt Ernst Jünger Malapartes Angstvision Wirklichkeit werden. In seinem Roman Eumeswil ist die historische Lava erkaltet und der Vulkan des Lebens auf immer erloschen. Was von der westlichen Zivilisation übrig geblieben ist, sind leere physikalische Zeit und sinnloses Vergehen. Eumeswil spielt in der vergangenen Zukunft, in einem Futur zwei. Die Neuzeit ist vorbei, und der Weltstaat, den sie errichtet hatte, liegt in Trümmern. Überall entstehen Diadochenreiche, große und kleine, dazwischen gibt es Stadtstaaten, und Partisanen gibt es auch. Heute nennt man sie Terroristen.

Erzählt wird der Roman aus mehreren Perspektiven, im Zentrum aber stehen die Aufzeichnungen des Historikers Martin Venator, im Nebenberuf "Nachtsteward". Venator bezeichnet sich selbst als Anarch, doch weit eher trägt er Züge eines hedonistischen Nihilisten, der sich vom leblosen Leben in der nordafrikanischen Kasbah nichts mehr erwartet. Er hat ein Lüstchen für den Tag und eines für die Nacht, und im "götterlosen Raum gleicht er dem Fisch, der noch die Kiemen regt, wenn ihn die Brandung auf die Klippe schleuderte".

Für den Leser ist Eumeswil (Klett-Verlag 1977) eine Tortur. Es gibt kaum Handlung, und die wenigen Figuren machen den Eindruck, als seien sie soeben mit knapper Not einer Katastrophe entronnen. Während Malaparte wortreich das lateinische Abendland besingt, ist Jüngers Prosa von posthistorischer Kargheit. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, die Dinge haben ihr Geheimnis verloren und die Menschen auch. Selbst die alten ideologischen Gegensätze haben sich, wie der Germanist Peter-Uwe Hohendahl gezeigt hat (Erfundene Welten, Fink Verlag), in Luft aufgelöst: Ob eine Romanfigur unter einem demokratisch gewählten Demagogen im Stadtstaat Eumeswil ihr Dasein fristet oder unter der Knute des Condor – es macht kaum einen Unterschied. Am Schluss folgt Venator seinem Herrn in den Wald, in eine rätselhaft mythische Zone, das Außerhalb der historischen Zeit. Der Wald steht für das "Ganze Andere", für einen neuen Sinn und eine neue Ordnung – ganz gewiss ohne liberale Freiheit, ohne Demokratie und ohne Amerikaner.

Auch Der junge Mann von Botho Strauß (Hanser Verlag 1984) spielt in einer vergangenen Zukunft, und ganz im Geiste Ernst Jüngers schildert er, wie die moderne "Fortschrittszeit" abstirbt und zerfällt. In der satten Bundesrepublik sind Kapitalismus und Liberalismus eine klebrige Verbindung eingegangen, und wie ein Fluch hat sich der amerikanische Kult des Nützlichen über die "deutsche Kultur" gelegt. Auch für Strauß ist die Moderne eine Neutralisierungsmaschine, die alles Romantisch-Lebendige auffrisst und eine skandalöse Sinnlosigkeit hinterlässt. Doch nun verfaulen die Staatengebilde, und eine von Ruinen durchzogene Zivilisationswildnis breitet sich aus – die wuchernde Natur erobert sich die Räume zurück, die die Menschen ihr einst geraubt haben. Es ist das Ende Europas, wie wir es kennen.

Auch im Jungen Mann geht ein Weltzeitalter zu Ende, doch Strauß weint ihm keine Träne nach. Es war eine nichtswürdige Epoche, sie beging Verrat am Mythos, hinterließ eine Niemandsherrschaft und schuf einen historisch unbekannten Menschentyp: den kosmischen Narziss, ein substanzloses Subjekt, das nichts anderes mehr verkörpert als reinen leeren Selbstbezug. Das Einzige, was Strauß von der Moderne noch retten möchte, ist ihre revolutionäre Technik, denn mit ihr lasse sich später noch etwas anfangen. Die gottlose Demokratie hingegen erscheint als Irrweg der Geschichte – als eine Schlange, die sich "von ihrem Ende her Stück um Stück selbst auffraß". Die demokratische Schlange vertilgt alles Große, Heilige und Mächtige und – bei Strauß immer wichtig – auch alle Standesunterschiede.

