Die Wachen der Nacht

Wenn die Nacht übernimmt, verebbt das Leben. Die Autos werden weniger. Die Bahnen fahren seltener. Die Menschen gehen nach Hause. Ziehen sich zurück. Legen ihre Masken ab. Dann gibt es keinen Dresscode mehr. Dann gibt es Gesichter, die ungeschminkt sind. Und nur noch zwei Arten, die Menschen zu unterscheiden: in die, die schlafen gehen, nach und nach. Und in die, die wach bleiben, bei denen das Licht noch brennt.

Das Licht in den Fenstern ist der Wegweiser für diese Geschichte. Es leitet zu den letzten Wachgebliebenen ihrer Viertel. Was lässt sie nicht schlafen?

2:27 Uhr, Eimsbüttel

Eine ruhige Seitenstraße zwischen den U-Bahnhöfen Osterstraße und Lutterothstraße. Eine Radfahrerin scheppert über das Kopfsteinpflaster und zieht ihren Schatten von Laterne zu Laterne. Einzelne Weihnachtssterne und Schwibbögen leuchten hinter Gardinen, sonst ist es dunkel. Nur in einem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss brennt noch Licht, der Fernseher läuft.

Eine Frau öffnet ihre Wohnungstür, läuft zur Haustür, öffnet die Haustür. Sie trägt eine schwarze Hose, einen schwarzer Pullover, schwarze Mütze, schwarze Socken.

"Ich nenn das präsenile Bettflucht", sagt die Frau, "mit dem Alter braucht man weniger Schlaf." Sie geht zurück in ihre Wohnung, stellt den Fernseher im Wohnzimmer aus, geht in die Küche und zündet sich eine Zigarette an, Pontiac-Tabak, 3,85 Euro das Päckchen. "Ich habe mir eben den Beipackzettel von so Schlaftropfen durchgelesen, die mir der Arzt verschrieben hat", sagt sie. Manchmal könne sie gar nicht schlafen, zwei, drei Nächte hintereinander, dann dümpele sie so rum, bis in den Morgen, das könne ja nun auch nicht gut sein. Deshalb die Tropfen.

Christine ist 58 Jahre alt und immer, wenn sie nicht schlafen kann, sieht sie fern. Am liebsten Weltkriegsdokumentationen, Krimis und Wiederholungen von Kochsendungen, Lafer! Lichter! Lecker!, Das perfekte Dinner, Grill den Henssler, solche Sachen. "Aber die kochen alle immer das Gleiche", sagt sie, Fleisch mit Gemüse und Beilage. Die meisten Gerichte kocht sie irgendwann trotzdem nach.

Christine ist arbeitslos. Als sie noch Arbeit hatte, war sie Tutorin für Deutsch und Mathe. Bis vor einem Jahr habe sie Flüchtlinge und Asylbewerber unterrichtet, erzählt sie. Dann sind die Firmen pleitegegangen. Manchmal ging ihr Unterricht nur sechs Wochen lang, aber in diesen sechs Wochen, sagt sie, seien ihr die Schüler so schnell ans Herz gewachsen. "Die waren so wissbegierig und aufmerksam und höflich." Sie will jetzt versuchen, einen Job an einer Volkshochschule zu bekommen, vielleicht suchen die jemanden wie sie. Gerade jetzt, wo doch vielen Deutsch beigebracht werden muss.

Christine lebt allein, hat keine Kinder, keinen Ehemann, ihr Freund wohnt in Harburg. Aus Prinzip sei sie nicht verheiratet, sagt sie. Der Staat habe in der Liebe nichts zu suchen, und genau das sei die Ehe doch, eine Einmischung des Staates in eine Beziehung. Aus Prinzip habe sie auch keine Kinder. Denen müsse man den Willen brechen – und das wolle sie nicht. Mit 24 Jahren hat sie sich sterilisieren lassen. Damit sie nicht ungewollt schwanger wird.

