Der Schöngeist vom Arlberg – Seite 1

Endlich ist es kalt geworden. Auf der Passhöhe des Arlbergs, 1.800 Meter über dem Meer, kann man den Winter hören. Es zischt in der Dunkelheit – die Schneekanonen laufen im Hochbetrieb. Aus dem Untergeschoss des großen Hotels neben der Piste sind aber Töne zu hören, die nicht wirklich zum Skigebiet von St. Anton passen: Violine und Klavier, Johann Sebastian Bach, Sonate in c-Moll.

Zwanzig Zuhörer verlieren sich in dem neuen Konzertsaal, der Platz für 200 bietet. Helle Eiche, klare Formen jenseits des Jodelbarocks, die Wand hinter dem schwarzen Steinway-Flügel ist in apricotfarbenes Licht getaucht. Zwei junge Virtuosen legen ihre ganze künstlerische Energie in das Allegro. In der Pause vor der zweiten Sonate – h-Moll, Bach-Werke-Verzeichnis 1014 – wendet sich der Geiger Peter Clemente entspannt an das Publikum: "Wir sind ja heut a bisserl leger beisammen, Sie dürfen sich gern auch weiter nach hinten setzen, wenn Sie die tolle Akustik dieses Saals genießen wollen."

Dort sitzt ein Mann in Jeans und Trachtenjanker. Einen Arm hat er lässig über die Lehne des nächsten Stuhls gelegt, aber seine wässrigen Augen zeigen, dass er viel Stress hinter sich hat. Sein schmales Gesicht ist gerötet. Florian Werner, 49 Jahre alt, der Wirt des Arlberg Hospiz Hotels, steckt mitten in einem Experiment: Im Herbst hat er das höchstgelegene Kunstquartier Österreichs eröffnet. Direkt neben dem Skiverleih seines Hotels geht es jetzt zur Kunsthalle und zum Konzertsaal. Bis zum Ende des Winters sollen hier jede Woche Musik, Literatur und Kabarett geboten werden.

Warum bringt ein Hotelier das Klavierkonzert zur Schneekanone?

"Ich will unabhängig werden vom Winter", sagt Florian Werner. In Tirol klingt das nach Gotteslästerung. Hängt doch in Werners Gaststube unter wuchtigen Balken eine goldumkränzte Ehrentafel: Ski-Club Arlberg – seine Weltmeister, seine Olympiasieger. Sie hängt zu Recht hier – am 3. Januar 1901 wurde im Hospiz der erste Skiclub Österreichs gegründet.

Die Tradition des Hauses reicht noch weiter zurück. 1386 gründete Heinrich Findelkind die Bruderschaft St. Christoph und baute ein Hospiz auf dem Arlberg. Es rettete Reisenden das Leben, die in Schneesturm und andere Unwetter gerieten. Im 20. Jahrhundert machten der Großvater und der Vater von Florian Werner aus dieser Herberge der christlichen Barmherzigkeit ein Luxushotel für Skifahrer mit 350 Betten.

Florian Werner besuchte das Gymnasium und die Hotelfachschule in Salzburg. Anschließend arbeitete er in Hotels auf der ganzen Welt. Besonders geprägt hat ihn das Peninsula in Beverly Hills. 1997 übernahm er den elterlichen Betrieb.

Am Handgelenk trägt er eine IWC. Er mag den zurückhaltenden Auftritt, das selbstbewusste Understatement. Seine leise Eleganz orientiert sich an Vorbildern aus der Großstadt. Man könnte den schmalen Mann für schüchtern halten. In dieser Hinsicht ist er nicht nach dem Vater geraten. Adi Werner, 79 Jahre alt, ist für Reisende der Luxusklasse zum Inbegriff des Tiroler Wirts geworden: leutselig, jovial, direkt. Er hat das Hospiz in eine Pilgerstätte für Weinliebhaber verwandelt, in diversen Kellern lagern große Schätze aus dem Bordeaux. Und Adi Werner hat maßgeblich dazu beigetragen, dass St. Anton den Zuschlag für die Skiweltmeisterschaft des Jahres 2001 bekam.

Wie soll ein Sohn in der Spur dieses Vaters gehen?

Der Zufall führte Florian Werner zur Kunst

Helmut Jörg, der lange als Sommelier im Hospiz gearbeitet hat, kann sich bis heute nicht erklären, wie der Juniorchef zur Kunst kam. "Unsere englischen Gäste würden sagen: out of the blue." Wenn man Florian Werner fragt, erzählt er von der Hochzeit seiner Schwester. Wie er überlegte, was er schenken soll. "Ein Kaschmirschal wär blöd gewesen. Da kam ich auf die Idee, ein Bild zu malen." Diese Beschäftigung eröffnete dem Hotelier eine neue Welt. Hier fand der Junior Räume, in denen er sich ohne den Schatten seines Vaters bewegen konnte. Er belegte einen Meisterkurs bei Markus Lüpertz. Er schuf eine Skulptur, stellte sie in das Spa des Hotels und arrangierte seine Familie zum Foto um dieses Werk – seine Frau Ursula und den kleinen Sohn, dessen dritter Vorname einem großen Maler huldigt: Thaddaeus Christoph Tizian.