Wie Jüngers Eumeswil weckt auch Der junge Mann die Sehnsucht nach dem, was nicht ist. Sie entzündet sich allerdings nicht an einer besseren Zukunft; sie wärmt sich an einer Vergangenheit, die es vielleicht nie gegeben hat: an der vermeintlich unzerstörbaren Wahrheit des Mythos, der irgendwann, vielleicht schon bald, über den Logos von "Vernunft" und "Fortschritt" triumphieren wird. Denn während die Moderne das Kontinuum des Lebens zerstückelt ("Zeit, Zeit, Zeit"), verspricht die mythische Zeit die Restauration von übergreifendem Sinn. So pflanzt auch Strauß einen mythischen Wald, und wer ihn durchquert, der verlässt die atomisierte Zeit der nihilistischen Moderne und stößt auf einen Turm, in dem das verlorene Alte aufbewahrt ist, der kosmische Zusammenhang und des Lebens verlorene Fülle. Unter dem Schutt der Gegenwart schlummert ein versunkenes mythisches "Reich" und wartet auf seine erlösende Wiederkehr. Ironisch gebrochen heißt es: "Es schwebt ein Haupt in tiefer Erde / Es ordnet das Reich, es gründet den Dom ."

Bei Christian Kracht sagt der Titel schon alles. Imperium heißt sein Roman (Kiepenheuer und Witsch 2012), und ebenso gut hätten auch die Bücher von Malaparte, Jünger und Strauß heißen können. Mit dem Imperium ist das angloamerikanische "Weltreich" Anfang des 20. Jahrhunderts gemeint; England und Amerika haben sich die wichtigsten Kolonien unter den Nagel gerissen, sie locken mit Freiheit und Fortschritt und meinen doch nur die Ausweitung der Kampfzone, sie meinen Profit, Macht und Ausplünderung. Die liberalen Musternationen beherrschen die Meere, und wo immer der deutsche Aussteiger, Radikalveganer und Religionsgründer August Engelhardt mit seinem rostigen Dampfschiff auch anlegt – das Imperium hat bereits seinen Stiefelabdruck hinterlassen. Sogar auf der hintersten Südseeinsel kleben die Preisschildchen der Handelskompanien, denn nur was einen Preis hat, hat auch einen Wert.

Es kommt, wie es bei Kracht kommen muss. Der verträumte deutsche Sonderling kann den Kampf gegen die kapitalistischen Händler nur verlieren, schlimmer noch: Der Romantiker lässt sich von der angelsächsischen Nutzenideologie anstecken, er wird verrückt und verwandelt sich in einen bösartigen Zeitgenossen, eine Art Opfertäter. Schließlich verpasst Engelhardt das Ende des Zweiten Weltkriegs und wird auf seiner Insel von freundlichen US-Soldaten aufgelesen. Mit ganz viel Coca-Cola, dem säkularen Messwein der westlichen Einheitskultur, hilft man dem komischen Vogel wieder auf die Beine, er wird symbolisch recycelt und findet sich als Star in einem Hollywoodfilm wieder.

Dass der sonderliche deutsche Romantiker allein als Kino-Kuriosität im unromantischen US-Imperium weiterlebt, dass es in der kapitalistischen Marktgesellschaft kein Anderssein mehr gibt und sie sich alles zum Objekt macht, darin besteht für Kracht der ultimative Skandal. Der Westen, so verkündete ja schon Malaparte, zerstört die Bedeutsamkeit der Welt, er duldet nur, was ihm gleicht, er duldet nur das Nützliche. There is no alternative. Kurzum, wie Botho Strauß mit dem kannibalistischen Bild der Schlange, so beschreibt Krachts historiografische Metafiktion – wie Literaturwissenschaftler dieses Romangenre nennen – den Westen als allesfressendes Monster, und der Leser gewinnt den fatalen Eindruck: Nicht nur das arme Würstchen August Engelhardt war 1933 hoffnungslos in der Defensive, sondern Hitler-Deutschland war es auch.