Es ist kurz nach drei, als Christine müde wird. In dieser Nacht braucht sie keine Schlaftropfen. Sie sperrt die Tür zu, schiebt ein wurstförmiges Frotteekissen gegen die Kälte an den Türspalt und knipst das Licht aus. Im Treppenhaus ist es dunkel, der orangefarbene Punkt des Lichtschalters weist den Weg in Richtung Ausgang. Draußen fällt der Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile, auf vier Eingänge und gut drei Dutzend Fenster: alles dunkel, Eimsbüttel schläft.

3:11 Uhr, St. Pauli

Im ersten Stock schimmert ein schwacher Schein durchs Fenster, auf dem Balkon sind nur die Silhouetten zweier Menschen zu sehen, sie rauchen. Bloß nicht klingeln, rufen sie runter, die Tochter schläft schon! Die Haustür öffnet sich brummend. Oben wartet Andi, 47 Jahre alt, blauer Hoodie, blonder Schnauzer. Die Dielen knarzen. Er schleicht ins Schlafzimmer und durch eine Flügeltür weiter ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa sitzt Sarah, 34, blonde, kurze Haare, sanfte Stimme, und flüstert: "Sorry, aber Frieda schläft schon."

Nachts, sagt Sarah, sei nun ihre gemeinsame Zeit, Elternzeit

Auf dem Couchtisch vor ihr steht ein weißer Laptop, daneben eine halb volle Flasche Jever. Die Lampe, die hinaus auf den Fußweg leuchtete, klemmt an der Rückwand einer riesigen Couch und wirft einen schmalen Lichtstreifen die Wand hinauf. Sarah und Andi sind erst vor drei Wochen eingezogen, leere Umzugskartons stapeln sich noch an der Wand: sanierter Altbau, 90 Quadratmeter, zwei Balkone. Im Erdgeschoss eine Bar, die Siebziger-Jahre-Discomusik spielt.

Nachts, sagt Sarah, sei nun ihre gemeinsame Zeit, Elternzeit. Frieda schläft dann in ihrem Zimmer, Sarah und Andi sitzen einfach da, reden und trinken Bier. Sie reden, bis sie einschlafen und nach drei, vier Stunden von ihrer Tochter wieder geweckt werden.

An diesem Abend sei ein Freund da gewesen, erzählt Andi, ist eben erst gegangen. Beziehungsprobleme. Der Freund findet, er müsse doch auch Zeit haben können ohne die Freundin, er dürfe doch auch mal allein sein wollen, oder? Sarah und Andi haben zugehört und Jever getrunken. Jetzt sind sie ein bisschen angeschwipst. "Sorry dafür", sagt Andi, "aber wir hatten nicht mehr mit Besuch gerechnet".

Sarah und Andi kennen sich vom Filmset, sie arbeitete als Kostümbildnerin, er war fürs Catering zuständig, damals vor fünf Jahren. Kurz vor Ende der Dreharbeiten besorgte Sarah sich Andis Nummer. Die beiden trafen sich, einmal, zweimal, sie zog bei ihm ein, und die beiden wurden Eltern. Frieda ist gerade zwei geworden.

Diese Schauspieler, sagt Sarah, am schlimmsten sind die, die berühmt sein wollen, es aber nicht sind.

Musst du dir so vorstellen, sagt Andi, der Regisseur lässt eine Szene immer wieder spielen, weil er unzufrieden ist. Der Schauspieler glaubt aber, er hat doch schon sein Bestes gegeben. Dann kriegt der natürlich irgendwann schlechte Laune.

Am besten sind die berühmten Schauspieler, sagt Sarah, die Professionellen. Die kommen ans Set und nehmen alles ein. Mario Adorf, Moritz Bleibtreu, solche Leute.

Aber jetzt stell du doch mal deine Fragen, wir quatschen dich hier ja die ganze Zeit voll, sagt Andi.

Wenn man nachts bei Leuten klingelt, dann ist das bestimmt so, dass viele einfach anfangen zu erzählen, kann ich mir vorstellen, sagt Sarah.

Willst du ein Bier oder Wasser?, fragt Andi und schleicht in die Küche. Bloß nicht Frieda wecken!

