"Wir schaffen das!" war der Satz des Jahres; gesagt von Angela Merkel und ungezählte Male wiederholt. Er klingt optimistisch, ungewöhnlich mutig, trotzig gegen die Stimmen in der eigenen Partei und wohltuend selbstsicher.

Wir schaffen was? Was fehlt, ist die Frage, auf die der Satz der Kanzlerin die Antwort ist. Wie lautet sie? Wir schaffen es, Millionen vor Krieg und Armut geflohene Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren? Der Exodus der Flüchtlinge aus ihren Heimatländern hat gerade erst begonnen. Er wird die Geografie des 21. Jahrhunderts umformen. Und er wird die Politik der reichen europäischen Länder verändern müssen im Hinblick auf eine neue völkerübergreifende Solidarität. Schaffen wir das?

Zwanzig Jahre ist es her, da veröffentlichte der US-amerikanische Politologe Benjamin Barber sein Buch Jihad vs. McWorld. Es war die Geschichte der immer weiter voranschreitenden kapitalistischen Einheitszivilisation McWorld und ihrer Feinde, der Tribalisten jeglicher Sorte, kurz des Dschihad. Barber war schlau genug, diesen Dschihad nicht als "die arabische Kultur" zu identifizieren, wie es der Ideologe Samuel Huntington ein Jahr später tat, als er vom clash of civilizations sprach. Für Barber bekämpften sich nicht der Westen und die Araber, sondern die blutleere Profitwirtschaft und die blutige Politik derjenigen, die an vielen Orten der Welt um ihre Identität fürchten. Und während Huntington die Freiheit des Westens im Kampf gegen die Unfreiheit des Orients sah, bedrohten für Barber beide, McWorld und Dschihad, gleichermaßen die bürgerliche Freiheit. Die Erstere, indem sie sich über sie global hinwegsetzt, Letzterer, indem er seine Identität rücksichtslos verabsolutiert.

In den Zeiten von TTIP und NSA auf der einen, dem IS auf der anderen Seite erscheint Barbers Analyse prophetisch und frappierend aktuell. Aus Bürgern sind Konsumenten und User geworden, und der islamistische Extremismus blüht in der arabischen Welt stärker denn je. Nur die Formulierung McWorld erscheint heute auf abständige Weise als niedlich. Wer heute die globale ökonomische Matrix beschreibt, denkt nicht an einen schlingernden Fast-Food-Konzern, sondern an die allmächtige Digitalindustrie, die Barber noch kaum ahnen kann. Die uniforme Verwertungszivilisation unserer Zeit ist besser bezeichnet als world.com. Sie ist das Räderwerk, das unsere Welt gestaltet und verändert und alle Stammeskämpfer zu Statisten macht, ob IS, Front National, Esquerra Republicana de Catalunya oder Pegida. Arabischer, französischer, katalanischer oder sächsischer Tribalismus sind blutige, laute oder schräge Phänomene unserer Zeit – sie werden den Gang der Weltgeschichte nicht aufhalten. Gewinnen werden am Ende jene, die an die unsichtbare Hand des Marktes glauben und nicht an andere unsichtbare Mächte wie Gott, Glorie und Heimat.

Dieser Siegeszug der world.com ist nicht denkbar ohne die Millionen von Menschen, Kriegsopfer, Vertriebene und Glückssucher, die ihre unglückseligen Heimatländer verlassen und in die glückseligen Länder des Reichtums ziehen. Es ist ein Zeichen von bewundernswerter Moralität, dass Hunderttausende von ehrenamtlichen Helfern sie in Deutschland willkommen heißen und ihnen in ihr neues Leben helfen. Und hatte nicht jeder Sender, jede Zeitung gleich zu Anfang die Reporter ausschweifen lassen? Wie auf ein geheimes Zeichen hin füllten Reportagen alle Massenmedien. Wir lasen rührende Geschichten von abenteuerlichen Fluchten, herzzerreißenden Abschieden und Irrwegen.

Der einzelne Flüchtling, so lernen wir hier, ist ein guter Mensch. So weit, so grundsätzlich. Selbst die AfD wird diesen Grundsatz nicht bestreiten. Doch Betroffenheit mit Einzelschicksalen nützt dem Flüchtling nichts: Seine Multiplikation zu Millionen macht ihn gleichwohl nach wie vor für viele zum Gesindel. Als Zahl, nicht als Schicksal, muss der Flüchtling auch die Politik beschäftigen. Sie muss organisieren und verwalten und redet über "Quoten" und "Korridore", über "Transferzonen" und "Obergrenzen". Sie redet, als handele sie ein Freihandelsabkommen aus, über Exportüberschüsse an Menschen aus der Levante und dem Balkan. Bürokratie ist die Sprache, in der jeder Flüchtling humanitär entkernt wird. Sie hat keine Sprache für das Menschliche.

Für die Bürokratie ist Moral kein Bestandteil ihres Codes oder Systems. Sie ist die erdabgewandte Seite des Mondes. Moral lässt sich nicht quantifizieren. Es gibt eine Obergrenze für Weizenexporte und Lohnnebenkosten, aber nicht für fliehende Menschen, denen Elend und Tod droht, Folter und Hinrichtung. Menschlichkeit kennt keine Obergrenze. Jesus Christus und Immanuel Kant haben dies gewusst – Horst Seehofer muss es noch lernen. Moral weiß nichts von Vaterländern und Volkszugehörigkeiten. Das steht im Grundgesetz und in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union.