Die Parallelen zum französischen Schriftsteller Michel Houellebecq muss man hier nicht lange suchen. Auch er betrachtet den Westen als ein Imperium; von Europa ausgehend, habe er 500 Jahre gebraucht, um mit seiner Denk- und Wirtschaftsweise den Erdball zu umrunden, demnächst werde das kommunistische Kuba seinem trostlosen Liberalismus in die Hände fallen. Offensichtlich ist auch Frankreich vom Liberalismus infiziert, jedenfalls verspürt Houellebecq ein grimmiges Vergnügen daran, die Republik untergehen zu lassen – und die revolutionären Ideen der Aufklärung gleich mit. Sie haben sich historisch erledigt, im Spätkapitalismus passen sie nicht mehr zum Menschen, vielleicht passten sie noch nie zu ihm. Die Emanzipation läuft leer, und es gibt nichts mehr, wovon sich Houellebecqs tote Seelen noch befreien könnten, höchstens von der Idee der Befreiung selbst. Seine Figuren sind deshalb auch keine mündigen Subjekte, sie sind traurige Monaden im Endspiel einer ruhmreichen Epoche, die mit der Französischen Revolution großartig begann und nun kläglich verendet. Freiheit, Gleichheit, Niedergang.

Houellebecq lässt Die Unterwerfung (DuMont Verlag) in der Zukunft spielen, und zwar im Jahr 2022. Frankreich befindet sich in Schockstarre, die stolze alte Republik ist in einem formlosen Eliten-Einheitsbrei verschwunden, die Macht ist überall und nirgends. Auch die Parteien gleichen sich wie ein Ei dem anderen: Die Konservativen sind nicht konservativ, und die Linken – Ernst Jünger nennt sie "Edelratten" – stopfen sich als rot lackierte smart people die Taschen voll. Nur eine "gemäßigte" islamische Partei macht von sich reden und setzt die Koalition der Erschöpften unter Druck. Hier und da flackern Unruhen auf, als könne jederzeit ein Bürgerkrieg ausbrechen. Die Systempresse schweigt darüber.

Michel Houellebecqs "Unterwerfung" - Eine tragische Satire gegen Europa in seiner jetzigen Verfassung In seinem Zukunftsroman "Unterwerfung" erzählt Michel Houellebecq von einem islamischen Frankreich im Jahr 2022. Ist dieses vieldiskutierte Buch nach den schrecklichen Anschlägen von Paris eine Warnutopie?

François heißt der Held, und was seine innere Leere angeht, kann er es problemlos mit Jüngers Martin Venator aufnehmen. Er hat über den Dekadenzautor Joris-Karl Huysmans promoviert ("mein treuer Freund") und sich auf die Geschichte der französischen Literatur verlegt. Doch sein literarisches Wissen – und darauf kommt es an – wird in der Gesellschaft nicht mehr gebraucht; Literatur ist keine imaginative Quelle von Sinn, sondern Restmüll der Geschichte. Das macht François zum Spezialisten fürs Überflüssige, zum trübsinnigen Geist in einem fremden Körper. In seinen monotonen Nächten füllt Sex die Lücke des fehlenden Sinns, oder um es mit Houellebecqs drastischer Bildlichkeit zu sagen: Während die Alten noch lebendiger Teil einer kosmischen Kultur waren, starrt François freudlos auf den kosmischen weiblichen Hintern.

