ZEIT: Hawaii-Klischee Nummer eins: Waren Sie surfen?

Kehl: Ich war fast jeden Tag zwei, drei Stunden im Wasser. Ich habe auch die typischen Surfer kennengelernt, die in Bullis leben, die Bretter auf dem Dach. Wenn die abends beim Grillen erzählten ...

ZEIT: ... packte Sie die Sehnsucht nach dem Aussteigerleben?

Kehl: Nein, das wäre nichts für mich. Aber ein paar Prozent der Leichtigkeit dieser Jungs würde ich gerne behalten. Mehr den Moment genießen zu können. Als Fußballer habe ich das natürlich versucht, aber da ist man immer im Hamsterrad, getrieben vom Erfolg und vom eigenen Ehrgeiz. Du gewinnst spektakulär das Derby, aber drei Tage später ist das nächste Spiel, du kannst den Sieg oft nicht richtig auskosten.

ZEIT: Von Hawaii ging es weiter nach Kanada ...

Kehl: Ich war zehn Tage lang in drei Resorts, mitten in der Wildnis. Ich habe gefischt, bin geritten, viel gewandert, Kajak gefahren ... Abends sitzt man am Lagerfeuer zusammen, bevor es zum Schlafen ins Zelt geht. (er zeigt ein paar Bilder auf dem Laptop)

ZEIT: Das Zelt ist groß wie ein Zimmer, im Essenszelt ist der Tisch mit Stoffservietten gedeckt – nach Backpackerleben sieht das nicht aus. Finden Sie es schade, dass Sie diese typische Zeit mit Anfang 20 verpasst haben – in Mehrbettzimmern schlafen, mit rumpligen Bussen fahren?

Kehl: Ich habe andere Erfahrungen in dem Alter gemacht. Und mit Mitte 30 reist man eben anders als mit Anfang 20, da freut man sich auf ein vernünftiges Bett und eine Dusche. Trotzdem würde mich dieses Hostelleben reizen, vielleicht mache ich das noch mal, in Australien oder Neuseeland. Wobei man dort dann Leute trifft, die 10 bis 15 Jahre jünger sind und gerade ihre erste große Lebenserfahrung machen. In ähnlicher Form habe ich das ja im Fußball schon erlebt: Da waren am Ende im Trainingslager auch 16-Jährige aus der A-Jugend dabei. Als die geboren wurden, habe ich mein erstes Bundesligaspiel gemacht.

ZEIT: Wenn Sie mit den anderen Gästen am Lagerfeuer saßen, wie haben die auf Sie reagiert?

Kehl: Viele hatten mit Fußball nichts am Hut und haben gefragt: Toll, und was machst du jetzt? Ich habe gemerkt, dass sich Leute gerne mit mir unterhalten, und zwar nicht weil ich Fußballer bin, sondern weil ich auch im alltäglichen Umgang Qualitäten habe, die genauso wichtig sind. Ein schönes Gefühl. Wenn doch mal Fragen zum Fußball kamen, habe ich mich freier gefühlt, einfach zu erzählen. Da habe ich übrigens gemerkt, wie schwierig es ist, nicht in diesen Floskeln zu quatschen, auf die man als Fußballer getrimmt wird. Das Geschäft lässt einen schon in manchen Bereichen abstumpfen, es hemmt die eigenen Gedanken.

ZEIT: Was haben Sie aus den Gesprächen mitgenommen?

Kehl: Einmal saß ich in Kanada in einer Runde älterer Herren und habe sie gefragt: Was war wichtig, wenn ihr auf euer Leben zurückblickt? Vor allem Zeit, und Gesundheit, Freunde und Familie. Danach habe ich meinen Brüdern gemailt, dass wir uns häufiger sehen müssen. Und als ich wiederkam, bin ich gleich zu meinen Eltern gefahren und habe sie mal wieder in den Arm genommen.

ZEIT: Von Kanada sind Sie ein paar Tage nach New York geflogen, dann nach Kuba.

Kehl: Ja, das war für mich eine ganz neue Welt. Ein Freund von mir aus Deutschland war spontan zu mir gestoßen. Toll war, dass wir durch einen Bekannten zwei Tänzer vom Nationaltheater kennengelernt haben, einen Mann und eine Frau, die uns einen ganzen Tag lang ihr Havanna gezeigt haben: Wir waren bei der Mutter der Frau, die Malerin ist und in einem kleinen Hinterhof eine Ausstellung hatte, haben mittags in einem Restaurant gegessen, wo wir die einzigen Touristen waren, und wir haben viel geredet. Mich hat interessiert, wie die Kubaner die Normalisierung der Beziehungen mit den USA sehen. Ich hatte das Gefühl, dass sie sehr stolz sind auf ihr Land, aber sich durch die Öffnung einen höheren Lebensstandard erhoffen.

ZEIT: Havanna ist bei all seiner Schönheit ja auch deprimierend.

Kehl: Ja, viele Häuser sind verfallen, und man merkt, dass Geld ein großes Thema für die Menschen ist. Bislang habe ich zumeist meine Urlaube in Spanien, auf Sylt oder am Tegernsee verbracht. Ich bin als Fußballer zwar viel gereist, aber wenn wir mit dem Verein oder der Nationalmannschaft in Ländern wie Aserbaidschan waren, haben wir ja vom wirklichen Leben dort nichts mitbekommen. Ich hatte das Bedürfnis, mal eine andere Welt kennenzulernen.