Um Intelligenz herzustellen oder wenigstens zu simulieren, sollte man aber zuallererst wissen, was Intelligenz überhaupt ist. Die Antwort auf diese Frage ist in der AI-Forschung (kurz für Artificial Intelligence) aber bis heute umstritten. Angenommen, uns würde die Konstruktion einer Maschine gelingen, die in der Lage ist, in jeder Hinsicht menschliches Verhalten an den Tag zu legen. Und weiter angenommen, man unterhielte sich mit ihr: Mit welcher Frage ließe sich entscheiden, ob sie tatsächlich über Bewusstsein und Intelligenz verfügt oder diese Eigenschaften nur vortäuscht? Gefragt, ob sie sich ihrer bewusst sei, würde unsere Maschine programmgemäß natürlich mit "Ja" antworten. Und was, wenn sich selbst komplizierte philosophische Debatten über Sein und Nichtsein mit ihr führen ließen? Das alles könnte eine perfekte Simulation sein – oder aber wirklich Geist. Wie soll man das unterscheiden?

Als Meilenstein der AI-Forschung gilt der Turing-Test, benannt nach dem legendären britischen Mathematiker Alan Turing, dessen Lebensgeschichte jüngst unter dem passenden Titel The Imitation Game verfilmt worden ist. Sollte es, so Turing, in einer Konversation mit einem unsichtbaren Gegenüber nicht möglich sein, herauszufinden, ob man es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun hat, so müsse man, sofern man tatsächlich mit einer Maschine kommuniziert habe, dieser konsequenterweise Geist zuschreiben. Im Prinzip ist der Turing-Test ein Spezialfall dessen, was für Albert Einstein Grundlage jeder Wissenschaft war: Nur dem Messbaren kommt eine reale Bedeutung zu. Und wie anders wollte man den Unterschied zwischen menschlichem Geist und maschineller Programmierung messen als durch intelligente Konversation? Gibt es doch für Intelligenz keinen anderen Maßstab als die Intelligenz selbst.

Was auf den ersten Blick etwas theoretisch klingt, ist es im Zeitalter von Telefonwerbung und Callcentern keineswegs: Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt und wir aufgefordert werden, an einer Umfrage teilzunehmen oder eine günstige Charge besonders exquisiten französischen Rotweins zu erwerben, führen wir unbewusst eine Art Turing-Test aus. Bei allem Genervtsein filtern wir doch immerhin heraus, ob wir es am anderen Ende der Leitung mit einem realen Menschen zu tun haben oder nicht (ZEIT Nr. 35/15). Noch spüren wir, ob das "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!" echt ist oder maschinell. Aber wie lange noch?

In dem Oscar-gekrönten Film Her spielt Scarlett Johansson die weibliche Hauptrolle, ohne je auf der Leinwand in Erscheinung zu treten. Der geschiedene Phlegmatiker Theodore nutzt in naher Zukunft die neueste Version eines Betriebssystems mit menschlicher Stimme – und verliebt sich prompt in die perfekte weibliche Konversationspartnerin aus der Cloud. Die muntere Plauder-App ist, wie sich schließlich herausstellt, auf verbaler Ebene denn auch zu allem fähig, wonach sich der gescheiterte Theodore in seiner Einsamkeit sehnt: Verständnis, Feingefühl, sogar Erotik.

Dabei ist Theodore durchaus bewusst, dass Samantha – so ihr Name – nur ein Programm ist. Doch Samantha scheint perfekter, als es eine reale Frau je sein könnte: Sie ist für ihn da, wann immer er sie braucht, widerspricht ihm nicht und geht auf seine Wünsche ein. Theodore reagiert genau so, wie Joseph Weizenbaum es in seinen schlimmsten Albträumen vorausgeahnt hat. Das einzige verbale Beziehungsmodell, das er kennt, ist die menschliche Kommunikation, und so wird Samantha für ihn zum menschlichen Wesen.