Wie alle konservativen Autoren beschreibt Houellebecq die Moderne als Zeitalter der Abspaltungen und Neutralisierungen. Die Gegenwart trennt sich von ihrer kulturellen Vergangenheit und die Gesellschaft von der Gemeinschaft. Die Politik trennt sich von der Wahrheit und die Religion von Gott. Zuletzt trennt sich das körperliche Begehren von der romantischen Liebe. Damit entsteht eine saugende Leere, von der die bindungslosen Subjekte des Liberalismus angezogen werden wie die Motten vom Licht. Jeder ist seine eigene Parallelgesellschaft, und Eigennutz, Karriere, Geld bilden den Stoff aller Träume. So verkehrt sich das schöne linke Ideal, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen, in eine Ökonomie des Selbst und damit in den Zwang, sein Ich ständig neu zu erfinden. Doch François will das nicht. Er möchte so bleiben, wie er ist, denn besser wird er nicht. "Fuck autonomy".

Schmerzfreier Abschied vom klassischen Nationalstaat

Mit dem Weltekel seines Helden, mit seinem Hass auf das liberale Subjekt macht Houellebecq erzählstrategisch die Anziehungskraft des "gemäßigten" islamischen Politikers Mohammed Ben Abbes verständlich. Denn während im Liberalismus jeder Bürger seine Identität zusammenleimen muss, verspricht die islamische Partei kosmische Sinnstiftung und will die Ursache allen Übels beseitigen: die liberale Niemandsherrschaft mit ihrer Trennung von Demokratie und Religion. So erscheint im milden theokratischen Licht der Muslimbruder Ben Abbes als ein guter Herrscher, der die vereinsamten "Elementarteilchen" einsammelt und zu einem neuen Ganzen zusammenfügt. Die Masche zieht. Ben Abbes hat Erfolg, und um Marine Le Pens Front National zu verhindern, machen Sozialisten und Bürgerliche ihn zum neuen französischen Präsidenten. Wie sein Vorbild Kaiser August möchte Ben Abbes Südeuropa und Nordafrika zu einer geopolitischen Einheit verschmelzen – zu einer Achse des Südens, einem islamolateinischen Reich, in dem die Sonne nie untergeht.

Es ist schon verblüffend: Wie Jünger und Strauß nimmt auch Houellebecq schmerzfrei Abschied vom klassischen Nationalstaat und bringt die alte Reichsidee ins Spiel, auch wenn es sich für ihn nur um eine Alternative in der und um keine Alternative zur Moderne handelt. Die "Achse des Südens" ist nichts anderes als jener Traum vom Mare Nostrum, der bei Curzio Malaparte unter einem "unmenschlich schönen Himmel" von US-Panzern zerdrückt und von Philosophen wie Alexandre Kojève oder Giorgio Agamben als Antwort auf den kalten protestantischen Norden beschworen wurde.

Die Werke von Malaparte, Jünger, Strauß, Kracht und Houellebecq sind keine politischen Programmschriften, es sind literarische Fantasien. Niemand wird exakt angeben können, was die Überzeugung des Autors ist und was bloße Figurenrede. Gleichwohl gibt es unzweideutige politische Vorlieben. Malaparte hasste den Liberalismus so sehr, dass er sein Haus auf Capri unbedingt dem chinesischen Staat vermachen wollte. In seiner Idee vom Abendland scheint eine gerechte Gesellschaft nicht vorgesehen; das menschliche Elend ist fester Bestandteil der Schöpfung, und wer bei der Verteilung des Glücks Pech hatte, dem bleibt nur die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Ernst Jünger, mit dem Malaparte zuweilen verglichen wird, war zeitlebens stolz darauf, kein Demokrat zu sein, und die Überzeugung, alle Menschen seien als Gleiche geboren, erschien ihm wohl als Torheit weltfremder Sekten. Auch sein leidenschaftlicher Verehrer Botho Strauß ist ein bekennender Gegenaufklärer, in seinen Augen gehören Unglück und Gewalt, Tragik und Opfer zur Grundausstattung der Geschichte. Als Angela Merkel die Grenzen für syrische Flüchtlinge öffnete, schrieb er im Spiegel: "Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen."

