"Wir schaffen das!" war der Satz des Jahres; gesagt von Angela Merkel und ungezählte Male wiederholt. Er klingt optimistisch, ungewöhnlich mutig, trotzig gegen die Stimmen in der eigenen Partei und wohltuend selbstsicher.

Wir schaffen was? Was fehlt, ist die Frage, auf die der Satz der Kanzlerin die Antwort ist. Wie lautet sie? Wir schaffen es, Millionen vor Krieg und Armut geflohene Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren? Der Exodus der Flüchtlinge aus ihren Heimatländern hat gerade erst begonnen. Er wird die Geografie des 21. Jahrhunderts umformen. Und er wird die Politik der reichen europäischen Länder verändern müssen im Hinblick auf eine neue völkerübergreifende Solidarität. Schaffen wir das?

Zwanzig Jahre ist es her, da veröffentlichte der US-amerikanische Politologe Benjamin Barber sein Buch Jihad vs. McWorld. Es war die Geschichte der immer weiter voranschreitenden kapitalistischen Einheitszivilisation McWorld und ihrer Feinde, der Tribalisten jeglicher Sorte, kurz des Dschihad. Barber war schlau genug, diesen Dschihad nicht als "die arabische Kultur" zu identifizieren, wie es der Ideologe Samuel Huntington ein Jahr später tat, als er vom clash of civilizations sprach. Für Barber bekämpften sich nicht der Westen und die Araber, sondern die blutleere Profitwirtschaft und die blutige Politik derjenigen, die an vielen Orten der Welt um ihre Identität fürchten. Und während Huntington die Freiheit des Westens im Kampf gegen die Unfreiheit des Orients sah, bedrohten für Barber beide, McWorld und Dschihad, gleichermaßen die bürgerliche Freiheit. Die Erstere, indem sie sich über sie global hinwegsetzt, Letzterer, indem er seine Identität rücksichtslos verabsolutiert.

In den Zeiten von TTIP und NSA auf der einen, dem IS auf der anderen Seite erscheint Barbers Analyse prophetisch und frappierend aktuell. Aus Bürgern sind Konsumenten und User geworden, und der islamistische Extremismus blüht in der arabischen Welt stärker denn je. Nur die Formulierung McWorld erscheint heute auf abständige Weise als niedlich. Wer heute die globale ökonomische Matrix beschreibt, denkt nicht an einen schlingernden Fast-Food-Konzern, sondern an die allmächtige Digitalindustrie, die Barber noch kaum ahnen kann. Die uniforme Verwertungszivilisation unserer Zeit ist besser bezeichnet als world.com. Sie ist das Räderwerk, das unsere Welt gestaltet und verändert und alle Stammeskämpfer zu Statisten macht, ob IS, Front National, Esquerra Republicana de Catalunya oder Pegida. Arabischer, französischer, katalanischer oder sächsischer Tribalismus sind blutige, laute oder schräge Phänomene unserer Zeit – sie werden den Gang der Weltgeschichte nicht aufhalten. Gewinnen werden am Ende jene, die an die unsichtbare Hand des Marktes glauben und nicht an andere unsichtbare Mächte wie Gott, Glorie und Heimat.

Dieser Siegeszug der world.com ist nicht denkbar ohne die Millionen von Menschen, Kriegsopfer, Vertriebene und Glückssucher, die ihre unglückseligen Heimatländer verlassen und in die glückseligen Länder des Reichtums ziehen. Es ist ein Zeichen von bewundernswerter Moralität, dass Hunderttausende von ehrenamtlichen Helfern sie in Deutschland willkommen heißen und ihnen in ihr neues Leben helfen. Und hatte nicht jeder Sender, jede Zeitung gleich zu Anfang die Reporter ausschweifen lassen? Wie auf ein geheimes Zeichen hin füllten Reportagen alle Massenmedien. Wir lasen rührende Geschichten von abenteuerlichen Fluchten, herzzerreißenden Abschieden und Irrwegen.