Wenn man sich im Internet mit Chatbots wie A.L.I.C.E. oder Brain unterhält, muss man derzeit noch reichlich viel eigene Intelligenz aufwenden, um eine sinnvoll wirkende Konversation zustande zu bringen. Auch Apples Siri macht im Plausch über Die Tribute von Panem aus den "Hungergames" noch "Hangar Games". Immerhin, so dokumentieren es diverse "Best of Siri"-Seiten im Internet, täuscht sie Schlagfertigkeit vor. "Siri, sag was Schmutziges!" – "Humus, Kompost, Schlamm, Schotter, Bimsstein", oder: "Was ist der Sinn des Lebens?" – "Über Fragen wie diese nachzudenken." Doch ist auch hier nicht Maschinenintelligenz am Werk, sondern es sind Apples Programmierer, die häufig gestellte (Fang-)Fragen analysieren und dafür witzige Antworten bereitstellen – eine Investition, die sich wohl lohnen wird.

Verbale Kommunikation ist ein gigantischer Markt – und wo ein Markt ist, da werden Produkte unablässig verbessert. Wer weiß heutzutage noch, dass es einmal Mobiltelefone im Format von Schuhgröße 45 gab, mit denen man nichts anderes tun konnte, als zu telefonieren? Wir sollten uns also darauf einstellen, dass wir irgendwann ganz selbstverständlich mit unseren Smartphones sprechen werden und wohl auch mit manchem Haushaltsgerät: "Morgen um sieben einen Latte macchiato", "Jetzt das Wohnzimmer saugen", "Spiel ein paar rockige Songs aus den Sixties".

Vielleicht wird es irgendwann sogar normal sein, mit verführerisch schönen Androiden in einer Weise zu plaudern und zu flirten, die jede reale zwischenmenschliche Beziehung unnötig kompliziert und konfliktträchtig erscheinen lässt. Schon dem griechischen Bildhauer Pygmalion erschien seine eigene Frauenstatue begehrenswerter als alle realen Frauen in seiner Umgebung. Und so bat er die Liebesgöttin Venus, seiner Statue Leben einzuhauchen, um ihn glücklich zu machen – ein Wunsch, den sie ihm schließlich erfüllte. In E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann hingegen endet die heißblütige Verehrung Nathanaels für die himmlisch schöne, aber sich schließlich als mechanische Puppe erweisende Olimpia in Blutvergießen und Wahnsinn.

Welches Szenario wohl Wirklichkeit wird, wer will das heute sagen? Aber sich darauf zu verlassen, dass verbale Kommunikationsfähigkeit ein Privileg des Menschen bleibt, erscheint 50 Jahre nach der Veröffentlichung von Eliza naiv.

Denn unbestreitbar ist: Vieles von dem, was wir einmal für eine intellektuelle Domäne des Menschen gehalten haben, können Computer inzwischen besser als wir. Rechnen, navigieren, Wissen abspeichern, Schach spielen ... – niemand weiß, wo die Grenze ist. Aber wir sollten die Herausforderung annehmen. Wenn es uns schon nicht mehr möglich ist, Computer beim Schach zu schlagen – als Gesprächspartner sollten wir ihnen überlegen bleiben.

"Wie geht es Ihnen?"

"Ich habe gerade einen Artikel über menschliche Kommunikation gelesen."

"Erzählen Sie mir davon."

"Stellen Sie sich vor, vielleicht ist es bei Gesprächen eines Tages gar nicht mehr möglich, zwischen Mensch und Maschine zu unterscheiden."

"Verstehe."

"Das ist ganz schön deprimierend, finden Sie nicht?"

"Keine leichte Frage."

"Das habe ich ja auch nicht gesagt."

"Fahren Sie fort."

"Warum beziehen Sie nicht endlich mal Stellung?"

"Keine leichte Frage."

"Sie weichen schon wieder aus!"

"So?"

"WARUM BEZIEHEN SIE NICHT ENDLICH MAL STELLUNG!"

"Das sagten Sie bereits!"