Gloomy Sunday von Björk mag Marie am liebsten. Dieses "Lied der Selbstmörder" in der Interpretation der isländischen Sängerin ist ihr ganz persönlicher Abgesang auf ein Leben, an dem sie verzweifelt.

Die 18-Jährige hat eine Borderline-Störung und ritzt sich – Folgen einer Kindheit in einem Trinkerhaushalt ohne Wärme, dafür mit täglichen Schlägen. Inzwischen lebt Marie in einem betreuten Wohnprojekt, allerdings auf Zeit – nach dem letzten Selbstmordversuch schlug ihr Therapeut einen Kuhhandel vor: Sie bleibt ein Jahr am Leben, im Gegenzug lässt er sie nicht einweisen. "Ich beschloss, ein Jahr die Finger vom Mordwerkzeug zu lassen. Meine Heilung vorzutäuschen und mir nach Ablauf der Frist den Exitus zu verpassen." My heart and I have / decided to end it all, wie Björk singt.

Einen veritablen Selbstmörder-Roman hat die Österreicherin Sandra Weihs mit ihrem Debüt Das grenzenlose Und vorgelegt. Ebenso sauber, wie Marie ihr Rasiermesser führt, skizziert die Autorin deren seelische Verletzungen, die empfundene Wertlosigkeit und die Furcht vor der täglichen Entscheidungsvielfalt. Auch Maries aufbrausende, vorlaute Art und die rotzig-aggressive Sprache, durch die sie ihren verletzlichen Kern panzert, sind hervorragend getroffen. Gedanklich konsistent argumentiert die Selbstmörderin in spe mit Cioran als Stichwortgeber für einen Suizid "aus Vernunftgründen".

Im Wartezimmer ihres Therapeuten lernt Marie Emanuel kennen, den "Drei-Uhr-Klienten mit den dunkelblauen, runden Rehaugen". Emanuel hat einen Hirntumor, der in den nächsten Monaten die Kontrolle über seinen Körper übernehmen wird. Bevor er zum Pflegefall wird, möchte er einen selbstbestimmten Tod, und Marie als Expertin in Suizidfragen soll ihm dabei zur Seite stehen. Wie die Geschichte dieses ungleichen Paares weitergeht, kann man sich bei dieser Konstellation in etwa ausmalen: Geschäftig werden die Planungen für einen Doppelsuizid in Anlehnung an jenen von Kleist und Henriette Vogel aufgenommen, ein passender Ort muss gefunden werden, und mit einer großen Flasche Himbeergeist wird das Abdriften in die Bewusstlosigkeit ("ich denke, deswegen vielleicht heißt dieses Getränk Geist") angetestet. Natürlich macht das Spaß, man lernt einander besser kennen, die Endorphine beginnen zu köcheln, und Maries Todessehnsucht schwächt sich ab. Dabei merkt man leider, dass die Autorin auch Sozialarbeiterin ist, so sehr kapert ihr Berufsoptimismus die Handlung. Und spätestens in jener Szene, in welcher Marie erstaunliche Fähigkeiten als Airbrush-Künstlerin an sich entdeckt, verfällt Das grenzenlose Und leider in einen Bildungsroman aus der Didaktiksparte.

Schlussendlich hat in diesem Roman dann doch der Tod das letzte Wort, und zwar in einer trotz Moralinüberschuss rührenden Sentenz. Weshalb man umso mehr bedauert, dass Sandra Weihs ihre interessant angelegte Selbstmörderin einem Lehrstück mit Feelgood-Charakter geopfert hat. Dabei liegen ihre Qualitäten ganz klar in der überzeugenden Figurenzeichnung, den Modulationen innerhalb der psychopathologischen Verfasstheit und dem Blick auf das Kaputte. Debütantinnen wie Weihs oder die gleichaltrige Julia Wolf (deren Roman Alles ist jetzt ebenfalls bei der FVA erschienen ist) verfügen einfach über einen starken Zugriff auf die dreckigen Ecken dieser Gesellschaft, in denen mehr kaputt ist, als jemals wieder heilen kann. Da könnte, sind die Formfindungsprobleme der Debütphase erst einmal überwunden, etwas wirklich Relevantes entstehen.

Sandra Weihs: Das grenzenlose Und. Roman; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2015; 188 S., 19,90 €