Der einzelne Flüchtling, so lernen wir hier, ist ein guter Mensch. So weit, so grundsätzlich. Selbst die AfD wird diesen Grundsatz nicht bestreiten. Doch Betroffenheit mit Einzelschicksalen nützt dem Flüchtling nichts: Seine Multiplikation zu Millionen macht ihn gleichwohl nach wie vor für viele zum Gesindel. Als Zahl, nicht als Schicksal, muss der Flüchtling auch die Politik beschäftigen. Sie muss organisieren und verwalten und redet über "Quoten" und "Korridore", über "Transferzonen" und "Obergrenzen". Sie redet, als handele sie ein Freihandelsabkommen aus, über Exportüberschüsse an Menschen aus der Levante und dem Balkan. Bürokratie ist die Sprache, in der jeder Flüchtling humanitär entkernt wird. Sie hat keine Sprache für das Menschliche.

Für die Bürokratie ist Moral kein Bestandteil ihres Codes oder Systems. Sie ist die erdabgewandte Seite des Mondes. Moral lässt sich nicht quantifizieren. Es gibt eine Obergrenze für Weizenexporte und Lohnnebenkosten, aber nicht für fliehende Menschen, denen Elend und Tod droht, Folter und Hinrichtung. Menschlichkeit kennt keine Obergrenze. Jesus Christus und Immanuel Kant haben dies gewusst – Horst Seehofer muss es noch lernen. Moral weiß nichts von Vaterländern und Volkszugehörigkeiten. Das steht im Grundgesetz und in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union.

Deutschland ist überfordert

Unser Denken ist konfus. Die Nöte und Notwendigkeiten des Alltags hier – der hehre Imperativ der Moral dort. Wem gegenüber müssen wir das größere schlechte Gewissen haben: gegenüber dem Flüchtling, den wir nicht aufnehmen, oder gegenüber Deutschlands Zukunft? Das Land zerfällt in die Ängste der Bürokraten (die doch um vieles kleiner sind als die der Flüchtlinge) und die Angst, die jeden guten Christenmenschen plagen sollte, seinem Nächsten, der auch der Fernste sein kann, nicht alles zu geben, was er zum Leben braucht. Die Moral verleiht das bessere Gefühl, die Zahlen geben einen Rahmen, in den man sich flüchten kann.

Deutschland ist überfordert. Wie wir in der Flüchtlingsfrage alles in Zahlen umrechnen, so folgen wir auch angesichts der Terroranschläge von Paris sofort einem altvertrauten Muster. "Verantwortungsbewusste Dämonisierung" könnte man es nennen. Wieder haben wir es nicht mit Menschen zu tun, sondern mit "dem Terror". Vor diesem Terror schützt und warnt uns der Innenminister nach dem abgesagten Fußballspiel in Hannover mit aktengrauer Haltung, verkniffenem Mund und gefährlichen Worten: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern!" Soll heißen: Wenn Sie wüssten, was wir wüssten ... Der "Terror" hat eine Dimension, die uns in ihrem ganzen Ausmaß offensichtlich nicht zumutbar ist. Deshalb müssen wir Deutschen Angst haben und besonnen darauf reagieren. Und wenn die Deutschen sich in erster Linie vor Krankheiten, vor vergifteten Lebensmitteln, vor Schadstoffbelastungen, vor dem Klimawandel und davor fürchten, zu dick zu werden, dann müssen die Massenmedien wirklich viel tun, dass wir uns alle auch noch vor dem Terror fürchten, dabei besonnen bleiben und "ein Zeichen setzen".

Immerhin soll sich dieser ominöse Terror "besiegen" lassen. Nämlich indem man "Verantwortung übernimmt" – in diesem Kontext immer ein Synonym für "Krieg führt". Für das Übernehmen von Verantwortung spricht viel, für diesen Krieg, den wir jetzt führen, wenig. Wie oft muss man eigentlich noch wiederholen, dass es keinen "Krieg gegen den Terror" gibt? Terrorismus ist ein kämpferisches Mittel, das gewaltbereite Menschen einsetzen, denen keine Armee zur Verfügung steht. Aber "der Terror" ist keine kriegführende Macht. Gut möglich, dass die Mörder von Paris Kontakte zum IS im Irak und in Syrien hatten. Aber der Terrorismus als Mittel steht und fällt nicht mit dem IS. Es gab den Terror der palästinensischen Fatah, den Linksterrorismus der 1970er Jahre in Westeuropa, den Nazi-Terrorismus der 1990er Jahre in den neuen und alten Bundesländern, den Al-Kaida-Terrorismus, und es wird auch nach dem Abgang des IS aus der Weltgeschichte weiterhin Terrorismus geben.

