Liebe Adèle,

es war im Frühsommer, als ich mich in Dich verliebte. Ich hatte Dich vorher noch nie gesehen. Du saßest in der Küche deiner Eltern, Dein Vater hatte gekocht, es gab Spaghetti bolognese. Dir schien es zu schmecken: Du schlangst sie herunter, nahmst noch einen Teller, kautest mit offenem Mund. Deine Lippen rot von der Tomatensoße. O Gott, wer ist diese Frau?, dachte ich.

Niemand kann so schön ordinär Spaghetti essen wie Du, Adèle. Ich weiß schon, man sollte eine Filmfigur nicht mit einem echten Menschen verwechseln, aber das ist mir egal. Zumal die Filmfigur denselben Namen trägt wie Du, Adèle. Der Film heißt Blau ist eine warme Farbe, er hat Dich berühmt gemacht, mit nur 19 Jahren. Du hast große Preise gewonnen dafür. Du spielst ein Mädchen, das sich in eine Frau verliebt. Manchmal, wenn ich nachts betrunken nach Hause kam und nicht schlafen konnte, schaute ich mir an, wie Du Spaghetti isst.

Ich mag, wie Du mit der Zunge über deine Lippen fährst, bevor du küsst. Ich mag, wie Du die Augen niederschlägst, wenn Du Dich schämst. Deine unbeholfenen Versuche, verführerisch zu sein. Ich mag, wie Du rauchst. Diese Lippen, Dein Mund. Mon dieu! Ich habe mir auf YouTube alle Deine Interviews angeschaut und auf Instagram deine Fotos. Du scheinst ein wahnsinnig glamouröses Leben zu führen – Du bist auf Modenschauen in Paris und London, Du feierst mit Freunden in Barcelona und L.A., Du bist auf dem Cover der GQ.

Ich habe mir überlegt, wie ich Dich auf mich aufmerksam machen könnte. Adèle, ich habe mir vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn ich Dich interviewte: fünfzehn Minuten in irgendeinem Hotelzimmer. Wahrscheinlich würdest Du im Schneidersitz auf dem Boden sitzen, eine Zigarette rauchen und Dir mit der Hand durchs nasse Haar fahren und mich verächtlich anschauen für diese Journalistenfragen, die ich Dir stelle und die mich im Grunde selber nicht interessieren. Ich möchte viel lieber wissen, wie du riechst. Ich möchte wissen, ob Du diesen winzigen Leberfleck am Hals wirklich hast. Mein Kollege sagt, dass so berühmte Schauspielerinnen wie Du einen Agenten haben, der ihnen Zeitungsartikel ausschneidet, anmarkert und in eine Pressemappe heftet.

Chérie, appelle-moi: 0152/37 15 98 94.

Bisous, B.

Björn Stephan, 28, ist freier Journalist. Er lebt meistens in Hamburg