Draußen zwitschern die ersten Vögel. Dazwischen krakeelen die letzten Kiezgänger. Die Bars schließen. Die Musik verstummt. Letzte Runde überall. Spätestens um 6 Uhr wacht Frieda auf. Sie sind früh aufgestanden, müssen wieder früh raus. Noch eine Zigarette auf dem Balkon. Dann geht auch bei Sarah und Andi die Couchlampe aus.

23:58 Uhr, Altona

Von der Straße aus kann man Corinna beim Arbeiten zuschauen. Sie sitzt am Küchentisch und blickt auf den Bildschirm ihres Laptops. Große Hornbrille, kuscheliger Pullover, eine Kanne Tee auf dem Tisch. Fünf kahle Glühbirnen hängen von der Decke und strahlen die Küche aus. Es dauert einen Moment, bis Corinna merkt, dass jemand vor ihrer Tür steht. Als sie es mitbekommen hat, schreckt sie kurz auf, schaut sich um und öffnet einen Spalt. Sie wohnt an einem dieser Party-Trampelpfade, die den Kiez mit der Schanze verbinden. Wieder so ein Besoffener, der sich einen Scherz erlauben will, denkt sie zuerst.

Corinna liest gerade einen englischen Text Korrektur, der am nächsten Tag online gehen soll, es geht um Branding und Advertising, Markenbildung und Werbung, sehr dröge und viel zu lang. Finanziert aber die Miete. "Und wie das dann immer so ist", sagt sie, "der Text kam mal wieder auf den letzten Drücker, und jetzt muss ich eben noch arbeiten."

Süchtig nach Kaffee, Zigaretten und Schokolade

Vor vier Jahren ist sie in diese Wohnung gezogen. Ihr Zuhause hat etwas Atelierhaftes: vorn, gleich hinter der Wohnungstür, ein großer Raum mit Bücherwand und schwerem Holztisch, dahinter, abgetrennt durch eine Theke, die Küche. Dann das Schlafzimmer. Ihre Vormieterin hat die Wände bis auf die Grundmauern abgetragen, die letzte Schicht war der Putz aus dem Jahr 1895.

Das Licht schimmert durchs vordere Zimmer und wird heller, je näher man der Küche kommt. Wie ein Spotlight, das auf den Hauptdarsteller gerichtet ist.

Corinna ist 49 Jahre alt und arbeitet als Lektorin und Übersetzerin. Sie ist geschieden, kinderlos. War so nicht geplant, sagt sie, Kinder hätte sie schon gern gehabt. Hat sich aber irgendwie nicht ergeben. "Klar, manchmal gibt es so Tage, an denen man sich einsam fühlt, wo man sich dann Gedanken macht", sagt Corinna. Kurze Pause, dann sagt sie: "Aber das ist selten."

Sie lebt zusammen mit Jonny, einem schwarz-weißen Straßenkater, der einem verstorbenen Freund gehörte. Nach dessen Tod wollte sie Jonny unbedingt vor dem Tierheim retten. Sie hat einen Quader aus einer Glaswand in der Küche rausgenommen und einen Lappen davorgespannt: Jonnys Katzentür. Wenn er rauswill, klettert er über ein Waschbecken durch das Loch in der Wand und verschwindet im Hinterhof, manchmal für Tage.

Corinnas Wecker klingelt gegen neun. "Es gab aber auch eine Zeit in meinem Leben, da bin ich manchmal gar nicht aufgestanden", sagt sie. Zehn Jahre ist das her. Corinna war arbeitslos und hatte ein Drogenproblem. Freunde, Familie und Selbsthilfegruppe haben sie zurück ins Leben gezogen. Jetzt lektoriert sie und unterrichtet Englisch, sie ist zweisprachig aufgewachsen. Süchtig sei sie immer noch, sagt Corinna, aber nur noch nach Kaffee, Zigaretten und Schokolade.

1:37 Uhr, Lokstedt

Blaues, zuckendes Licht. Schwarz. Wieder Blau, dann helles Gelb. Ein Einfamilienhaus. Der Rollladen ist zur Hälfte heruntergelassen, dahinter flackert ein Fernseher. Die Klingel hört sich an wie ein defekter Schulgong, bei dem der dritte Teil fehlt: Dingdong. Ein Mann Mitte 40, vielleicht auch ein paar Jahre älter, öffnet die Tür. Er trägt Pantoffeln und einen Morgenmantel. Er riecht nach Alkohol, er lallt. Ein Gespräch? Nicht möglich.