Ein Terrorist muss den Sand der syrischen Wüste und die Monster, die er derzeit gebiert, nie gesehen haben. Und um jemanden in einer europäischen Fußgängerzone, einem Club oder einem Café umzubringen, muss man nicht mit dem IS in Kontakt stehen. Ein Küchenmesser und eine finstere Gesinnung reichen völlig aus. Und doch rüsten wir uns nun überhastet für einen "Krieg gegen den Terror" und schicken Tornados über die Wüste von Euphrat und Tigris. Ja, es ist richtig, die Menschen dort vor den Gräueltaten des IS schützen zu wollen; aber es ist sicher nicht richtig, dass wir es aus einem Affekt heraus und ohne jeden Plan tun. Sollte sich der IS besiegen lassen, werden andere islamistische Warlords die Kontrolle übernehmen und sich bis ans Ende aller Tage bekriegen; gar nicht zu reden von den durch uns bis an die Zähne bewaffneten kurdischen Peschmerga, die ihre Waffen nicht dankbar zurückgeben, wenn der IS sich verflüchtigt. Mit dem Kampf um Kurdistan ist der nächste Krieg programmiert.

Politik bedeutet heute, aus einem überwiegend medialen Entscheidungszwang heraus zu handeln, obwohl wir nicht wissen, was zu tun ist. Eine europäische Nahost-Strategie gibt es nicht. Wir sind Getriebene und treiben nichts voran. Das Vakuum, das die derzeit verunsicherten und ziemlich orientierungslosen USA im Nahen Osten hinterlassen, füllen wir weder mit Gedanken aus noch mit Taten. So viele Jahrzehnte sind wir den USA im Windschatten gefolgt, dass wir vergessen haben, was eine gestaltende Außenpolitik ist. Zu Zeiten des Kalten Krieges war Außenpolitik einfach: Man tat alles, was die USA wollten, und verzichtete dabei auf militärische Beteiligung. Das 21. Jahrhundert hat andere Koordinaten und erfordert eine europäische Außenpolitik, die mehr im Blick hat als die Sicherung ökonomischer Interessen. Bislang stellt sich eine solche Politik als eine einzige Überforderung dar, national und europäisch. Deutsche, allen voran der talentierte Herr Steinmeier, sind besonnene Diplomaten zwischen Streithähnen. Eine Zukunftsstrategie dagegen ist bei keinem Konfliktherd in Sicht.

Der Politologe Herfried Münkler sieht den Grund dafür in unserer überalterten Gesellschaft. Sie gestalte nicht, sondern formuliere bevorzugt Werte, Regeln und Normen. Schreibtischphilosophen statt Macher, könnte man Münkler zusammenfassen. Alles richtig. Aber liegt das tatsächlich an der Überalterung unserer Gesellschaft? Ein anderer Grund dürfte noch wichtiger sein: Der Motor unserer politischen Entwicklung, nicht nur beim "Krieg gegen den Terror", ist der Affekt und nicht die Vernunft. Nicht durchdachte Zukunftsszenarien bestimmen unser politisches Handeln, sondern die Entrüstungsindustrie der Massenmedien. Politiker reagieren darauf mit taktischen Entscheidungen, nicht mit strategischen. Taktik bedeutet, das situativ Opportune zu tun; Strategie bedeutet, auf ein langfristiges Ziel hinzuarbeiten.

Eine solche Politik widerspricht der Ur-Idee der Politik – dem autonomen Handeln. Die Politik handelt heteronom nach den Bedingungen der Massenmedien. In einer Gesellschaft, die in Windeseile auf Autonomie verzichtet, darf das nicht verwundern. Unsere entscheidungsschwache Außenpolitik ist Teil unserer kollektiven Mentalität. Das digitale Zeitalter lockt uns, nicht mehr autonom sein zu wollen. Wir tauschen Autonomie gegen Bequemlichkeit, Freiheit gegen Komfort, Abwägung gegen Glück. Wie soll man in unserer hochkomplexen Lebenswelt die richtigen finanziellen, materiellen, gesundheitlichen und ethischen Entscheidungen treffen? Je mehr wir wissen, umso weniger wissen wir, was wir tun sollen. Was Google uns verspricht, ist die Erlösung von der Diktatur der Freiheit – Wohlfühlmatrix statt Freiheitsmühsal, lautet die Vision. Sie hat uns längst kollektiv erfasst. Wer den Kontrollverlust über seine Daten hinnimmt und wer seine Entscheidungen digitalen Algorithmen überlässt, der signalisiert, dass ihm Autonomie nicht wirklich viel bedeutet.

