ZEIT: Nach Kuba waren Sie kurz zu Hause, dann sind Sie nach Indien geflogen. Warum Indien?

Kehl: Das klingt jetzt vielleicht abgedroschen, aber ich habe mal gehört: Wenn man nach Indien fährt, kommt man verändert zurück. Ich hatte einen Guide, mit dem ich drei Wochen lang 1.700 Kilometer durch Rajasthan gefahren bin. Unterwegs hat er mir sehr viel über die Geschichte und die Menschen in Indien erzählt, und durch ihn konnte ich mich auch mit ihnen unterhalten.

ZEIT: Mit wem haben Sie geredet?

Kehl: Ich habe ganz viele Begegnungen gehabt, einmal waren wir zum Beispiel auf einem Dorf bei einer Familie, Eltern und drei Kinder, die in einer einfachen Lehmhütte mit zwei Zimmern wohnten und von dem lebten, was sie anbauten. Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten, und sie haben mir erzählt, dass sie zufrieden und glücklich sind. Das habe ich häufig in Indien erlebt, da die Menschen Glück ganz anders definieren. Viele geben sich mit dem zufrieden, was sie haben, auch weil der Glaube da ist, dass es so von einer höheren Macht bestimmt ist. Als Sportler willst du ja immer alles aus dir herausholen, dich jeden Tag verbessern. Mit dieser Denkweise konfrontiert zu sein fand ich zunächst komisch. Viele Inder fanden wiederum mich befremdlich: ein Familienvater, der ohne seine Familie reist!

ZEIT: Und, sind Sie verändert zurückgekommen?

Kehl: Nicht nur in Indien wurde mir deutlich, wie gut wir es in Deutschland haben, aber wie sehr wir oftmals nach mehr streben und materielle Dinge oder persönliche Interessen im Vordergrund stehen. Da hinterfragt man sein Leben, ob einen das glücklich macht oder ob es nur die Erfüllung einer Erwartungshaltung ist. Ich glaube, dass ich etwas gelassener geworden bin. Das liegt aber sicher auch daran, dass der ständige Druck weg ist.

ZEIT: In Ihrem Wikipedia-Eintrag steht nun: "Sebastian Kehl ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler."

Kehl: Am Anfang meiner Reise habe ich immer noch gesagt: "I am a football player", bis ich merkte: nein – a former football player! Die Reise hat mir geholfen, diesen Übergang leichter zu gestalten. Zum Abschied hat mir die Mannschaft ein Video mit meinen schönsten Momenten geschenkt, in dem die Jungs zwischen den Szenen über mich was erzählen. Ich habe mir das erst im Oktober noch mal so richtig anschauen können, weil ich dann den Abstand hatte, es zuzulassen. Es hätte mich runtergezogen, das direkt in den Tagen nach dem letzten Spiel zu machen. Umso glücklicher macht es mich jetzt, wenn auch ein wenig Wehmut aufkommt.

ZEIT: Die Pause vom Fußball war kurz – mittlerweile haben Sie bei der Uefa ein Studium im Bereich Sportmanagement angefangen. Sorgen Sie sich, nach der Karriere schnell vergessen zu werden?

Kehl: Nein. Ich bin überzeugt, dass es in meiner Hand liegt, ob ich mich woanders einbringen kann. Darauf bereite ich mich jetzt vor. Aber klar: Ich bin jetzt ein paar Monate weg gewesen, und es wird ruhiger um einen. Der Ball rollt weiter. Jeder ist ersetzbar. Aber das war mir bewusst. Viele Fußballer begreifen das nicht oder zu spät. Es kommt der Tag, an dem das Leben als Berufsfußballer mit all den Vorteilen vorbei ist. Das Flutlicht geht aus, und du musst mit dir selbst weiterleben.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl: Ich habe im Fußball mal zu den besten 20 des Landes gehört, ich werde nie wieder in irgendwas so herausragend sein?

Kehl: Auch im Fußball war immer jemand besser als ich, und das wird auch womöglich woanders so sein. Das kann ich gut akzeptieren. Aber ich bin gerade mal 35, habe viele Erfahrungen gesammelt und bin mir sicher, mit meinen Fähigkeiten und Werten auch zukünftig im Sport eine Menge bewegen zu können. Das ist mein Ziel.