Der 12. Dezember ist der entscheidende Abend in Paris. Im Konferenzzentrum von Le Bourget vor den Toren der Stadt bereiten sich 195 Staaten darauf vor, endlich einen weltweiten Klimavertrag zu schließen. Aber Paul Oquist Kelley hat schwere Bedenken. Der massige Mann mit dem weißen Haar und dem Schnauzbart ist Leiter der Delegation aus Nicaragua. Er will dem Papier nicht zustimmen: Ihm sind die Pflichten der Industriestaaten und die Rechte der Armen zu vage. An Nicaragua kann alles scheitern. In der Hauptstadt Managua klingeln die Telefone. US-Außenminister John Kerry meldet sich ebenso beim Staatschef wie Raúl Castro, der sozialistische Amtsbruder aus Kuba.

Der entscheidende Anruf aber, so erzählen es Insider, kommt vom katholischen Erzbischof der Hauptstadt: Er bittet im Auftrag des Papstes, den Vertrag nicht zu blockieren. Um 19.26 Uhr Pariser Zeit erklärt der französische Außenminister Laurent Fabius das "Pariser Abkommen" für beschlossen. Paul Oquist Kelley gibt seine Bedenken zu Protokoll, legt aber keinen formellen Widerspruch ein. Der Anruf von ganz oben hat sein Ziel erreicht.

Das war kein Zufall. An jenem Abend in der nüchternen Messehalle "Seine" in Le Bourget ging nicht nur das Kalkül vieler Staaten und Umweltschützer auf – sondern auch eine bislang einmalige Strategie des Vatikans und anderer Religionsgemeinschaften: Himmel und Erde in Bewegung zu setzen für ein globales Klimaabkommen. Ausgerechnet in der Hauptstadt der französischen "Laïcité" verbuchen damit die Religionen 2015 einen ihrer größten politischen Erfolge – und das auch noch in der Stadt, die im gleichen Jahr zweimal vom islamistischen Terror erschüttert wurde. Das Klimaabkommen vom 12. Dezember setzt einen Gegenpunkt zur Gewalt. "Dieser Tag", sagte Claudia Salerno, Delegierte von Venezuela, nach der Einigung, "hat Paris wieder mit Licht und Hoffnung erfüllt." Und Frankreichs Präsident François Hollande rief in den Saal: "Paris hat viele Revolutionen gesehen, aber das hier ist die schönste und friedlichste."

Ihren Ursprung hatte diese Revolution nicht zuletzt in Rom. 2015 war das Jahr, in dem der Vatikan als neuer Global Player auf der Landkarte der Klimapolitik erschien. Vom Pontifex Maximus bis zu den Basischristen in Lateinamerika und den Bischofskonferenzen aller Kontinente arbeiteten viele Gremien hinter den Kulissen an einem Erfolg in Paris. Die zentrale Schaltstelle dafür: der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden, praktisch das Umwelt- und Entwicklungsministerium des Vatikans. Sein Vorsitzender, Peter Kardinal Turkson aus Ghana, beriet den Papst bei den Öko-Fragen und machte in Paris vor und hinter den Kulissen Druck für ein Abkommen.

Die Strategie war langfristig angelegt: Bereits im Herbst 2014 empfing der Papst die Chefin des UN-Klimasekretariats, die Katholikin Christiana Figueres, in Rom. Früh schon streuten Insider, der Papst arbeite an einer "Öko-Enzyklika". Dann besuchte Papst Franziskus im Januar 2015 die Philippinen. Immer häufiger werden die von schweren Stürmen heimgesucht. Eine Messe in Tacloban, einer Stadt, die vom Taifun Haiyan verwüstet worden war, hielt Franziskus sogar im Regencape – und sprach über die Gefahren des Klimawandels und die mehr als 6.000 Toten des Sturms.

Zudem stand die UNO im Jahr 2015 vor drei wichtigen Entscheidungen: Konferenzen über die Hilfen für arme Länder im Juni in Addis Abeba, über die "nachhaltigen Entwicklungsziele" im September in New York und schließlich über das Klima in Paris. Der Vatikan schneiderte seine Strategie passend auf diesen Zeitplan: In Rom häuften sich interne und externe Treffen. Im Frühjahr sprachen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und der US-Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs als Ehrengäste auf einer Konferenz der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften zu Klima und Entwicklungshilfe. Es sind Themen, die kirchliche Hilfswerke wie Misereor und Brot für die Welt seit Jahren umtreiben. Auch die Weltbank glaubt mittlerweile: "Der Klimawandel bedroht alle Erfolge bei der Bekämpfung der Armut."

Im Frühling ließ Kardinal Turkson dann einen Versuchsballon steigen: Vertraulich zirkuliert eine Rede von ihm mit den Grundgedanken der Enzyklika. Als der Rücklauf positiv ist, folgt im Juni der erste Paukenschlag: "Laudato si", das Öko-Manifest von Papst Franziskus. Darin spricht der Papst von "ökologischen Schulden des Nordens gegenüber dem Süden" und fordert konkret: "Fossile Brennstoffe müssen ohne Zögern ersetzt werden." Er räumt mit einer Theologie auf, die seit Jahrhunderten predigt, der Mensch solle die Natur unterwerfen. "Der Mensch als Dominator und Zerstörer, das ist keine korrekte Interpretation der Bibel", schreibt er seinen Theologen ins Stammbuch.