Kein Wunder, dass ein Volk, das sein Leben zunehmend auf Taktik und Unselbstständigkeit gründet und affektiv entscheidet statt langfristig plant, Politiker hat, die keine strategische Politik betreiben. Deutschland steht damit nicht allein, der gesamte Westen scheint gelähmt. Selbst die USA, die überall interveniert und viel Unheil angerichtet haben, scheinen nicht mehr richtig zu wollen. Auch Putin will gerade mal seine Militärbasen in Syrien bewahren; Hollande will irgendetwas tun, um nicht als Schwächling dazustehen. Nur Erdoğan scheint ein langfristiges Ziel zu haben, wenn auch ein Retro-Ziel: die Wiedererrichtung des Osmanischen Reiches; ein großer kleiner Türkenstolz in der world.com.

Es gibt kein "Rundum-sorglos-Package" für die Flüchtlingsfrage

Wenn es einen Glauben gibt, der im 21. Jahrhundert verloren gegangen ist, dann den Glauben daran, Probleme langfristig lösen zu können. Lösungen für das Elend der Welt trauen wir allenfalls Bill Gates zu und vielleicht Larry Page oder Mark Zuckerberg. Doch bei Google und Facebook werden weiterhin Tausende Genies mit einem Milliardenaufwand ungezählte kommerziell erfolgreiche Antworten auf nicht gestellte Fragen finden – die wirklichen Probleme der Welt lassen sie stumm.

Scheint also, als müsse die Politik es selbst richten. Allerdings nicht schlicht nach bewährter Methode. In einer Gesellschaft des "Alles auf einmal, und zwar sofort" entbindet man sich von Schwierigkeiten normalerweise durch Geld. Man kauft Flatrates und "Rundum-sorglos-Packages". Minister messen den sozialen Erfolg von Bildung, Familie, Gleichberechtigung und Arbeitswelt an dem Geld, das sie dafür ausgeben. Für jedes gesellschaftliche Problem werden Fonds eingerichtet oder "Pakete geschnürt", getreu der ökonomischen Maxime: Was mehr kostet, ist bestimmt auch besser! Doch ein höherer Wehretat löst die Probleme im Nahen und Mittleren Osten nicht, und auch ein paar Milliarden mehr für Entwicklungshilfe sind keine Lösung. Ohne Strategie und kluge Menschen, die sie entwickeln, wird es nicht gehen.

Was Mangel an strategischem Denken und Voraussicht bedeutet, lässt sich in der Flüchtlingsfrage anschaulich zeigen. Wenn heute Millionen Menschen aus armen Ländern vor unserer Tür stehen, so trifft uns das angeblich völlig überraschend. Wer hätte das wissen können? Die Antwort: jeder! Die Menschenströme folgen den Kapitalströmen, das wusste schon Karl Marx. Menschenströme lassen sich nicht aufhalten. Das ist noch nie jemandem gelungen! Seit Jahrzehnten schießen US-Grenzposten auf mexikanische Einwanderungswillige. Mehr als 10.000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Doch die Zahl der illegal erfolgreich Eingewanderten ist weit höher und wird weiter anwachsen.

Auch Europa kann sich nicht abschotten, um seine Wohlfühlmatrix nicht teilen zu müssen. Haben wir wirklich geglaubt, wir bekämen eine Globalisierung de luxe? Nur die Sonnenseite und nicht die Schatten? Europa als digitales Schlaraffenland? Eine Kultur- und Denkmalschutzoase für überalterte, schönheitsoperierte User und Konsumenten? Ein Welterholungsgebiet für Wohlhabende, vom Naturschutz konserviert und vom Klimawandel zu vielen neuen Blüten gebracht? Zugeschüttet durch Produkte aller Couleur von den laufenden Bändern in China und Bangladesch, verkauft als unendlicher Spaß aus der Sinn- und Unsinnproduktion?