1:55 Uhr, Karoviertel

Fünf Stockwerke, zehn Klingeln. Wenn sich der Elektriker keinen Scherz erlaubt hat, dann sollten die Klingeln nach den Etagen geordnet sein. Oben ist alles dunkel, nur im ersten Stock brennen noch zwei Lampen. Unterste Klingel links also. Drei Namen, eine WG. Von draußen ist zu hören, wie es drinnen klingelt. Die Haustür knackt auf, ohne dass sich jemand über die Sprechanlage meldet. Das Treppenhaus bleibt dunkel.

Im Türrahmen wartet Leonie, 23 Jahre alt, Kapuzenpulli, lange, dunkle Haare, müde Augen. Oh, eigentlich habe sie jemand anderen erwartet, die Jungs aus ihrer Lerngruppe. Die haben vorhin nämlich ihr Zeug vergessen, Ladekabel und Notizblock, aber okay, komm rein. Sie erklärt ihrer Mitbewohnerin Marta, 22, warum da plötzlich ein Fremder im Flur steht. "Ach, das können wir uns jetzt nicht nehmen lassen", sagt Marta. "Wir müssen aber leise sein, unsere dritte Mitbewohnerin schläft schon." Es riecht nach frisch gewaschener Wäsche.

Auf Leonies Schreibtisch liegt eine Seminararbeit, in ein paar Stunden ist Abgabe, sie ist gerade damit fertig geworden. Sie studiert Urban Design und sollte etwas über städtische Phänomene auf der Veddel herausfinden. Sie entdeckte Lkw, überall Lkw. Logisch, Industriegebiet. Aber wie bewegen sich die Lkw-Fahrer vor Ort? Wo gehen sie essen, pinkeln, einkaufen? Wo schlafen sie? Leonies Gruppe erstellte Matrizen und Beziehungscluster. Gibt zehn Creditpoints.

Marta, die Mitbewohnerin, studiert Psychologie und Informatik. Ungewöhnliche Kombination, sagt sie selbst. Sie hat sich eine Tasse Tee gemacht und sich zu Leonie ins Zimmer gesetzt. "Boah, ich wollte schon vor zwei Stunden im Bett sein", sagt Marta. "Aber wenn ich von der Uni nach Hause komme, kann ich mich einfach nicht gleich wieder an den Schreibtisch setzen und loslegen." Deswegen brennt das Licht auch häufig noch nach 2 Uhr: Schreibtischlampen in sonst dunklen WG-Zimmern, wenn Leonie und Marta noch arbeiten müssen. Am liebsten aber sitzen sie in der Küche: Dann gibt’s Moscow Mule, den Cocktail mit Ingwergeschmack.

Es ist schon fast drei. Im Haus gegenüber brennt noch Licht, ganz oben und ganz unten, zwei Häuser weiter auch. Im Karoviertel wird es nachts nicht wirklich dunkel, hier wohnen besonders viele, die nicht schlafen können. Oder dürfen. Oder bei denen es egal ist, ob sie den Tag vertrödeln oder die Nacht, ob sie tags arbeiten oder nachts. "In unserer Gesellschaft ist es anerkannt, früh aufzustehen und dann morgens um acht fleißig anzufangen", sagt Marta, "ist doch Mist! Ich funktioniere halt am besten zwischen elf am Morgen und zwei Uhr nachts. Ich mache die gleichen Sachen, nur eben wann anders." Wenn das deutsche Leben einfach mal zwei Stunden später beginnen würde – Krankenhausvisite erst um acht, Schulbeginn um halb zehn: alle wären entspannter, findet sie.

"Ich genieße die Nacht", sagt Marta. "Ich genieße es, wenn ich allein sein kann mit meinen Gedanken. Wenn die U-Bahn leer ist, wenn es langsamer wird. Die letzte Stunde in meinem Zimmer, bevor ich schlafen gehe, ist für mich sehr beruhigend."

Gute Nacht, Hamburg. Licht aus.