Auch Michel Houellebecq redet inzwischen politisch unverblümt. Nach den Pariser Terroranschlägen beschimpfte er François Hollande als feigen Versager und forderte eine "Volksdemokratie", was immer das sein mag. Nur Christian Kracht, der den Westen als großes Finale um eine leere kapitalistische Mitte kreisen lässt, hält sich politisch bedeckt, doch dass seine Erzählplantagen aus rechtskonservativen Quellgebieten bewässert werden, hat Georg Diez in seiner berühmt-berüchtigten Spiegel-Rezension (7/2012) als Erster gewittert.

Die Bekenntnisse der politisch Unpolitischen scheinen nicht weiter zu stören. Die scharf beobachtete Abrechnungsprosa zum Beispiel eines Michel Houellebecq besetzt den leeren Ort, den das Verschwinden der linken Kulturkritik hinterlassen hat; es gibt keinen Pasolini und keinen Adorno mehr, und viele Linke haben sich unter Schmerzen mit den Verhältnissen ausgesöhnt und sind pragmatisch geworden. Eine linke Utopie ist jedenfalls in Deutschland mit bloßem Auge nicht zu entdecken, und dass die Europäische Union mit ihren Schäubles und Dijsselbloems ein progressives Herz noch einmal in Flammen setzt, wird man nach der Demütigung der linken griechischen Regierung schwerlich behaupten wollen.

Damit hat die konservative Kulturkritik freies Feld. Mit spekulativem Alarmismus blickt sie auf die Weltlage, sie saugt die Zukunft aus ihr heraus und beschreibt, wie sich die Moderne selbst zum Schicksal wird. Nichts sei für die Ewigkeit gemacht, denn alles, was einen Anfang hat, das habe auch ein Ende. Deshalb gibt es in diesen Romanen keinen Fortschritt mehr, nur Erschöpfung und Entzauberung, nur sinnloses Geld und sinnlose Aufklärung.

Keine Frage, die antimoderne Erzählung von Katastrophe und Zerfall gehört selbst zur Moderne, sie ist ihr reflexiver Modus. Aus ihr spricht das Unbehagen an der eigenen Kultur, der zähe westliche Selbstverdacht, der weltweite Aufruhr könne etwas mit dem Westen selbst zu tun haben: mit einer aufwühlenden Globalisierung, die die Verhältnisse nicht sicherer, sondern unsicherer macht; mit einem verborgenen Gewaltmoment, das einer alternativlos durchrationalisierten Lebensform innewohnt – einer westlichen "Vernunft", die sich bis in den letzten Urwaldwinkel hineinfrisst und reiche Mythen durch die arme Unterscheidung ersetzt, entweder Geld zu haben oder keines zu haben.

Es ist diese Totalperspektive auf "die Zivilisation", "den Westen" und "den Liberalismus", die die konservative Modernekritik nach innen hellsichtig und nach außen attraktiv macht. Doch der allwissende Blick auf das Große und Ganze hat einen gefährlichen blinden Fleck: Er macht denselben Fehler, den er der Moderne zur Last legt – er ist totalitär, er schleift die Unterschiede und macht alles gleich. In der tief stehenden Sonne, die eine hochfahrende Kulturkritik über den Verhältnissen untergehen lässt, erscheinen bitter erkämpfte Errungenschaften, selbst Demokratie und Menschenrechte, wie grandiose Irrtümer, wie sinnlose Schattenspiele auf der historischen Bühne.

Das ist seltsam. Malaparte, Jünger, Strauß, Kracht und Houellebecq schreiben mit militanter Trauer über das "Vergessen", über die Furien des Verschwindens und die Banalisierung der Kultur. Doch vom Vergessen der Demokratie ist bei ihnen so gut wie nie die Rede, nicht von jenen, die sich in blutigen Kämpfen für die Freiheit geopfert haben. Es gibt eben nicht nur den Verrat am "Unvergänglichen". Es gibt auch den Verrat an den vergänglichen Menschen.