Mal abgesehen von der Frage, ob wir glücklich sein werden, wenn wir so leben, wie die Visionäre unserer wirtschaftlichen Zukunft es uns verheißen – das 21. Jahrhundert wird vor allem das Jahrhundert sein, in dem wir unseren Wohlstand mit jenen teilen müssen, auf deren Kosten wir ihn zum Teil erarbeitet haben und weiter erarbeiten. Die Menschenrechte wurden im 18. Jahrhundert erklärt, im 19. Jahrhundert wurden sie in Europa partiell akzeptiert, im 20. Jahrhundert hier weitgehend verwirklicht. Das 21. Jahrhundert wird dasjenige sein, in dem wir sie global ernst nehmen müssen. Sich zur Aufklärung zu bekennen darf nicht heißen, bei Europa aufzuhören. Menschenrechte stehen allen Menschen zu.

Die Menschen, die heute vor unserer Haustür landen, sind gekommen, um zu bleiben. Sie wollen von der Globalisierung profitieren und nicht ihre Opfer bleiben, etwa als Versehrte der globalisierten Rüstungsindustrie. Wenn es legitim ist, dass Rüstungsfirmen wie Rheinmetall und Heckler & Koch von den Kriegen der Welt profitieren, ist es dann nicht auch legitim, dass die Kriegsopfer nach Düsseldorf und ins Neckartal kommen? Und sei es, weil sie lieber Maschinenpistolen zusammenschrauben, als durch ihre Kugeln zu sterben ...

Aber wir können doch nicht alle aufnehmen, klagen selbst die Wohlmeinenden. Was wird aus unserem Deutschland, wenn weitere Millionen Muslime zu uns kommen? Wird unser Land noch deutsch sein? Die Frage ist seltsam. Sie setzt voraus, dass wir wüssten, was Deutschland ist. Und dass es überhaupt etwas ist. Selbst die AfD und Pegida scheinen nicht recht zu wissen, zu welchem Deutschland sie zurückwollen. Wo beginnt sein Ausverkauf? Sind Pizzerien so undeutsch wie Sushi und Dönerbuden? Ist das Smartphone deutsch? Sind Up- und Downloaden urdeutsche Tätigkeiten? Was war Deutschland einst? Das Land der frühen Ladenschlusszeiten, das Land von Menschen, die noch aus Pflichtgefühl in die Kirche gingen und in dem selbst Studenten sich siezten? Ein Land, dessen Gastronomie weitgehend aus Strammem Max und Zigeunerschnitzel bestand; dessen Liedgut von geduldeten Ausländern wie Vico Torriani und Caterina Valente bestimmt wurde, bevor in den Siebzigern mit Gesangsmigranten wie Roberto Blanco, Vicky Leandros, Demis Roussos und Bata Illic alle Dämme brachen. Was ist heute noch deutsch? Blaue Schilder auf Autobahnen? Frakturschrift? Sauerkraut?

Die AfD beschwört auf Marktplätzen die tausendjährige Geschichte Deutschlands. Das ist, trotz finsterer Reminiszenz, nicht falsch. Aber wenn diese Geschichte im 21. Jahrhundert möglicherweise zu Ende geht, so liegt das nicht einfach an den Flüchtlingen. Deutschland schafft sich im Eiltempo ab durch die Globalisierung von Waren und Dienstleistungen. Der durchschnittliche Deutsche verbringt mehr Zeit am Tag im global village als in jenem Gebilde, dem die Wetterkarte eine Form und der Fußball ein Gefühl gibt. Er feiert Xmas und kauft dafür in seelenlosen globalen Ladenketten ein, ganz gleich, ob auf dem Disneylandpflaster der Fußgängerzone oder im Internet.

Es geht nicht um Nutzen oder Schaden auf dem Arbeitsmarkt

Das Deutschland der Rechten dagegen ist eine Bierfantasie, ein Land, das sich nicht vorstellen lässt und das es nicht gibt. Tatsächlich leben wir längst in einer Universalkultur, in der es nun wirklich nicht drauf ankommt, ob ein Syrer oder ein Deutscher digitales Spielzeug bedient, das in den USA erfunden, in Korea vermarktet, von chinesischen Kindern zusammengeschraubt und mit seltenen Erden bestückt wurde, die ein hungernder Hilfsarbeiter im Kongo aus der Erde gegraben hat.