Im Sommer 2014 stand Florian Werner vor einer riesigen Baugrube neben seinem Hotel und fragte sich bang, ob er da sein eigenes Grab geschaufelt habe. Aber er baute dann doch: zwei Häuser mit 17 Luxusappartements. Ins Untergeschoss kamen statt einer Tiefgarage die Kunsthalle und der Konzertsaal. 26 Millionen Euro hat das Ganze gekostet. Der Tourismusdirektor Martin Ebster erinnert sich an skeptische Stimmen im Ort: "So was braucht kein Mensch. Damit geht er den Bach runter."

Beim Adagio der dritten Bach-Sonate holt Florian Werner das Handy aus der Jackentasche und checkt seine Mails. Nach dem Konzert regt er sich auf über Skeptiker, die ihm die Rolle des weltfremden Schöngeists zuschreiben. Er sagt resolut: "Ich hab doch nicht Kunstgeschichte studiert – ich komm aus der unternehmerischen Richtung." Aus dieser Perspektive hat er ein wirtschaftliches Problem erkannt: "Mit dem Winter allein kann ich langfristig nicht überleben." Mit den Skifahrern muss er in vier Monaten so viel Gewinn erzielen, dass sein Hotel das ganze Jahr über die Runden kommt. Im Herbst und Frühjahr ist es geschlossen, und im Sommer kann er nicht viele Gäste auf den kalten, regenreichen Arlberg locken.

Die Kunst ist für Florian Werner auch ein Mittel zur Saisonverlängerung. Dieses Jahr war das Hospiz zum ersten Mal im Herbst geöffnet. Die Belegung lag bei mageren 15 Prozent. "Aber woher sollen die Gäste auf Anhieb kommen?", fragt der Hotelier gelassen.

Er ist fest entschlossen, seine Kunst ohne staatliche Subventionen zu betreiben. Den Bau des Konzertsaals hat er durch den Verkauf der Luxuswohnungen finanziert. Und die Kunsthalle hat er so konzipiert, dass nicht nur Skulpturen Platz haben. Er drückt einen Knopf an der Wand, und es öffnet sich die Tür zu einem Aufzug, der so geräumig ist, dass eine Limousine zur Präsentation hinuntergefahren werden kann. Oder hier, neben der Installation mit dem Staubsauger, der einem Bandoneon-Orchester Luft einhaucht: "In diesen Gang passt der Laufsteg für eine Modenschau." Auch für Fernsehübertragungen sind alle nötigen Kabel unter Putz verlegt.

Was sagt der Seniorchef zum neuen Markenzeichen seines Hotels? "Von der Kunsthalle war Adi nicht begeistert – weil es nicht seine Idee war", sagt ein altgedienter Kellner. Auch Florian Werner redet offen über die Spannungen innerhalb der Familie. "Erst als der Saal fertig war, hat der Vater mir seinen Segen gegeben. Er kam auf die Bühne, war zu Tränen gerührt und hat mir alles Gute gewünscht." Das hat ihn beeindruckt, weil es ein öffentliches Bekenntnis des Vaters zu seinem Sohn war. Für die Mutter sei die Bauzeit auf andere Art schwierig gewesen: "Sie hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wie sollte sie sich positionieren? Zum Sohn halten oder zu ihrem Mann?"

Der junge Pianist, der die Bach-Sonaten gespielt hat, heißt Moye Kolodin, ist der Sohn einer polnischen Pianistin und kommt aus Deutschland. Er sprudelt über vor Begeisterung: Der Steinway-Flügel ist großartig, die Akustik toll, das Essen herausragend. Der Auftritt im Hochgebirge eröffnet ihm eine Erlebniswelt, die sich von den städtischen Konzertsälen unterscheidet. Am nächsten Tag steigt er auf die Ski. "Beim Spielen vom Blatt musst du immer zwei Takte vorausschauen. So ist’s auch auf der Buckelpiste", sagt er.

Der Künstler bewundert das unternehmerische Wagnis. Es macht ihm auch nichts aus, dass er vor 20 Leuten spielen musste – ganz im Gegenteil, er hat den familiären Auftritt genossen. Aber er sorgt sich, ob die Rechnung aufgeht: "Bach hat großartige Musik geschrieben – aber kann man damit diesen Saal füllen?"

Florian Werner lässt sich vom geringen Zuspruch des Publikums zur Kammermusik nicht anfechten – es ist Mittwoch, es ist Vorsaison, nach Neujahr sieht’s anders aus: "Dann sind jede Woche 15.000 Gäste am Arlberg. Die können doch nicht alle zum Après-Ski. Es muss möglich sein, wenigstens ein Prozent für die Kunst zu gewinnen. Schließlich gibt es schlimmere Strafen als eine Stunde Konzert vor dem Abendessen."

Der Tourismusdirektor ist optimistisch. "Ich glaube, das Konzept wird funktionieren – gerade weil es ganz anders ist", sagt Martin Ebster. "Wir sind ein gewachsenes Dorf, wir bieten Tiroler Gastlichkeit – aber die Kunst kam in St. Anton nie vor." Er sieht realistisch, "dass sich ein zwanzigjähriger Freerider nicht unbedingt für ein Klavierkonzert begeistert. Aber wir leben auch von den älteren Gästen, die ihr Leben gemeistert haben und sich etwas gönnen wollen."

Außerdem treten im Konzertsaal an der Piste auch Künstler auf, die massentauglich sind. "Ich find’s positiv, wenn man sich beeilen muss, dass man noch Karten kriegt." Für den 31. Januar hat er sich schon welche gesichert. Dann kommt Rainhard Fendrich.