Der jährlich stattfindende Babyschreiwettbewerb in Tokio, Japan © KAZUHIRO NOGI/AFP/Getty Images

Allen anderen, die die Why-Cry-Frage beschäftigt, sei gesagt: Babys weinen, weil sie Babys sind. Oder, wie es der amerikanische Kinderarzt und Autor Marc Weissbluth ausgedrückt hat: "Birds fly, babies cry." Sie haben nun mal oft was zu meckern, wie wir ja auch. Man muss nur mal an die typische Unterhaltung morgens im Büro denken.

Mensch 1: "Na, alles klar? Siehst mitgenommen aus. Ging’s noch lang gestern?"

Mensch 2: "Allerdings. Sei bloß froh, dass du so früh gegangen bist, ich bin total fertig. Und ich will gar nicht wissen, was ich alles geredet habe. Und dann haben wir auch noch zu It’s Raining Men getanzt! Oh Mann."

Mensch 1: "Was? Und das habe ich alles verpasst? Wäre ich doch geblieben. Ich konnte sowieso ewig nicht einschlafen."

Mensch 2: "Ich schlafe immer ganz schnell. Und tief! Den Wecker heute Morgen habe ich komplett verschlafen. Ich konnte nicht mal mehr duschen."

In der Sprache der Babys klänge diese Unterhaltung in etwa so:

Mensch 1: "Wäh?"

Mensch 2: "Wäh! Bähwäh, uah, bäh!"

Mensch 1: "Buhu, buhuuu. Wäh?"

Mensch 2: "Neeehe, uhu, buhu, wähwähwäh, muaaaa!"

Nur weil ein Baby Krach schlägt, muss das Leiden so schrecklich nicht sein. Und sicher liegt oft schon ein Trost darin, seinem Unmut so kraftvoll Luft machen zu können. Wie heißt es so schön – "sich ausweinen". Wieso gesteht man das Babys nicht zu? Auch vom Kummer der Älteren wollen Erwachsene lieber nichts hören. Wenn Kleinkinder hinfallen und dann schreien, heißt es schnell: "Ist doch nicht schlimm. Alles gut. Na komm schon. Nicht weinen."

Man soll Babys ruhig mal schreien lassen, sagte man früher. Härtet ab und kräftigt die Lungen. Viele der Kinder, die so aufwuchsen, sind heute selbst Eltern, und sie wollen alles besser machen. Kein Kind soll es mehr nötig haben, zu weinen, immer soll jemand da sein, der sich kümmert. Bücher wie Auf der Suche nach dem verlorenen Glück propagieren diese Idee. Darin beschreibt die US-Amerikanerin Jean Liedloff, wie indigene Babys in Venezuela aufwachsen, immer zufrieden, weil immer auf dem Arm, Schoß oder Rücken ihrer Mütter. 1980 erschien Liedloffs Buch erstmals auf Deutsch, heute hat es Kultstatus erreicht. Eine Psychiaterin, die auf postnatale Krisen spezialisiert ist, erzählte mir, viele ihrer Patientinnen sprächen sie darauf an. Was sie bloß falsch machten, dass ihr Kind so unglücklich sei, sonst würde es doch nicht weinen. Liedloff, die als Model gearbeitet hatte, bevor sie nach Venezuela ging, hatte selbst übrigens keine Kinder, sonst hätte sie vielleicht ein anderes Buch geschrieben.

Jedes Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Zu widersprechen gibt es da nichts, aber etwas zu ergänzen. Denn was ist mit dem Recht von Kindern auf ihre tausend Traurigkeiten? Was mit der Pflicht von Eltern, diese auch mal zu ertragen?

Bei mir daheim leidet gerade die eine Tochter, weil ich nicht da bin, die andere, weil der Geburtstag vorbei ist, und die dritte, weil der Impftermin noch kommt. Welche Erwartungen stellen wir an Kinder, wenn sie immer fröhlich sein sollen? Wofür sollen sie uns entschädigen, wenn wir ständig die kindliche Unbeschwertheit beschwören? Wer keine langen Gesichter um sich herum erträgt, soll doch bitte ein Quokka anschaffen. Dieses putzige Beuteltier nimmt nicht viel Platz weg und sieht stets so aus, als würde es lächeln.

Empathie ist ein Schlüsselwort in der modernen Erziehung. Aber auch mit ihr kann man es übertreiben. Manchmal hilft nur Gelassenheit; die zu bewahren ist schwer genug. Ursprünglich war Kindergeschrei darauf ausgelegt, hilflose Steinzeitbabys vor wilden Tieren zu retten. Und hätte es so nett wie ein Schluckauf geklungen, wären die Eltern wohl nie von ihrem Bärenfell aufgestanden. Deshalb erreicht es bis zu 120 Dezibel (ein Staubsauger hat 70), und wenn meine erste Tochter ihr steinzeitartiges Brüllen anstimmte, bin ich manchmal so schnell aufgesprungen, dass der Stuhl umfiel, und habe ein Beruhigungsprogramm absolviert, das so ziemlich das Gegenteil von Gelassenheit war.

Es ging so: Baby an die Brust legen, kurz stillen, klappt nicht, Mist. Baby auf dem Arm hin und her wiegen, erst ruhig, dann immer hektischer, Baby in die Federwiege legen und da weiterschaukeln. Nervös werden, weil Baby immer noch schreit und inzwischen einen ganz roten, heißen Kopf hat. Baby rausnehmen und Fieber messen. Feststellen, dass Baby kein Fieber hat, aber nun so richtig doll schreit. Und wie habe ich jedes Mal gelitten, wenn meine Tochter auf der Straße weinte und die "Ach, was hat die arme Kleine denn?"-Frage kam. Meine Rettung war ein älterer Herr, ein Freund der Familie, der mir bei einem Weihnachtsessen einige Wochen nach ihrer Geburt gegenübersaß. Es war eine große Tafel, mit Braten, Wein und vielen Gästen, der ältere Herr, ein Schriftsteller, war in letzter Minute aus dem Arbeitszimmer dazugekommen.

Meine Tochter hatte an diesem Tag viel gequengelt, und es waren etliche Vermutungen über die Ursachen angestellt worden, von jedem Verwandten mindestens eine. Der ältere Herr, der selbst dann imposant wirkte, wenn er einen Knödel aufspießte, betrachtete meine weinende Tochter eine Weile, dann seufzte er tief und sagte: "Ach, hat die es gut! Wenn man das doch als Erwachsener noch dürfte – seinem Ärger so Luft machen!"

Seien wir also da für unsere Kinder, wenn sie weinen, aber weinen wir nicht gleich mit. Lassen wir es zu, dass sie schreien. Nicht weil es ihre Lungen kräftigt. Sondern schlicht weil sie ihre Stimme finden sollen.