An alldem haben Deutsche entweder Gefallen gefunden oder es zumindest als ökonomisches Naturgesetz akzeptiert. Warum akzeptieren wir nicht mit demselben Gleichmut die Flüchtlinge? Weil sie nicht glitzern? Weil sie nicht Glück, Spaß und ein bequemeres Leben versprechen? Die Flüchtlinge nehmen uns nichts weg, was wir nicht ohnehin verloren haben und weiter verlieren. Und wer sagt, dass das, was uns als Seelenort oder Zutat wichtig ist, nicht weiterhin seine Nische findet? Um das, was keine Grenzen braucht, um deutsch zu sein, brauchen wir uns nicht zu sorgen. Wer es schätzt, soll sich dafür einsetzen. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Schwarzbrot und Schwarzwald sind Werte und Erfolgsschlager. Sie werden überleben, solange es Fans dafür gibt. Es wird sie auch dann noch geben, wenn es Deutschland eines Tages nicht mehr gibt – so wie es immer noch Latein gibt, auch wenn das Römische Reich längst verschwunden ist.

Unsere Vorstellung von Deutschland – ein ethnisches Volk, ein gesichertes Staatsgebiet, ein geschlossener Wirtschaftsraum – stammt aus dem 19. Jahrhundert. In der bildschirmflachen Welt des 21. Jahrhunderts hat dieses Bild sein Relief verloren. Der Markt ebnet alles ein, Geld kennt keine Vaterländer und keine Muttersprache. Dies ist kein politisches Versagen, sondern der Lauf der Weltgeschichte, getrieben von der unaufhaltsamen Dampf- und Wohlstandsmaschine der Ökonomie. Nichts würde deutscher an Deutschland, wenn die AfD die Kanzlerin stellte. Dass unsere Kinder wieder früher heiraten und sich kleine Idyllen aufbauen, wird daran nichts ändern. Als Seelenrefugium, verniedlicht mit einer feinen Portion schwedischem Bullerbü, wird das deutsche Idyll noch lange seinen Dienst tun. Aber es wird eben nur ein Gefühl innerhalb der alles umfassenden world.com sein, mitnichten etwas, was eine eigene Identität für sich beanspruchen kann.

Wer sehen will, wie weit wir dem alten Europa entwachsen sind, der schaue sich unsere durch und durch ökonomisierten Denkschemata an. So streiten wir darüber, ob die Flüchtlinge uns nutzen oder schaden. Für die einen sind sie wirtschaftliche Schädlinge, für die anderen die lang ersehnte Antwort auf die demografische Frage. Wenn wohlmeinende Grüne und andere uns den ungeheuren wirtschaftlichen Nutzen der Flüchtlinge verkaufen wollen und dabei erst sich selbst und dann andere belügen – sind das wirklich alles Ärzte, Akademiker und zukünftige Altenpfleger? –, so denken sie in dem gleichen verengten ökonomischen Schema wie ihre Kontrahenten. Die Frage nach dem "Nutzen" zeigt, wie sehr wir heute nur noch in Kategorien der Verwertung denken, nach dem Kosten-Nutzen-Kalkül der world.com. Bis in die feine Unterwäsche unseres Bewusstseins haben wir es augenscheinlich verlernt, nicht immerfort zu fragen, welchen geldwerten Vorteil wir von etwas haben. Es geht bei der Frage, ob wir Flüchtlinge aufnehmen und wenn ja, wie viele, nicht um Nutzen oder Schaden auf dem Arbeitsmarkt. Wir investieren nicht in Flüchtlinge, sondern wir helfen ihnen!

Die Antwort ist vermutlich ganz einfach: Wir brauchen die Mehrheit der Flüchtlinge nicht als Arbeitskräfte! Und trotzdem werden wir Milliarden für sie ausgeben müssen. Wir werden sie in unser Bildungssystem stecken müssen, in Betreuung, Coaching und Integration. Und wir werden dafür anwachsende Kriminalität bekommen, syrische Restaurants, arabische und skipetarische Musik auf den Straßen und mehr Machos.

All das werden wir überleben, auch wenn es nicht unmittelbar nutzt. Denn das Großartige ist doch: Das Jahr 2015 wird in die Geschichte eingehen – als das Jahr, in dem sich ein kleines Fenster in unserer bewusstseinsverengten Lebensmatrix geöffnet hat. Ein Fenster, durch das von ganz fern und doch so nah ein kleines Stückchen blanker Realität zu uns hereinschien: bunte Gesellen, vom Sturmwind verweht, Glückssucher mit Plastiktüten, Kopftüchern und Kunstlederjacken. Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte! Echte Träume! Echte Hoffnungen! Schließt nicht das Fenster, es ist zu wahr!